Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 55. Kapitel: Jesus auf dem Landgut des Lazarus.

   01] Als wir nach Bethanien kamen, da ersahen Mich die a beiden Schwestern des Lazarus schon von weitem und liefen Mir mit offenen Armen entgegen. ( Johannes.11,01)
   02] Als sie zu Mir kamen, konnten sie nicht genug lobend erzählen, was sich unterdessen alles Gutes in Bethanien zugetragen haben, während Ich Mich zu Jerusalem aufhielt, und welche Freude ihnen am Morgen die Ankunft der vielen Jungen verursachte; aber zugleich bedauerten sie auch, daß die lieben Jungen nicht in Bethanien verbleiben würden, wie ihnen das der Raphael angezeigt habe.
   03] Ich aber sagte ihnen den Grund, und sie stellten sich zufrieden.
   04] Dabei erreichten wir den Hof und begaben uns denn auch sogleich ins Haus, wo in einem großen Saale die Jungen Mich empfingen und als Vater begrüßten, und das mit so herzlichen Worten, daß darob alle zu Tränen gerührt worden sind.
   05] Von diesem Saale bezogen wir einen anderen Saal.
   06] Als wir in dem schon angezeigten Saale uns befanden und uns gewisserart zu einiger Ruhe geordnet hatten, da ließ Lazarus Brot und Wein auf die Tische setzen und ersuchte uns, daß wir uns damit ein wenig stärken möchten. Wir taten das denn auch eben nicht ungern, da wir von dem kleinen Marsche ein wenig müde geworden waren. Doch diese Müdigkeit war wahrlich kaum des Erwähnens wert; aber da die Römer den Wunsch geäußert hatten, auch diese Stammbesitzung des Lazarus, die von großem Umfange war, näher kennenzulernen, so war da eine kleine leibliche Vorstärkung eben ganz am rechten Orte. Wir nahmen denn auch das Brot und den Wein, nachdem Ich beides zuvor gesegnet hatte, und aßen und tranken ganz wohlgemut das Gegebene.
   07] Nach dieser kleinen Leibesstärkung aber begaben wir uns abermals ins Freie und durchzogen den größten Teil der Besitzungen des Lazarus, und die Römer verwunderten sich sehr über den großen Reichtum des Lazarus.
   08] Aber dieser sprach: »Liebe Freunde, ich besitze noch bei dreißigmal soviel, als was ihr hier nur flüchtig habet übersehen können! Aber all dieser große Besitzesreichtum macht mich darum nicht glücklich, weil ich ihn auf dieser Erde völlig mein nennen kann; denn heute bin ich wohl noch vor den weltlichen Gesetzen ein rechtmäßiger Besitzer, doch morgen fordert der Herr die Seele von mir, und diese wird vor Ihm Rechnung zu legen haben, wie und zu welchem Frommen sie die Erdengüter, die ihr anvertraut worden waren, getreu verwaltet hat. Und sehet, da wird es dann wohl gar mancher Seele schwer ergehen, vor dem Herrn in der Rechenschaft bestehen zu können! Daher sind wir wohl nur, vom rechten Standpunkte des Lebens auf dieser Welt aus betrachtet, zeitweilige Verwalter solcher Erdengüter zum Frommen der armen Menschheit, aber niemals Besitzer. Denn der ewig rechtmäßige Besitzer ist allein der Herr; wir aber besitzen nur das Recht, diese Erdengüter zum Frommen der bedürftigen Menschen zu verwalten und sie zweckdienlich zu bearbeiten.
   09] Und so bin denn auch ich kein Besitzer von allem dem, sondern nur ein noch immer schwacher Bearbeiter und Verwalter. Der aber nun als der allerhöchste Lebensfreund unter uns wandelt und ein wahrster Herr alles Lebens ist, Der ganz allein ist auch der wahre Besitzer dieser und aller Güter der Erde, und es wird uns dereinst zum Heile gereichen, so Er zu uns sagen wird: "Ihr habet Meine euch anvertrauten Güter wohl verwaltet!"«
   10] Sagte Agrikola: »Was du nun von deinen Gütern denkst und sagst der vollen Wahrheit nach, das werde auch ich von den meinen denken und sagen und nach Möglichkeit auch dir gleich handeln. Dich, o Herr, aber bitten wir schon jetzt, daß Du mit uns dereinst nicht eine allzustrenge Rechnung über unser Gebaren mit Deinen uns nur zur Verwaltung verliehenen Erdengütern halten möchtest! Denn am Willen, recht zu tun, soll es uns nicht mangeln; aber ob die äußeren, finsteren Weltverhältnisse uns dann und wann nicht manchen unerwarteten und unvorhergesehenen Strich durch unsere gute Rechnung machen werden, das liegt außer unserer Macht, und Du, o Herr, wirst uns für solche möglichen Fälle gnädig und barmherzig sein.«
   11] Sagte Ich: »Was da immer geschehen wird wider euren Willen, dafür werden die Rechnung zu geben haben, die euch dann und wann als Hindernisse in den Weg getreten sind. Denn die vor Mir allein gültige Rechnung wird in euren Herzen geschrieben stehen. Da ihr aber nun Meine Freunde seid, so werdet ihr auch als dieselben verbleiben in Ewigkeit!
   12] Denn wahrlich sage Ich euch: Selig seid ihr, die ihr nun das sehet und höret, was alle Patriarchen und Propheten zu sehen und zu hören so sehnlichst wünschten! Aber es war damals noch nicht an der Zeit. Im Geiste sehen und hören sie nun das auch und freuen sich über die Maßen darob; doch ihrem Fleische blieb das verborgen, und den künftigen Generationen wird das auch mehr oder minder verborgen bleiben. Für euch aber ist es nun ein leichtes, zu glauben und danach zu handeln, denn ihr seid nun Augen-und Ohrenzeugen von allem dem, was auf dieser Erde noch nie ein Menschenauge geschaut und ein Menschenohr gehört hat; aber in der Folge werden nur jene selig, welche, so sie auch nicht sehen und hören werden, wie ihr nun, dennoch glauben und nach dem Glauben handeln werden. Darum aber wird ihr Verdienst ihnen noch höher angerechnet werden.«
   13] Sagten Meine Jünger: »Wenn Du, o Herr, in der Folge niemandem mehr sichtbar und vernehmbar wirst, wie wirst Du denn dann bei den Deinen verbleiben bis ans Ende der Zeiten?«
   14] Sagte Ich: »Das war einmal wieder eine ausgezeichnet blöde Frage von euch! Wie Vieles und Großes habe Ich euch schon verkündet und gezeigt, und dennoch verstehet ihr noch wenig von der inneren Weisheit in Gott! Ich kann doch nicht ewig in diesem Fleische auf dieser materiellen Welt verbleiben, und Ich habe es euch schon zu mehreren Malen gesagt, was Mir noch begegnen wird, damit das Sündenmaß der Juden voll werde und ihr Gericht über sie komme, und noch fraget ihr beinahe wie Blindgeborene nach den Farben des Lichtes, wie Ich dann in der Folge bis ans Ende der Zeiten bei den Meinen verbleiben werde! Weil ihr aber das noch nicht verstehet, so will Ich es euch noch einmal sagen:
   15] Ich werde im Geiste, im Worte und in der Wahrheit bei den Meinen verbleiben, und die in großer Liebe zu Mir sich befinden werden, die werden Mich auch persönlich auf Momente zu sehen bekommen. Die aber nach Meinem Worte leben und nach der inneren Wahrheit desselben sorglich forschen werden, mit denen werde Ich reden durch das Verständnis ihres Herzens und werde also legen Meine Worte in ihr Gemüt, und in Meinem Namen wohlerzogene Jünglinge und Mägde sollen Gesichte haben, in denen ihnen erklärt wird Meine Wesenheit, die Himmel und das ewige Leben, wie auch das Los der Abtrünnigen und Bösen, und auch also werde Ich verbleiben bei den Meinen bis ans Ende der Zeit dieser Erde. Das alles verstehet nun recht, und fraget Mich um derlei nicht wieder!«
   16] Die Jünger stellten sich mit dieser Meiner Antwort ganz zufrieden und fragten Mich dann fürder nicht mehr um solches.


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