Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 54. Kapitel: Der habsüchtige Zöllner und Jesus. Vom liebetätigen Glauben. Über Schadenersatz.

   01] Der Zöllner aber erkannte Mich bald, trat zu Mir und sagte: »O Herr und Meister, seit Deine Worte und Lehren mich auf dem Ölberge durchdrungen haben, bin ich wahrlich ein ganz anderer Mensch geworden und danke Dir nun noch einmal aus vollem Herzen für die übergroße Gnade, die Du mir und meinem Hause erwiesen hast! Ich habe alles von Dir Vernommene allen meinen Angehörigen treulich mitgeteilt, und sie glauben nun an Dich; lasse darum auch Deinen Segen über mein ganzes Haus walten!«
   02] Sagte Ich: »Weil du solches getan hast, so wird das Heil dir und deinem Hause auch nicht ferne bleiben! Aber du forderst dennoch auch sogar von den Einheimischen den Zoll, wenn der Fremden zu wenige nach Jerusalem kommen; wenn aber die Fremden kommen, so verlangst du willkürlich um vieles mehr, als es nach dem Gesetz bestimmt ist. Das aber habe Ich wahrlich nicht gelehrt, und ein solches Handeln steht nicht im allerentferntesten Verbande mit der Nächstenliebe, die Ich jedermann vor allem uns Herz legte. Hast du aber die Nächstenliebe in der Tat nicht, da bist du ferne von Meinem Reiche; denn der pure Glaube ohne die Werke der Liebe ist tot und der, welcher ihn hat, mit ihm. Darum ändere du dein Handeln, ansonst dir wenig Heil aus deinem Glauben an Mich erwachsen wird!
   03] Daß du ein Zöllner bist, von dem die Templer sagen, daß er gleichfort ein großer Sünder sei, das wird dir von Mir aus nicht zur Sünde gerechnet; aber daß du die Wanderer bedrückst und von ihnen forderst, was über die gesetzliche Gebühr geht, das ist wider die Nächstenliebe und ist somit auch eine grobe Sünde, die keinem Menschen ein Heil bereitet. Ändere darum dein Handeln, so du ein rechter und fruchtbarer Jünger nach Meiner Lehre sein willst!«
   04] Sagte der Zöllner nun ganz betroffen: »O Herr und Meister, ich sehe nun, daß es vor Deinen Augen nichts Verborgenes gibt, und ich werde darum mein Handeln völlig ändern! Dir aber danke ich nun abermals inbrünstigst für diese Deine Ermahnung.«
   05] Sagte Ich: »Mache aber auch an den Armen den ihnen zugefügten Schaden gut, sonst baust du deine künftige Nächstenliebe auf hohlem Sandgrunde!«
   06] Als der Zöllner solches von Mir vernahm, verneigte er sich und sagte: »Herr und Meister, an meinem Willen dazu wird es nicht fehlen, aber an der Möglichkeit, da ich die allermeisten nicht kenne und ihnen die manchmaligen Überbürdungen nicht zurückerstatten kann!«
   07] Sagte Ich: »So habe den ernsten Willen dazu und tue, was dir möglich ist, so wird dir der Wille als Werk angerechnet werden! Es gibt aber um Jerusalem noch Arme genug, die dann und wann einer Hilfe bedürfen; denen tue du Gutes und bringe ihnen ein Opfer, so wirst du dein Unrecht sühnen!«
   08] Auf diese Meine Worte verneigte sich der Zöllner abermals, versprach auf das feierlichste, Meinen Rat zu befolgen, und wir zogen dann weiter.
   09] Auf dem halben Weg nach Bethanien aber saß am Wege ein Blinder, der da bettelte. Er hatte aber einen Führer bei sich, der dem Blinden sagte, daß Ich vorüberzöge.
   10] Als der Blinde das vernahm, da fing er sogleich aus voller Brust zu schreien an: »O Jesus von Nazareth. Du wahrer Heiland der Menschen, hilf mir armem Blinden!«
   11] Weil er aber gar so stark schrie, so bedrohten ihn Meine Jünger und verwiesen ihm sein starkes Schreien und sagten, daß Ich ihm auch so helfen könne, wenn er auch nicht gar so heftig schreie.
   12] Ich aber verwies das den Jüngern und sagte: »Warum ärgert ihr euch denn darum, daß dieser Blinde Mich um Hilfe angeht? Ist euch sein Geschrei lästig, so haltet euch die Ohren zu, und lasset ihn Mich um Hilfe rufen! Denn sähe er, so würde er nicht also schreien; da er aber wahrlich völlig stockblind ist, so schreit er, damit Ich ihn erhören möchte, wenn sein Geschrei von Mir vernommen wird. Euch aber hat er nicht um Hilfe angerufen, sondern nur Mich, und so geht euch sein Schreien auch nichts an, und ihr habt euch darüber nicht zu ärgern und den Blinden nicht zu bedrohen!«
   13] Da wurden die Jünger still, und Ich trat zum Blinden hin und sagte: »Hier stehe Ich vor dir. Was willst du denn, daß Ich dir nun tun soll?«
   14] Sagte der Blinde: »O guter Heiland, Herr und Meister, gib mir mein Augenlicht wieder; denn ich habe wohl vernommen, daß Du alle Blinden wohl heilen und sehend machen kannst! Und so bitte ich Dich, daß Du Dich nun auch meiner erbarmen möchtest!«
   15] Sagte Ich: »Glaubst du denn wohl so ganz ungezweifelt fest, daß Ich dir helfen kann?«
   16] Sagte der Blinde: »Ja, Herr und Meister, nur Du ganz allein kannst mir helfen, wenn Du das willst!«
   17] Sagte Ich: »Nun, so will Ich denn, daß du wieder sehen sollst! Aber das sage Ich dir auch, daß du in Zukunft nicht mehr sündigest; denn so du in deine alten Sünden verfallen würdest, da würdest du auch wieder blind werden! Darum beachte wohl, was Ich dir nun gesagt habe!«
   18] Der Blinde versprach Mir das aufs feierlichste, und Ich berührte darauf mit dem Finger seine Augen, und er war im Augenblick sehend und wußte sich darob vor lauter Freuden nicht zu helfen und dankte Mir mit aufgehobenen Händen, daß Ich ihm geholfen habe.
   19] Ich aber sagte darauf zu ihm: »Da du sehend geworden und sonst auch ein kräftiger Mensch bist, so erhebe dich nun von dieser Stelle und suche dir in irgendeinem Hause einen Dienst und verdiene dir das tägliche Brot; denn der Müßiggang ist stets der Grund und der Anfang zu allerlei Sünden und Lastern!«
   20] Sagte der nun sehend gewordene Blinde: »O Du guter Heiland, Herr und Meister! Gar gerne möchte ich nun dienen und arbeiten, wenn sich nur irgend ein Dienstgeber vorfände! Ich und dieser mein Führer würden wohl gar gerne arbeiten, so uns jemand in Arbeit nähme.«
   21] Hier traten sogleich die beiden Wirte hervor und sagten: »So gehet mit uns, und ihr sollet sogleich Dienst und Arbeit haben; denn wir sind Besitzer von vielen Äckern, Gärten, Wiesen und Weinbergen!«
   22] Als die beiden das vernahmen, da wurden sie überfroh, erhoben sich von ihren alten Bettelsitzen und zogen ganz wohlgemut mit uns fort nach Bethanien, wo sie einen ganzen Tag wohlverpflegt wurden.


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