'Der verlorene Sohn'. Die vorexistentielle Abstammung des Menschen von den gefallenen Erstlingsgeistern


Inhaltsübersicht:


Bezieht sich das Beispiel des 'verlorenen Sohnes' auch auf gefallene jenseitige Geistwesen? Ist Satan damit gemeint?

"Es gibt wohl in der Heiligen Schrift keinen Vers und kein Kapitel, das Größeres in sich fassen möchte, als das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Auch wird es nicht leicht eine Stelle geben, die schwerer zu verstehen ist als diese." (jl.him1.306,01) "In dem Namen 'Luzifer' steckt das ganze, für euch ewig unerfaßliche und endlose Kompendium des verlorenen Sohnes. Denkt euch, daß beinahe die gesamte gegenwärtige Menschheit nichts als Glieder dieses einen 'verlorenen Sohnes' sind, und zwar namentlich diejenigen Menschen, welche aus Adams ungesegneter Linie abstammen. Dieser 'verlorene Sohn' hat alles Vermögen, das ihm gebührte, herausgenommen und vergeudet dasselbe nun durch für eure Begriffe endlos weit gedehnte Zeiträume." (jl.him1.307,09)
"Unter dem 'verlorenen Sohn' wird aber auch jeder einzelne Mensch für sich verstanden." (jl.him1.315,36)
Schließlich wird darunter auch der ganze Kosmos mit Milliarden Galaxien, von der jede ca. 50 bis 100 Milliarden Sonnen enthält, verstanden. Nach den Kundgaben der NO stellt das Universum von 'außen' gesehen "eine vollendete Menschengestalt" dar und "ist in seiner Art von niemandem außer von Mir in dieser Wirklichkeit erschaulich". (jl.him1.311,11)
"Die Gottheit ergriff in allen Teilen Luzifers Wesen, nahm alle spezifische Wesenheit bildete daraus Weltkörper durch die ganze Unendlichkeit, umhüllte den Geist dieser endlosen Wesenseele mit den mächtigsten Banden und band ihn in die Tiefe der Materie." (jl.erde.056,05)
"Dieser kosmische Mensch, den ihr da seht, ist nicht mehr und nicht weniger als der sich selbst wiedergefundene 'verlorene Sohn', der sich in jedem einzelnen wiedergeborenen Menschen wiedergefunden hat." "Ihr müßt aber nicht etwa denken, dieser gefallene Luzifer wurde als Ganzes wieder zurückkehren. Wenn dies möglich gewesen wäre, wahrlich, es hätte nie eine materielle Schöpfung stattgefunden, sondern: in einem jeden einzelnen Menschen, der nach Meinem Wort lebt und wiedergeboren wird durch das Wort und durch die Erlösung, wird dieser Verlorene (d. h. ein Wesensteil von ihm) wiedergefunden und in das große Vaterhaus zurückkehren." (jl.him1.314,26)

Weist das Gleichnis vom 'verlorenen Sohn' auch auf den Zustand der Materie und auf die Erlösung alles Geschaffenen hin?

"Freilich ist alle Materie, aus der das Universum besteht, auch nur ein Werk Gottes, und es liegt in ihr Göttliches verborgen, aber daneben liegt in ihr auch Lüge, Trug und Verführung, woraus dann entsteht Neid, Geiz, Haß, Hochmut Verfolgung und daraus hervorgehend allerlei Laster, ohne Zahl und Maß. [Man kann hieraus entnehmen, daß die manichäische Vorstellung, die Materie sei böse, teilweise richtig ist. D. Vf.] Und eben dieses Falsche, die Lüge und der Trug ist geistig genommen der 'Satan', und alle die einzelnen daraus notwendig hervorgehenden Laster sind eben das, was man 'Teufel' nennt" (jl.ev05.094,02-03)
Der Plan Gottes, alle von ihm abgefallenen Geistwesen wieder über den Weg durch die Materie ins Vaterhaus zurückzubringen, benötigt unvorstellbar lange Zeiträume. Aber dennoch wird der Zeitpunkt kommen, "wo keine materielle Sonne und keine materielle Erde mehr kreisen werden im endlosen Raum, sondern überall wird eine überherrliche, neue geistige Schöpfung mit seligen freien Wesen den endlosen Raum erfallen, und Ich werde ewig gleichfort aller Wesen Gott und Vater sein von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und dieses allerseligsten Zustandes wird fürderhin nimmer ein Ende sein. Es wird da sein eine Herde, ein Schafstall und ein Hirte". "Wann aber dieses alles also wird, nach der Zahl der Erdenjahre, kann nimmer bestimmt werden. Und würde Ich die Zahl auch kundtun, so würdest du sie unmöglich fassen können." (jl.ev02.063,03-04)
Diese materielle Schöpfung wird in der Neuoffenbarung also eindeutig als Erlösungsfeld der göttlichen Liebe und Erbarmung interpretiert. Zur Rettung der gefallenen Geister wurde das Universum geschaffen. Die sich allmählich lösenden luziferischen Lebensfunken werden nach Gottes weisem Plan stufenweise, d. h. in evolutiver Form, durch das Mineral-, Pflanzen- und Tierreich emporgeführt zum Endziel, zum Menschen. "Die ungeheure Menge abgefallener Geister, welche mit Luzifer fielen und dann als Träger der Materie in ihr gebunden wurden, sie alle klassifizieren die ganze Weltschöpfung nach dem geistigen Inhalt" (gm.pred.051,05) "Ihr waret Geist und werdet wieder Geist werden. (gm.pred.019,24)
Das große Ziel Gottes ist, alle Menschen - auf welchen Weltkörpern sie immer leben - auf einem Heilsweg zur geistigen Wiedergeburt und damit zu Gott zurückzuführen. Die Erde und ihre Bewohner spielen dabei nach Angaben der Neuoffenbarung eine ganz besondere und bevorzugte Rolle. Der Weg ist zwar unvorstellbar lang und kann für manche qualvoll sein.

Welche Bestimmung hat der Mensch?

"Der Mensch ist das vollkommenste der zahllos verschiedenen Geschöpfe, der Kulminationspunkt der göttlichen Liebe und Weisheit, und bestimmt, selbst ein Gott zu werden." (jl.ev07.141,06) Deshalb sagte Jesus zu den Juden: "Wißt ihr nicht, daß ihr (potentielle, d. Vf.) Götter seid?" "Jetzt", heißt es in der Neuoffenbarung dazu, "seid ihr erst wie Embryonen im Mutterleib." (jl.ev03.180,08) Wenn das Endziel Gottes erreicht ist, wird der 8. Psalm seine ganze, jetzt noch verborgene Leuchtkraft ausstrahlen: "Du machtest den Menschen wenig geringer denn einen Gott, mit Ehren und Hoheit kröntest du ihn."
Wer die hochgeistigen Kundgaben der Neuoffenbarung in ihrem ganzen Umfang in sich aufgenommen hat dem wird auch die Bedeutung eines Wortes des mittelalterlichen Mystikers Meister Eckehart (14. Jh.) klar: "Aller Kreaturen Wesen und Leben ist nichts anderes als ein Rufen und Eilen zu Gott, von dem sie ausgegangen sind. 3

Gelangen durch stufenweise, evolutionäre seelische Entwicklung irgendwann alle Geschöpfe zur Seligkeit?

Das Bild der Gesamtentfaltung des Lebens und das stufenweise allmähliche Emporsteigen, wie es in der Neuoffenbarung umfassend dargestellt ist, findet sich auch bei dem Mystiker Jakob Böhme, der ebensowenig wie Jakob Lorber damals etwas von Evolutionstheorien wissen konnte.
Im dritten christlichen Jahrhundert vertrat auch der größte Bibelgelehrte, Origenes, die Lehre der Apokatastasis, d. h. der Wiedererbringung aller Dinge. Danach verlaßt die Seele wieder den Läuterungsort, und ewig dauern die Strafen nicht. "Die Vollendung ist erreicht", schreibt Origenes, "wenn einmal alle Seelen ihre Rettung in der Engelwerdung gefunden haben. Alle Kreatur kehrt zu Gott zurück." "Der universelle Heilswille ist eine Offenbarung des allerbarmenden Gottes." 4 In seiner Schrift contra Celsus 92-97 setzt Origenes den Adam gleich mit der Ur-Einheit der Menschennatur, die urzeitlich als Ganzes vom Himmel gestürzt ist. Origenes nimmt Bezug auf den Ausspruch des Propheten Josua: "Gar viel ist meine Seele gewandert" (Buch Josua) und fährt fort: "Begreife also, wenn du es vermagst, welches diese Wanderungen der Seele sind, in denen wandern zu müssen sie mit Seufzen und Klagen betrauert. Freilich, solange sie noch wandert, stockt die Einsicht dieser Dinge und ist verhüllt, erst wenn sie zu ihrem Vaterland, ihrer Ruhe, dem Paradies gelangt sein wird, wird sie wahrer darüber belehrt werden und es klarer einsehen, welches der Wegsinn ihrer Wanderung gewesen ist." 5
"Plötzlich", so schreibt hierzu der katholische Theologe und angesehene Schriftsteller Hans Urs von Balthasar in seiner Schrift 'Origenes - Geist und Feuer', "brechen Einsichten wie Blitze durch, die zu den unverlierbarsten und doch vergessensten der christlichen Denkgeschichte gehören." 6 "Aber als das Gefäß in tausend Splitter zerbrach und der Name des Meisters (Origenes) gesteinigt und verschüttet wurde, entquoll der Duft des Salböls und erfüllte das ganze Haus." 7
In der Schrift der hl. Hildegard von Bingen Scivias ('Wisse die Wege') schimmert die Lehre von der Apokatastasis noch einmal durch: "Nun hörte ich eine Stimme, die zu mir sprach: Lobgesänge gebührem dem hehren Schöpfer mit unermüdlicher Stimme des Herzens und des Mundes, denn nicht nur die Stehenden und Aufrechten, sondern auch die Gefallenen und Gebeugten führt er durch seine Gnade zu dem himmlischen Thron" (3. Buch, 13. Gesicht).
Die Lehre, daß die Menschen gefallene Geister sind und durch die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen auf einer unendlich langsamen und weiten Wanderung durch das Mineral-, Pflanzen- und Tierreich schließlich wieder wie der verlorene Sohn ins Vaterhaus zurückgeführt werden, findet sich nicht nur im christlichen Altertum und in der christlichen Mystik, sondern auch in der Mystik anderer Religionen, u. a. im Parsismus, der auch keine ewige Hölle kennt, ebenso in der islamischen Mystik dem sogenannten Sufitum. Schönsten Ausdruck findet diese Lehre in den folgenden Versen des berühmten persischen Mystikers Dschelâl ed Din Rûmi (1207-1273):

"Ich starb als Stein und sproße als Pflanze auf,
Ich starb als Pflanze und ward Tier darauf,
Ich starb als Tier und ward als Mensch geboren,
Was grauet mir? Hab durch den Tod ich je verloren?
Als Menschen rafft er mich von dieser Erde,
Daß ich des Engels Fittich tragen werde.
Als Engel noch ist meines Bleibens nicht
Denn ewig bleibt nur Gottes Angesicht.
So tragt noch über Engelwelt mich fort
Mein Flug zu unerdenklich hohem Ort:
Dann ruf zu nichts mich!
Denn wie Harfenlieder
Klingt's in mir, daß zu Ihm wir kehren wieder."

Bedeutende Denker wie der Naturwissenschaftler Edgar Dacqué oder Leopold Ziegler usw. haben die diesbezüglichen Kundgaben Lorbers, sicher ohne diesen zu kennen, wissenschaftlich interpretiert. So schreibt Dacqué: "Des Menschen Urform war im organischen Reich schon metaphysisch anwesend, d. h. von Gott 'gewollt', als sich in der Frühzeit die ersten niederen Geschöpfe manifestierten. Der Mensch, obwohl der Zeit nach erst in der letzten Eisperiode als Vollmensch hervortretend, war doch schon in allen Lebewesen vor ungezählten Jahrmillionen da." 8
Leopold Ziegler sieht gleichfalls das Geheimnis des Menschen in seinen tieferen Zusammenhängen: "Wohl ist die Geschichte und die Geschichtlichkeit die eigentliche Sphäre des Menschen, aber diese Geschichte spielt sich auf der naturhaften Grundlage vieler anderer Stufen des Lebens ab, die alle miteinander in einem Zusammenhang stehen."
Die von der Neuoffenbarung dargestellte Evolution des Lebens ist ein unvorstellbar langer Weg in der Kosmogonie und Anthropogonie, auf dem sich der Plan Gottes zur Rettung der abgefallenen Geister verwirklichen wird. Die unausmeßbaren Tiefen dieser Heilstat, die mit den Worten des JohannesEvangeliums in Zusammenhang stehen: "Wenn Ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen", werden in diesem irdischen Leben schwerlich jemals voll erfaßt werden können.
Verfolgt man den Plan Gottes, alle abgefallenen Geister auf dem langen Weg ins Vaterhaus zu unvorstellbarer Seligkeit zurückzuholen, so weitet sich die Sicht zu einer grandiosen Konzeption, die einzig und allein dem wahren Wesen Gottes, d. h. der Liebe, adäquat ist. Die Schöpfungslehre der Neuoffenbarung vermittelt uns ein vergeistigtes Weltbild, das einen tiefen Sinn erkennen und die Liebe und Erbarinung Gottes in der Heilsgeschichte hell aufleuchten läßt.


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