Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 47

Mathaels und Suetals Reden über Zurechtweisungen.

01] Hier tritt Mathael, der dieses Gespräch von einiger Ferne belauscht hatte, zu den zwölfen und sagt: »Ihr seid wohl noch stark Erdenmenschen, namentlich aber du, Suetal, mit deinen sieben Kollegen; ihr habt noch keine Ahnung von dem, was hier ist!
02] Der Heiland aus Nazareth ist hier, ja hier ist Er, - aber wer Er ist, von dem habt ihr gar keinen Dunst, und darum redet ihr ärgerlich Dümmstes über Ihn und Sein Wirken!
03] Der rechte Mensch nach der (rechten) Ordnung aber soll nicht reden, außer die Wahrheit nur; kennt er diese nicht, so soll er schweigen, suchen und forschen. Und hat er die Wahrheit gefunden, dann soll er auch reden! Denn wer da redet und hat die Wahrheit noch nicht erkannt, lügt, wenn er auch zufällig die Wahrheit spricht!
04] Über die Zunge eines wahren Menschen aber soll nie eine Lüge kommen; denn durch die Lüge gibt die Seele von sich selbst ein Zeugnis, daß sie noch im Tode und nicht im Leben wandelt!
05] Wen darum eine Lüge ergötzt, der kennt noch lange den Wert des Lebens nicht; denn Leben und Wahrheit sind eins! Die Wahrheit erst macht deine Seele frei und schließt ihr die Unendlichkeit Gottes auf im Wesen, Sein und Wirken.
06] Wenn du aber denkst und redest, wie ich's nun vernahm, so gibst du ja ein offenes Zeugnis von dir, daß deine Seele statt im großen Tempel alles Lichtes und aller Wahrheit nur in einem Schweinestalle wohnt!
07] Wozu Reflexionen (Erwägungen) machen, wenn man allen Grundes bar ist? Sagte euch doch recht weise der Hauptmann Julius aus Genezareth, was ihr heute alles noch sehen und hören werdet, und daß ihr darüber sogar nicht viel fragen sollet, sondern es aufnehmen in die Liebe eures Herzens und danach handeln, so werde die Erklärung schon von selbst kommen! Und seht, der Hauptmann hat recht und wahr geredet!
08] Lasset darum das überflüssige Reden hin und her ohne allen Wahrheitsgrund, merket auf alles wohl auf, und fasset es in euer Herz, so werdet ihr damit in Kürze mehr gewinnen, als so ihr euch viele Jahre lang gegenseitig anlüget in der Meinung, Wahrheit geredet zu haben!
09] Fragen ist zwar wohl besser als irgend etwas erklären, von dem man selbst keinen Grund hat; aber so man fragt, da muß man wissen, wen man fragt und um was man fragt, ansonst ist jede Frage ebensogut ein Unsinn als eine lügenhafte Antwort aus der Luft.
10] Denn ich muß in mir, durch die Erfahrung, die volle Überzeugung haben, daß mir der Gefragte die Wahrheit zur Antwort geben kann; und endlich muß ich zuvor mit mir wohl eine genaue Rechnung geführt haben, ob das, um was ich jemanden frage, kein Unsinn ist, sonst verrate ich durch die Frage entweder meine große Dummheit oder aber auch meine versteckte Bosheit! Diese Lebensregel merket euch wohl, so werdet ihr wenigstens als bescheidene Menschen auf dem Boden der Erde stehen!«
11] Sagt etwas ungehalten Suetal: »Aber lieber Freund Mathael, du gibst uns hier gewisserart einen Verweis, und wir haben es nicht gesehen, daß dir jemand dazu einen Auftrag erteilt hätte! Dein Rat ist wohl gut und sehr wahr, aber es mangelt ihm eine gewisse Freundlichkeit, und er macht deshalb auf uns durchaus nicht den Eindruck, den er sicher gemacht haben würde, wenn er mit mehr Freundlichkeit erteilt worden wäre. Wir werden das wohl befolgen, weil wir darin die volle Wahrheit ersehen; aber wir sind dessenungeachtet dennoch der Meinung, daß die Wahrheit darum nicht minder Wahrheit bleibt, wenn sie uns auch im freundlichen Kleide entgegentritt!
12] Sieh, zwei und noch einmal zwei machen zusammen vier aus! Das ist eine Wahrheit und bleibt als solche doch sicher auch, wenn sie mit einer freundlichen Miene ausgesprochen wird!? Oder ist es einerlei, so ich einen Blinden führe, ob ich ihn schmerzerregend festhalte, oder ob ich den Armen mit sanfter Haltung auf dem guten Wege fortführe? Ich halte das sanfte Halten beim Führen eines Blinden für vorzüglicher; denn halte ich ihn zu schmerzerregend fest, so wird er sich meinen Händen zu entwinden suchen, und wer weiß es, ob er nicht gerade in dem Augenblick fällt und sich recht beschädigt, in dem er sich meinen ihn zu stark drückenden Händen entwindet!? Habe ich ihn aber sanft gehalten und geführt, so werden wir ganz heiter und fröhlich das Ziel erreichen. - Habe ich da recht oder nicht?«
13] Sagt Mathael: »O ja, wenn es die Umstände gestatten; aber so du einen Blinden am Rande irgendeines Abgrundes erblickst und ersiehst aber auch, daß du ihn mit einem kräftigen Griff und Riß retten kannst, wirst du da auch mit dir zuvor Rat halten, wie stark oder wie zart und sanft du ihn anfassen werdest?«
14] Sagt Suetal: »Ja, waren wir geistig hier denn schon solch einem verderblichen Abgrunde so nahe?«
15] Sagt Mathael: »Ganz sicher, ansonst ich euch nicht so fest angegriffen hätte! Denn seht, alles was in eine Lüge hineinleitet und somit schon selbst eine Lüge ist, wenn auch für den Außenmenschen noch so unscheinbar, ist für die Seele schon ein Abgrund zum Tode!
16] Eine zarte, ganz unscheinbare Lüge ist der Seele um vieles gefährlicher als eine so recht faustdicke und mit Händen zu greifende! Denn eine faustdicke Lüge wird dich sicher zu keiner Handlung bewegen; aber eine so recht zarte und unscheinbare wird wie eine Wahrheit zum Handeln nötigen und dich ganz leicht bis an den Rand alles Verderbens bringen. Das aber sieht nur der, dem sich die innere Sehe des Geistes erschlossen hat! Darum brauchst du nicht ungehalten zu sein, so ich dich etwas fester angepackt habe; denn unter euch schlich so eine zarte Lüge wie eine giftige Natter umher, was ich und meine vier Brüder wohl sehr hell bemerkt haben, und den Grund meines etwas unsanften Risses magst du nun darin suchen. - Verstehst du das wohl?«
17] Sagt Suetal: »Ja, wenn also, da hat dein etwas unsanftes Auftreten gegen uns freilich ein ganz anderes Gesicht, und ich kann dir da nichts weiteres mehr entgegenstellen. Natürlich, geistige Umstände sehen wir zwar nicht und müssen es dir glauben, daß es also ist; aber wir erkennen, daß du auf sehr festem Grunde stehst, und glauben darum deinem Worte. Was aber sollen wir zwölf dann miteinander reden? Ganz stille sein ist denn doch ganz verzweifelt langweilig, und mit der Wahrheit hat es noch einen bedeutenden! Haken.«
18] Sagt Mathael: »Freund, so du durch einen dichten Gebirgswald zu sehr finsterer Nachtzeit zu gehen hättest, und es wäre dir bekannt, daß dieser Wald reich an steilen, weitgähnenden Abhängen und Abgründen ist, wird es dir da nicht heilsamer sein, unterdessen stehenzubleiben und das Licht des Tages abzuwarten, als etwa einem Irrlichte zu folgen und mit demselben hinabzustürzen in einen Abgrund? Es ist eben auch nichts Ergötzliches, in einem dichten Gebirgswalde zu übernachten, aber sicher doch noch ums unvergleichliche heilsamer, als fortzuwandeln auf einem Boden, auf dem dir ein nächster Schritt den Tod geben kann! - Was meinst du da?«
19] Sagt Suetal: »Weißt du, mit dir ist da eigentlich gar nicht weiter zu reden, denn du hast allzeit recht, und man kann dir da nichts einwenden; und so wollen wir uns denn lieber nach deinem Rate verhalten, und du wirst uns dann sicher nichts mehr entgegenzustellen haben.«


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