Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 54. Kapitel: Empfang der zwölf Boten von den Vätern. Abedam heilt Seths Sprachfehler. Die Speisung der zwölf.

   01] Wie aber der Garbiel und der Besediel unterwegs sich miteinander besprachen, also besprachen sich auch all die andern und kamen somit, allesamt und sämtlich von Mir geführt, eines wohlbereiteten und tieferbauten andächtigsten Herzens auf der Vollhöhe
   02] Als sie aber da anlangten, da hieß der Abedam all die Väter alsbald sich wieder aufrichten und empfangen die zwölf von Ihm und dem Adam selbst auf die Höhe Gebrachten.
   03] Als aber die Väter solchen Wunsch vom Abedam vernommen, da streckten aber auch alsbald all die Väter, Weiber und Kinder ihre Arme aus nach den zwölfen, und so wurden diese auf das allerliebreichste aufgenommen.
   04] Nur der Seth getraute sich nicht hinzu; denn er fürchtete sich nun vor denen, die er früher also etwas unsanft angedonnert hatte.
   05] Adam aber berief alsbald den Seth zu sich und fragte ihn, sagend nämlich: »Ahbel-Seth, warum bleibest du ferne, da alles, was da nur atmet auf dieser Höhe, der Stimme des überheiligen Vaters folgt?
   06] Oder sind dir denn die Arme steif geworden, daß du sie nicht magst ausstrecken nach denen, die der heilige Vater Abedam Selbst hierher gebracht hat? - Oder hast du etwa gar Seinen Aufruf überhört?«
   07] Der Seth aber fiel alsbald nieder vor Adam und Abedam und sagte flehend: »O vergebet mir unbesonnenem Toren! Was ich getan habe, - -«
   08] Hier fiel ihm alsbald Abedam ins Wort und sagte: »Das habe Ich getan, und darum war es recht und wohl getan!
   09] Aber deine Furcht ist nun eitel, derzufolge du dich nun nicht getrauest, aufzunehmen diese, die doch Ich Selbst hierher geführt habe, und habe dann euch alle herbeigerufen und allen angezeigt, was ihr tun solltet!
   10] Lege alsonach deine törichte Furcht beiseite, und folge dem Beispiele aller andern, so wirst du dein Herz ledig machen und es ferne halten jeglichem Vorwurfe deines eigenen Gewissens, - und das um so mehr, indem du vor Mir als ein Mann frei von aller Sünde dastehst! - Verstehe es, und handle danach! Amen.«
   11] Und der Seth erhob sich alsbald und streckte auch alsbald seine Arme überfreundlichst zur Aufnahme nach den zwölfen aus.
   12] Als diese aber bemerkten, daß auch der vorher erzürnte Vater Seth die Arme nach ihnen ausstreckte, da fielen sie beinahe alle hin zu seinen Füßen und baten ihn um Vergebung, da sie früher ihm sicher durch ihre unüberlegte Torheit die Gelegenheit gegeben zu haben glaubten, daß er sich darob habe ärgern müssen.
   13] Der Seth aber konnte vor lauter Liebeergriffensein auch nicht ein Wort über seine Lippen bringen; doch was seine Zunge für eine kurze Zeit zu tun unvermögend war, das zeigten desto werktätiger seine Hände und seine Brust, indem er allerfleißigst einen um den andern vom Boden mit eigenen Händen aufhob, ihn mit Zeichen aufrichtete im Herzen und dann an seine Brust drückte.
   14] Als er nun auf diese Art werktätig gezeigt hatte, wie er eigentlich gar nicht und nie erzürnt war, sondern daß er das, was er vorher an ihnen getan hatte, sicher nur aus einem inneren höheren Antriebe getan hatte ihrer ewigen Lebenswohlfahrt wegen, aber dabei doch gewahrte, daß die zwölfe seine Zeichen nicht völlig verstehen mochten, so wandte er sich alsbald an den Abedam und deutete Ihm auf die Zunge und auf seine Brust.
   15] Denn Seth hatte von der Geburt aus den Fehler, daß er da längere Zeit oft nicht ein Wort über seine Lippen zu bringen vermochte, wenn sich große Affekte seiner Seele bemächtigt hatten.
   16] Und alsbald berührte Abedam des Seths Mund und Brust und sagte zu ihm: »Seth, Ich sage dir, tue auf deinen Mund, und ewig nimmer soll deine Zunge dir ihren Dienst versagen; und also mache nun Luft deinem Herzen! Amen.«
   17] Und alsbald ergoß sich aus Seth ein ganzer Strom von den allerherrlichsten Worten, welche also lauteten:
   18] »O Kinder, o Kinder der Liebe des heiligen Vaters, hätte ehedem ich nicht aus einem gar rechtlichen, heiligen inneren Triebe mit lauteren stärker erschallenden Worten euch müssen abweisen von meinem euch über die Maßen stark liebenden Herzen, - fürwahr, meine Freunde, mein Herz hätte euch alle verschlungen vor heißester Liebe!
   19] Ihr Kinder, ihr Freunde, doch wie ihr geflohen vor meinem an Adam, den Vater, euch weisenden Worte so schnell und so hart alle seid da hinab von der heiligen Höhe, da tat es mir wehe um euch, meine Kinder und Freunde, darum ihr, dahin euch mein Wort hat ganz ernstlich beschieden, nicht wolltet euch kehren und fragen daselbsten den Adam, darum ihr herauf seid so mühsam und furchtsam den Hügel gestiegen!
   20] Denn seht, solange der liebe, der heilige Vater, von Adam geleitet, noch nicht eure Schar hat erreichet, so lange auch war es mir bange, ja überaus bange im liebenden Herzen um euch, meine Freunde und Kinder!
   21] Doch als ich nach kurzem ersahe den heiligen Vater so liebvollst euch alle an Seine Brust ziehen und drücken, da fiel mir ein drückender Stein, wie die Erde so schwer, denn auf einmal von meinem noch schmerzvollen Herzen, darum ich euch Kinder vor mir, eurem liebenden Vater, gar traurig da fliehen mußt' sehen!
   22] Doch nun laßt uns alles vergessen! Der heilige Vater hat also ja haben es wollen; darum sei auch ewig Ihm Dank und die reineste Liebe, der' unsere Herzen nur fähig je sind!
   23] Und nun, Kinder und Freunde, wie ich es nun merke, so habt ihr heute noch nicht euch gestärkt mit Speise und Trank; darum kommet hierher an die Körbe, und esset und trinket, was all's ihr darinnen nur findet, - denn all's ist gesegnet vom heiligen Vater!
   24] O kommet, o kommet und nehmet zu euch diese Speise zum ewigen Leben!«
   25] Und alsbald auch hieß der Abedam sie folgen dem Seth und tun, was ihnen der Seth angetragen hatte.
   26] Und sie folgten dem Seth in zum Korbe Adams und aßen und tranken alle wohlgemut daraus.


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