Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 65

Zorels Entschuldigungen.

01] Hier steht Zorel ganz betroffen und bestürzt, und erst nach einer ziemlich langen Pause sagt er: »Freund, hätte ich damals das erkannt und gekannt, wie und was ich nun erkenne, so kannst du dir's wohl denken, daß ich alles eher denn einen Sklavenhandel getrieben hätte! Ich bin ein Staatsbürger Roms, und kein Gesetz verbot je meines Wissens den Sklavenhandel; er ist und war von jeher erlaubt, und was Hunderte gesetzlich erlaubt treiben durften, wie hätte das dann mir untersagt sein sollen?! Kinder dürfen ja sogar die Juden kaufen, besonders so sie kinderlos sind, warum irgend andere gebildete Völker nicht, zu denen die Ägypter doch schon seit Menschengedenken ohne allen Zweifel gehörten, wie im gleichen Maße auch die Perser?! Man hatte also die Mägdlein an kein wildes und rohes Volk verkauft, sondern an das in jeder Hinsicht gebildetste auf der nun bekannten, weiten Erde, wo man mit Fug und Recht erwarten konnte, dadurch das heimisch traurige Los solcher Kinder nicht zu verschlimmern, sondern offenbar nur zu verbessern!
02] Denn gehe du hin in die Gegend von Kleinasien, und du wirst dort solche Massen von Menschen und besonders Kindern antreffen, daß du als ein weisester Mann dich am Ende dennoch selbst zu fragen anfangen müßtest, woher diese Menschen sich, ohne daß sie sich gegenseitig aufzuessen anfangen, ernähren und erhalten sollen! Ich kann dir versichern, daß ich beim jedesmaligen Kommen in die Gegenden von Kleinasien von den Bewohnern mit Kindern ordentlich bestürmt wurde. Um etliche Brotlaibe bekam ich Mägdlein und auch Knaben in Hülle und Fülle; und die Kinder rannten mir jauchzend zu und wollten sich von mir gar nicht mehr trennen. Wenn ich hundert kaufte, bekam ich noch eine Zuwage von vierzig bis fünfzig Mägdlein. Viele kauften mir die Essäer ab, die Knaben nahe alle, welchen Alters sie auch waren; auch Mägdlein nahmen sie mir häufig ab. Die Ägypter kauften nur die schon mehr erwachsenen Mägde teils zur Arbeit, teils wahrscheinlich auch zu ihrer Lust. Daß es einige Geilböcke darunter geben mag, die eine Sklavin aus Wollust peinigen, (will ich nicht gerade bezweifeln) aber viele solcher wird es ja doch wohl nicht geben.
03] Nach Persien sind meines Wissens nicht viele gegangen, und die wurden zumeist von persischen Kaufleuten und allerlei Künstlern aufgekauft, allwo sie meines Wissens zu allerlei nützlichen und guten Arbeiten verwendet werden. Dazu besteht in Persien schon seit langem ein recht weises Gesetz, laut dem ein jeder Sklave und eine jede Sklavin nach zehn Jahren, wenn sie sich gut aufgeführt haben, die volle Freiheit erlangen und am Ende tun können, was sie wollen. Sie können dort bleiben, für sich ein Gewerbe anfangen oder aber auch heimwärts ziehen. Also die nach Persien Verkauften können wahrlich von wenig Unglück reden! Nun, daß es gerade einigen in Ägypten eben nicht am besten gehen dürfte, will ich nicht in irgendeine Abrede stellen; aber begeben wir uns nur in ihr Vaterland, und wir werden dort gar viele treffen, denen es sicher als Freie nicht um ein Haar besser geht als jenen Unglücklichen in Ägypten! Denn fürs erste haben diese nahe nichts zu essen, und viele nähren sich von rohen Wurzeln, die sie in Wäldern sammeln, und viele gibt es, die sommers und winters aus Mangel an irgendeiner Bekleidung ganz nackt herumziehen und betteln, stehlen und wahrsagen. Manche von ihnen erbetteln oder erstehlen sich einige Lumpen; den meisten gelingt dies nicht, und die ziehen darum ganz nackt herum, stets mit einem Haufen Kinder versehen.
04] Von diesen Herumziehern haben ich und mein Gesellschafter denn auch stets die größte Anzahl von überzähligen Kindern aufgekauft und sie auf diese Weise versorgt. Die festen Pontusbewohner heißen sie 'Zagani', was soviel besagt als 'die Vertriebenen'. Es wimmelt von diesen Menschen; ganze, große Horden treiben sich herum und haben weder Dach noch Fach, noch irgend Grund und Boden. Höhlen, Erdlöcher und hohle Bäume sind gewöhnlich ihre Wohnung; und ich frage nun dich, ob man diesen Menschen nicht schon dadurch eine große Wohltat erweist, so man ihnen die Kinder umsonst abnimmt und sie irgend versorgt, geschweige erst so man sie den nackten und überhungrigen Eltern ums bare Geld, um Kleidung und ums gute Brot abkauft?
05] Wenn man nach meiner bisherigen Art zu denken nun das gegeneinander hält, wie einige von diesen Menschen früher die leidigsten Sklaven der größten Armut waren und hernach durch mich zu von Menschen ganz gut versorgten Sklaven wurden, so wird man mit Leichtigkeit finden, daß das Unglück, das ich nach deinem Dartun diesen Menschen zubrachte, nicht ein gar so enorm großes ist, wie du es dir vorstellst. Aber auch dieses würde ich ihnen nicht zugefügt haben, wenn ich ehedem so wie nun gedacht hätte.
06] Übrigens sage ich dir nur so im Vertrauen, obwohl ich über deine fromme und gottergebene Weisheit staune, daß es von einem allgütigen Gott, wenn Er irgend in die Geschicke des Menschen eingreift, denn doch auch ein wenig sonderbar ist, eine so große Anzahl ganz wohlgestalteter Menschen gleich wilden Tieren auf der Erde herumkriechen zu lassen! So viel könnte irgendein allmächtiger Gott schon tun, daß derlei Menschen irgendeine etwas bessere Unterkunft auf der lieben Erde fänden!
07] Es ist ja für einen denkenden Menschen doch ein bißchen sonderbar, wenn er Hunderttausende von sonst ganz wohlgestalteten Menschen im höchsten Grade unversorgt, hungrig und nackt herumziehen sieht und kann ihnen selbst mit dem besten Willen von der Welt nicht helfen! Wäre es denn ein Wunder, Freund, so man beim Anblick solcher Menschen am Dasein eines allweisen und höchst gütigen Gottes ein wenig zu zweifeln anfinge?! Und meine frühere Behauptung gegen wenigstens ein zu schroffes Eigentumsschutzgesetz dürfte beim Anblick so vieler Elenden am Ende doch nicht ganz ohne sein!
08] Nun, Freund, hast du meine Verantwortung und Rechtfertigung wider den schwersten von dir mir gemachten Vorwurf; tue nun, was du willst, doch vergiß es nie, daß ein sehr weltkundiger Zorel mit gespanntem Bogen vor dir steht und trotz der Lumpen, die ihn nun bedecken, vor keiner Weisheit irgendeine zu übermäßige Furcht hat! Gib mir aber nun bessere Gründe dafür, daß alles, was da ist, nach der Weisheit Gottes so sein muß, wie es ist, und ich werde dir leichten Atems höchst dankbar sein! Denn das mußt du so gut wie ich einsehen, daß es auf der Erde nach meiner menschlichen Einsicht viel des unnötigen Elendes nebst eines häufig vorkommenden zu großen Wohlstandes einzelner Menschen gibt! Warum hat gerade einer alles - und Hunderttausende neben ihm nichts? Kurz, erkläre mir das Elend von all den kleinasiatischen Zaganen! Wer sind sie, von woher kommen sie, und warum müssen sie in solcher ewigen Not schmachten?«


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