Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 46

Suetal berichtet von dem Einfluß des Wunderheilandes.

01] Sagt Suetal: »Da möchtest du wohl sehr recht haben! Es wird sich die Sache sicher also verhalten, und ich fange nun an, vor Neugierde völlig zu brennen, diesen berühmtesten aller Heilande persönlich kennenzulernen. Ich wollte zwar dem guten Hauptmanne ehedem nicht zuviel sagen, als er uns fragte über diesen sonderbaren Mann; aber ihr könnet es mir glauben: ganz Samaria sogar und ganz Sichar ist voll von ihm! In Sichar hält man ihn unmittelbar für einen Menschen, durch den die ganze Fülle des göttlichen Geistes wirkt! Und das, erlaubet mir, wird hoffentlich doch auch nichts Kleines sein!
02] Und im Tempel erst! Die Großen studieren etwa Tag und Nacht, wie sie solch einen Heiland aus der Welt schaffen könnten. Aber so ihm solche Gewalten zu Gebote stehen und die sichtliche Freundschaft der ersten römischen Machthaber, da können sich alle Templer in zahllose Blutstropfen zerschwitzen, und sie werden am Ende gegen ihn noch weniger etwas ausrichten als eine Mücke gegen einen Elefanten!
03] Er sei - etwa im Frühjahre - schon einmal im Tempel gewesen und habe ihn mit Stricken und Knuten gesäubert von all den Wechslern und Taubenkrämern. Und es hatte sich das alles so erst kaum seit einem Vierteljahre her gemacht, wo dieser Heiland anfängt, ruchbar zu werden!
04] Oh, in ganz Judäa erzählt man sich schon die seltsamsten Dinge von ihm! Das gemeine Volk, das stark in des Tempels Finsternis steckt, meint, er wirke solches durch den Beelzebub, den man als der Teufel Obersten benamset; die Besseren halten ihn für einen großen Propheten; Griechen und Römer halten ihn für einen Magier.
05] Die Sichariten verehren ihn gar schon als einen Gott, was auch schon bei so manchen Griechen und Römern der Fall ist! Und ich wollte nicht viel darum geben, ob ihn nicht auch diese Römer hier dafür halten; denn bei ihnen gilt das alte non exsistit vir magnus sine afflatu divino (Es besteht kein großer Mann ohne den göttlichen Anhauch.) noch gleichfort sehr viel, wenigstens ist dabei das Gute, daß sie sicher keine Feinde von sowieso großen, geistreichen Menschen zu sein scheinen und das Geistreiche stets mit Rat und Tat unterstützen, was auch hier der unleugbare Fall zu sein scheint.
06] Aber nach Jerusalem sollte er eben nicht zu oft kommen und eine Purifikation (Reinigung) des Tempels vornehmen, so er etwa doch mit nicht mehr denn nur außerordentlichen Menschenkräften ausgerüstet wäre! Denn dort könnte er einmal doch zu kurz kommen; er mag ein noch so großer Prophet oder Zauberer sein, so kann er sich für lange gegen all die höllischen Ränke und unausgesetzten Verfolgungspläne denn doch nicht mehr schützen und verfällt (ihnen) am Ende stets als ein schnödes Opfer.
07] Kurz, der gegen den Tempel nicht geradenweges mit Blitz, Donner und Schwefelregen vom Himmel kommt, der richtet wenig oder nichts gegen den Tempel aus!«
08] Sagt der frühere Redner aus den Bergen bei Genezareth: »Gegen den wird der Tempel nicht viel ausrichten! Denn wenn dessen Hohe ihm die Tempelausfegung nicht anrechneten und ihn nicht ergriffen haben, so dürfte es ihnen ein zweites Mal auch schwer werden; denn da muß schon sein Wille von einer wahrhaft göttlichen Kraft vollauf erfüllt sein! Wo aber das der Fall ist, da hört doch jede menschliche Kraft so gut wie rein auf!«
09] Sagt Suetal: »Freund, das verstehst du nicht völlig! Sieh, als er so zu Ostern herum den Tempel von den Benannten reinigte, da gewann der Tempel bei solcher Gelegenheit mehrere hundert Pfund reinen Silbers und Goldes; oh, da und so kann er alle Tage moralisch den Tempel ausputzen, und es werden ihm die Großen des Tempels keine irgend Namen habenden Hindernisse in den Weg legen! Aber er greife nur einmal den Tempel und dessen unaussprechliche Betrügereien selbst an, und wir werden es sehen, wie es ihm da ergehen wird! Wahrlich, ich möchte da nicht in seiner Haut stecken!
10] Wie lange ist es denn jetzt, daß man dem berühmten Propheten Johannes, der eine Zeitlang am Jordan sein Tauf- und Bußpredigtwesen trieb, nur zu geschwind den Garaus machte, wo ihn doch sogar des Herodes Macht in seinen Schutz nahm! Der Tempel schlich sich unvermerkt hinter die arge Mutter der schönen Herodias, und Herodes ward am Ende selbst der Mörder seines berühmten Schützlings. Der Tempel hat die zehnmal hunderttausend Mittel zur Verfolgung eines ihm gefährlich dünkenden Menschen, und es hat dem Tempel noch selten etwas total fehlgeschlagen.
11] Des Tempels geheime Machinationen (Machenschaften) gehen so weit, daß sogar die Römer einen gewissen Respekt davor haben; es ist zwar schon vieles verraten, aber was nützt alles das, wenn man diesen Kerlen nirgends ganz sicher erweislich auf den Leib kommen kann?!«


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