Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 71

Des Cyrenius Verwunderung über den Scharfsinn Zorels.

01] Johannes fängt an, über diese schlagenden Worte des Zorel tiefer nachzudenken und findet, daß sie nicht ohne Grund dastehen, und wendet sich still, bloß nur im Herzen, mit einer Frage an Mich, was er nun fürder mit dem Menschen noch weiteres anfangen solle, da ihm dieser offenbar über den Kopf zu wachsen beginne.
02] Ich aber sage dem Johannes: »Laß ihm nun ein wenig Zeit; dann werde Ich dir wie bis jetzt schon ins Herz und auf die Zunge legen, was du als weiteres mit ihm zu reden haben sollst!« - Das befolgt Johannes.
03] Cyrenius, der die Rechtfertigung des Zorel mit großer Aufmerksamkeit angehört hatte, sagte zu Mir: »Herr, ich muß es hier offen bekennen, daß dieser Mensch ein ganz merkwürdiges Wesen ist! Nun scheint es, daß er sogar den weisen Jünger Johannes ganz bedeutend zum Nachdenken gebracht hat. Kurz, ich zum Beispiel wäre jetzt rein fertig mit meiner Weisheit und müßte ihn als Richter von aller seiner Schuld lossprechen!
04] Aber unbegreiflich ist es mir, woher dieser Hauptlump in seinen Handlungen solch eine schlagende Verstandesschärfe überkommen hat! Daß Menschen, wie zum Beispiel ein Oberster Stahar, auch ein Zinka, ganz scharf verständig zu ihrem Vorteile reden konnten, bevor sie mit Dir noch die nähere Bekanntschaft gemacht hatten, ist begreiflich, denn das sind lauter gelehrte Menschen und in vielen anderen Dingen tief erfahren; aber dieser Mensch war von jeher doch sicher ein Lump der allerersten Klasse, - und trotzdem diese enorme Verstandesschärfe! Ah, so was ist mir noch gar in meinem ganzen Leben nicht vorgekommen! Sage es mir doch, o Herr, wie dieser Mensch wohl dazu gekommen ist!«
05] Sage Ich: »Gar so leer ist er nie gewesen; denn die Griechen sind ja stets die besten Advokaten Roms! Sie kennen die rücksichtslose Schärfe der römischen Gesetze und studieren sie darum ungemein genau durch, auf daß sie, wenn ein Richter sie irgendeines Vergehens wegen zur Verantwortung zöge, mit einer gediegensten Entgegnung in steter Bereitschaft seien; und solche Menschen, die sich vorgenommen haben, den Staat so recht baumdick zu hintergehen, die haben sich die Rechte des Staates und der Menschheit schon gar ungewöhnlich fest angeeignet und auch die Schriften von verschiedenen Weltweisen sich ungemein intensiv zu eigen gemacht. Und zu solch einer Klasse gehört auch dieser Zorel.
06] Vor dem Verzückungsschlafe aber hätte er auch nicht mit solch einer determinierten Verstandesschärfe gesprochen; aber von dem Schlafe ist ihm aus seinem Geiste so ein gewisser Nachduft geblieben in seiner Seele, und darum kritisiert diese nun so scharf. Diese Schärfe würde sich aber wohl bald wieder verlieren, so er von nun an wieder ganz in die alte Lebenssphäre überginge; aber bei dieser Behandlung wird er noch immer schärfer werden, was Ich auch eigens Meiner Jünger wegen zulasse, damit sie bei dieser Gelegenheit die möglichste Schärfe des menschlichen Weltverstandes ein wenig zu verkosten bekommen, was ihnen sehr heilsam ist. Denn obwohl sie sehr demütige Menschen sind und ein schon sehr verständiges Herz besitzen, so kommt ihnen aber doch so dann und wann ein wenig ein eigendünklicher Gedanke, und dem gegenüber ist so ein Mensch ein ganz ausgezeichneter Stein des Anstoßes.
07] Johannes hat Mir bereits die Unzulänglichkeit seiner Weisheit im Herzen bekanntgemacht, und die anderen Jünger denken und denken nun, was dies sei; aber Ich lasse sie noch eine kleine Weile nachdenken, damit sie sich selbst besser finden. Haben sie sich etwas tiefer gefunden, so werde Ich ihnen dann schon wieder vorwärtshelfen. Aber Mücken wird er ihnen noch in die Ohren setzen, daß sie sich alle gar gewaltigst hinter den Ohren werden zu kratzen anfangen! Dann aber werden sie schon wieder einen Schritt weiter machen können. - Nun aber werde Ich wieder dem Johannes die Zunge lösen, und er wird wieder zu reden anfangen; darum gib nun nur recht acht!«


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