Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 72

Johannes ermahnt Zorel zu einem besseren Lebenswandel.

01] Nach einer kurzen Weile sagte Johannes zu Zorel: »Ich kann es dir gerade nicht in Abrede stellen, daß du nun mit deinem Verstande so manches berührt hast, was allerdings nicht so ganz ohne allen Grund dasteht; aber auf dein Leben paßt es darum schlecht oder gar nicht, weil deine Seele in sich selbst allzeit so weit gebildet war, um das Falsche vom Wahren unterscheiden zu können. Welche Seele aber das in solcher Schärfe, wie es bei dir der Fall ist, zu tun imstande ist, die unterscheidet auch das Gute vom Bösen, und kann sie das, so sündigt sie wider ihre eigene Erkenntnis und ihr Gewissen; wer aber wider seine Erkenntnis und wider sein Gewissen sündigt, der kann nur durch eine wahre Reue und Buße von dem alten Unflate seiner Sünden gereinigt und Gott angenehm werden.
02] Du willst und sollst ein besserer Mensch werden! Willst du das, so mußt du auch erkennen, daß du an all den argen Handlungen selbst schuld warst; warst du aber das, so liegt es nun auch an dir, einzusehen, daß es nicht recht ist, die Schuld auf einen andern hinzulenken, sondern du sollst sie bei dir selbst und für dich als ganz zu eigen erkennen und darum eine wahre Reue fühlen, dieweil du das Wahre und Gute in vielfacher Hinsicht gar wohl erkannt, im Handeln aber doch fürs Entgegengesetzte dich bestimmt hast.
03] Ja, hättest du gar keine noch so blasse Idee von etwas rein Wahrem und somit Gutem in dir erkannt, sondern wärst nur in einem finstersten Aberglauben, als begründet in der Sphäre deines Lebens, dagestanden, da könnten dir deine Handlungen - und wären sie vor dem Richterstuhle des allerreinsten Verstandes an und für sich noch so böse - nicht als Schuld angerechnet werden, und so wärst du dann ebenso sündenfrei wie dein menschgewordener Tiger und Felsklotz, und niemand hätte das Recht, dir zu sagen: "Bessere dich, bereue deine Untaten und tue eine rechte Buße, auf daß du dem wahren Gott wohlgefällig werdest!"
04] Da müßte man dich zuvor erst in aller Wahrheit fein unterrichten, dir den rechten Weg zeigen und dich eine Zeitlang führen auf demselben! Würde jemand, als vollkommen in dieser Wahrheit unterwiesen, sich dennoch wieder in sein altes Falsche werfen und ebenso arg handeln wie zuvor, so würde er dann schon sündigen, weil er da wider seine feste Überzeugung handeln und sein Gewissen in eine tobende Unruhe versetzen würde. Deine mir vorgestellten Bilder taugen daher nur für Menschen, die gleich den Tieren noch nie irgendeine Wahrheit erkannt haben; aber du bist in der rechten Wahrheit kein Laie, sondern erkennst sie nahe so gut, wie ich sie erkenne, und hast solche auch schon lange erkannt. Und es hat dir dein Gewissen auch allzeit eine jede deiner argen Taten vorgeworfen; du aber achtetest wenig darauf und suchtest durch allerlei falsche Vernunftgründe dasselbe zu übertäuben. Du fühltest auch allzeit Reue, sooft du etwas Schlechtes wider dein Erkennen und wider dein Gewissen begangen hattest; nur zur Buße und zur wahren Besserung kam es bei dir bis jetzt noch nicht.
05] Gott der Herr aber hat dich darum nun in ein großes Elend kommen lassen. Du hast nun nichts; auch dein ehemaliger Sklavenhandelsgesellschafter hat dich im Stiche gelassen und befindet sich nun schon in Europa, allwo er seine bedeutenden Gewinne verzehrt. Du stehst nun nackt hier und suchest Hilfe. Diese soll dir auch werden; aber du mußt dich derselben zuvor erst würdig machen, dadurch, daß du aus dir selbst freiwillig das allein Wahre und Gute ins handelnde Leben überträgst. Alsdann wird dir auch wahrhaft geholfen für zeitlich und ewig.
06] Verharrest du aber handelnd bei dem, was du so gut wie ich als falsch und schlecht erkennst, so bleibst du elend dein Leben lang, und wie es dereinst drüben aussehen wird, indem es ein reines Leben nach dem Abfalle des Leibes gibt, darüber kann dir deine eigene reine Vernunft den ganz guten Aufschluß geben, so du bedenkst, daß dieses zeitliche Leben der Same und das jenseitige ewige die Frucht ist.
07] Pflanzest du in diesem deinem Lebensgarten einen edlen, guten Samen ins Erdreich eben dieses deines Lebensgartens, so wirst du auch edle Früchte ernten; legst du aber Distel- und Dornensamen in deines Lebensgartens Erdreich, so wirst du dereinst auch das ernten, was für Samen du nun gesäet hast! Denn das wirst du wohl wissen, daß auf den Distelstauden keine Feigen und auf den Dornen keine Trauben wachsen!
08] Sieh, ich habe dich nun nicht gerichtet, sondern dir nur gezeigt, was du für die Folge tun sollst, und mein Wort war nicht hart gegen dich, und sanft war der Ton meiner Rede! Beherzige solche meine Worte, und ich stehe dir als Freund mit meinem Leben dafür, daß dich dessen wohl ewig nie gereuen wird!«


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