Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 70

Zorels Rechtfertigung seiner Charaktereigenschaften.

01] (Zorel:) »Ich besaß von der Geburt an ein jähzorniges Temperament. Statt dasselbe durch eine sanfte und vernünftige Erziehung zu dämpfen und den Verstand möglichst auszubilden, ward ich mit allen Strafen korrigiert, die es nur gibt. Meine Eltern waren stets meine größten Peiniger! Hätten sie Verstand mit gutem Willen vereinigt, so hätten sie aus mir einen Engel der Juden erziehen können; aber mit den tausend Strafen ward ich zu einem Tiger! Und an wem liegt da die Schuld, daß ich zu einem Tiger ward? Ich selbst habe mir fürs erste schon nicht können vor der Zeugung und Geburt irgend weisere Eltern aussuchen, und für's zweite, als ich geboren ward, war ich sicher noch so hübsch lange kein Plato oder Phrygius und keine Spur von einem Sokrates und konnte mir darum selbst keine Erziehung geben! Was hätte da aber geschehen sollen, daß ich ein besserer Mensch und kein Tiger geworden wäre?
02] Ich halte dich für zu weise, als daß du auf diese Frage keine vernünftige Antwort von selbst finden solltest. Bei euch Juden gibt es stets hie und da von bösen Geistern besessene Menschen, wie ich erst vor etlichen Wochen einen bei den Gadarenern gesehen habe, und das wäre noch der bessere; einer soll etwa gar eures jüdischen Teufels sein, der sein Unwesen in den finstersten Nächten halte! Es war aber der Tagesteufel sein Geld wert; denn ganze Scharen von Menschen richteten nichts mit ihm aus. Er verrichtete Taten, vor denen aller Menschheit die Haut schaudert und angstrunzlich wird. Könnte aber möglicherweise der erwähnte Besessene von seinem Übel geheilt werden, sage mir, welcher Ochse von einem Menschenrichter könnte so blind und finster dumm sein, daß er dem geheilten Menschen zeigte alle die unerhörtesten Greuel, die er in seiner Besessenheit verübt hat, und hielte ihn darum an zur tränenvollsten Reue und Besserung?! Konnte denn der Mensch darum, daß er in seinem Besessensein solche Greuel verübt hat?!«
03] Sage mir, Freund voll Weisheit: Von einer großen Höhe fällt ein schweres Felsstück und erschlägt unten, dahin es stürzte, zufällig zwanzig daselbst weilende Menschen. Warum mußte denn das geschehen? Wer trägt an dieser Kalamität die Schuld? - Ich setze aber den wenigstens denkbar möglichen Fall, daß dazukäme ein so mächtiger Zauberer, der aus dem Felsblocke nach Art des Deukalion und der Pyrrha einen Menschen machte, mit aller Einsicht und Intelligenz begabt. Wie der neue Mensch so ganz gesund dastünde, da käme dann ein weiser und barmherziger Richter und sagte zu diesem Neumenschen: "Da siehe hin, du Verruchter! Da ist dein böses Werk! Warum fielst du als Felsstück also mit aller Gewalt auf diese zwanzig Menschen? Rechtfertige dich, oder du hast für die Tat die furchtbarste Strafe zu gewärtigen!" Was wohl würde der Neumensch zu dem dummen Richter sagen? Nichts als: "Konnte ich als schwerer und völlig bewußtloser Felsblock denn dafür, daß ich fürs erste irgend auf einer Höhe durch eine fremde Gewalt von meinesgleichen getrennt wurde, und fürs zweite irgend darum, daß ich eben so entsetzlich schwer war, und habe ich fürs dritte irgend diese zermalmten Menschen berufen, hier zu harren, bis ich herabstürzte und sie alle erschlug?!"
04] Das höchst unvernünftige Beschuldigen dieses Neumenschen von seiten eines superklugen Richters wirst du nun hoffentlich einsehen, aber daneben vielleicht doch auch, daß ich, als nur erst aus einem Rohklotze ein Neumensch werdend, für alle meine schlechten Taten nahe ebensoviel kann wie der dir soeben gezeigte Felsklotz-Neumensch! Willst du kein dummer Richter sein, so richte mich nach der Gerechtigkeit der reinen Vernunft und nicht nach deiner sich weise dünkenden Laune! Sei ein Mensch, wie auch ich nun ein Mensch bin!«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 4  |   Werke Lorbers