Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 45

Erzählung der Heilung eines Gichtbrüchigen auf der gesegneten Wiese.

01] Als Julius solches von Mir vernimmt, begibt er sich schnell zuerst zu unserem Wirte Markus, der mit den Seinen mit der Bereitung eines guten Mittagsmahles sehr beschäftigt ist, und trägt ihm Meine Anordnung vor. Und Markus geht darauf sogleich eiligst nach der Speisekammer, die nun nimmer leerer werden wollte, und nimmt einen ganzen großen Brotlaib, einen Becher Salzes und läßt durch seine beiden Söhne zwei große Krüge Weines holen; und es wird das alles schnellstens zu den zwölfen gebracht.
02] Als diese erst das Brot und den Wein ersehen, da meldet sich auch gleich ein mächtiger Hunger, und Julius sagt zu ihnen, als er ihren Heißhunger merkt: »Daß ihr sehr hungrig seid, das weiß ich; aber wollt ihr gesund bleiben, so esset nun nicht zu jäh, sondern lasset euch Zeit, und es wird euch sodann alles wohl bekommen!«
03] Die zwölf sagen: »Ja, ja, guter Herr, wir werden uns schon mäßigen in Maß und Ziel!« Aber dessenungeachtet sind sie mit einem großen Laibe Brotes in wenigen Augenblicken fertig, ebenso mit dem Weine und Salze, und möchten nun noch etwas Weiteres essen.
04] Aber Julius sagt: »Freunde, das genügt für ein Vormahl; in Kürze kommt ohnehin das große Mittagsmahl, bei dem ihr auch nicht leer ausgehen werdet.«
05] Sagt Suetal: »Ja, ja, ganz gut, für dIe Not genügt das; sättigen werden wir uns erst am Mittagsmahle! Aber Herr und edelster Menschenfreund, wir haben nichts, womit wir den Gastwirt entschädigen könnten!«
06] Sagt Julius: »Ihr seid nun schon Roms Bürger und habt euch nicht mehr zu kümmern, wer da für euch die Zeche zahlen wird! Denn ein Römer ist noch nie jemand eine Zeche schuldig geblieben, und der Wirt ist von uns schon zum voraus entschädigt auf viele Jahre; wir können hier noch ein volles Jahr Zeche machen, und er wird noch im großen Vorteile sein. Darum kümmert euch nun nicht darum, wer da am Ende die Zeche bezahlen wird!«
07] Sagen die zwölf: »Brüder, das ist eine andere Sprache als in unserem Tempel, wo man fast nichts zu essen bekommt, aber desto mehr fasten und beten muß; aber die Hohen fasten und beten wenig und verzehren alle Tage eine Menge Almosen und Opfer zur größeren Ehre Jehovas, während die jungen Templer pro populo (für das Volk) fasten können, daß ihnen gerade die Knochen in den Gliedern zu knurren anfangen! Oh, warum sind wir denn nicht schon lange Römer geworden?! Da ist alles zu Hause: Weisheit, Güte, Recht, Strenge, wo sie nötig ist, und am Brote und Weine scheint es keinen Mangel zu haben! Mit Haut und allen Haaren und mit Seele und Leib wollen wir Römer sein! Hoch lebe Rom und alle seine Gewaltträger!«
08] Sagt Julius: »Ganz gut, meine nunmaligen Freunde! Euer Sinn ist gut, obschon da noch begreiflich viel Eigenliebe dabei waltet; allein das wird sich hoffentlich mit der Zeit verlieren. Aber heute werdet ihr noch gar seltene Dinge sehen und vernehmen; die werden euch zu einer Leuchte werden! - Doch fraget da nicht viel, sondern Hören und Schauen sei eure Sache, die Erklärung wird euch von selbst werden!«
09] Die zwölf sind dadurch gespannt gemacht, und es fragt nun einer den andern, was denn etwa doch der hohe Römer gemeint habe unter dem, daß sie an diesem Tage noch gar vieles und außerordentliches hören und sehen würden, aus dem sie viel würden lernen können, und alles das werde sich gewisserart von selbst erklären! Was solle das sein?
10] Sagt der redelustige Suetal: »Na, was wird's denn sein? Habt ihr nie etwas von den Ölympischen Spielen der Römer gehört? Sie werden hier wahrscheinlich so etwas veranstalten; wir aber werden als nun selbst Römer daran teilnehmen dürfen, und werden da vielleicht so manches sehen und hören, was uns gut zustatten kommen wird. Das wird es sein und sonst sicher nichts.«
11] Sagt ein anderer aus den zwölfen: »Das glaube ich kaum. Ihr acht wisset das noch lange nicht, was ich weiß; denn ihr seid vom Mittage her und wisset wenig, was sich bei den Galiläern alles ereignet hat in kurzer Zeit. Ihr wißt, daß ich und noch drei aus der Gebirgsgegend Genezareth wegen Teilnahme an euren Aufwiegelungsversuchen mit euch ergriffen und hierhergebracht worden sind. Kaum drei Tage vor eurer Ankunft auf unseren Bergen haben sich in Genezareth unerhörte Dinge zugetragen; es kam dahin der vom römischen Hauptmann ehedem erwähnte Wunderheiland aus Nazareth und heilte bloß durch sein göttlich-allmächtiges Wort alle Kranken, mit was für Übeln behaftet sie auch dahin gebracht worden waren!
12] Ich selbst habe einen Bruder, der nun zu Hause ist und das Erbe überkommen hat. Der war durch die Gicht zu einem förmlichen Knollen zusammengezogen, er konnte weder liegen noch sitzen, und natürlich vom Stehen konnte da schon gar nie eine Rede sein. Wir hielten ihn in einem hängenden Korbe, der mit weichem Stroh gefüllt war. Oft heulte er tagelang, von den grimmigsten Schmerzen gequält, worauf er dann gewöhnlich in eine derart totale Ohnmacht verfiel, daß er vollends einem Toten glich. Alles Erdenkliche ward zu seiner Besserung versucht, sogar das Wasser des Siloahteiches, - aber alles vergeblich.
13] Als wir auch auf unsern Bergen die Nachricht erhielten, daß der berühmte Heiland aus Nazareth sich in Genezareth aufhalte und alle Kranken heile, da brachte auch ich mit meinen Knechten und Maultieren den total gichtbrüchigen Bruder mit der unsäglichsten Mühe nach Genezareth. Dort nach so vielen Beschwerden angelangt aber hieß es, daß der Heiland eine Reise auf einen Berg unternommen habe, und man nicht wisse, wann und ob er noch einmal wiederkehren werde. Da stand ich nun wie eine Bildsäule neben meinem wehklagenden Bruder, fing vor Traurigkeit selbst an zu weinen und bat inbrünstigst Gott, daß Er den bittersten Leiden meines armen Bruders ein Ende machen möchte, weil ich nicht das Glück haben durfte, den Wunderheiland mehr anzutreffen. Ich machte ein Gelübde, als der Erstgeborene ihm alle meine Besitzrechte abzutreten und ihm als letzter mein Leben lang zu dienen, so er geheilt werden könnte.
14] Sehet, bald darauf kamen Knechte aus dem großen Gasthause zu mir auf die Gasse und sagten, daß der betreffende Heiland alle und viele solche Krüppel augenblicklich derart geheilt habe, daß sie dann aussahen, als hätte ihnen nie etwas gefehlt! Dieser Heiland aber sei mit seinen Jüngern, mit dem Hausherrn und mit noch mehreren vom Hause und Orte auf den hohen Berg, den zuvor noch nie ein Sterblicher bestiegen hatte wegen seiner zu großen Steilheit. Er werde wohl wiederkehren, wann aber, wüßten sie nicht, aber es hätte das nun nicht viel zur Sache; dieser Heiland habe eine Wiese gesegnet, und ich dürfte gläubig meinen Bruder nur auf diese gesegnete Wiese legen, und es werde besser mit ihm werden.
15] Ich fragte sogleich nach der gesegneten Wiese. Die Knechte zeigten sie mir, und sogleich trug ich meinen armen Bruder auf die besagte Wiese und legte ihn aufs Gras dieser Wiese. Und seht, im Augenblick, als der kranke Bruder den Boden der Wiese berührt hatte, fing er an, sich ordentlich wohlig zu strecken. Aller Schmerz war wie vom Winde weggeweht, und in wenigen Augenblicken war mein Bruder so gesund wie ich! Nur Haut und Knochen sah man früher an ihm, und ich versichere euch, er stand so vollkommen gut genährt neben mir, daß ich mich über solch eine unerhörte Umwandlung noch heute nicht genug erstaunen kann!
16] Ich hielt aber dann auch mein gemachtes Gelübde und übergab meinem nun sehr glücklichen und gottergebenen Bruder alles und verrichtete ihm gerne alle Arbeit auch des letzten meiner früheren Knechte, obschon mich der gute und dankbarste Bruder stets davon abhielt.
17] Aber ich war noch kaum etliche Tage also meinem Bruder, den ihr gesehen und gesprochen habt, ein Knecht, als ihr zu uns kamet und die eigentliche Ursache waret, daß ich und noch drei Knechte meines Bruders uns nun hier, glücklicherweise als Unschuldige, befinden.
18] Damit aber wollte ich euch so ganz eigentlich nur auf den allerwunderbarst berühmten Heiland aus Nazareth aufmerksam machen, von dem ihr nach eurem eigenen Geständnisse denn doch auch schon hie und da etwas vernommen habt!
19] Nun seht, nach der Frage des Hauptmanns aus Genezareth, den ich recht wohl kenne, zu urteilen, scheint es mir - was auch aus der Heilung der fünf Rasenden deutlich hervorgeht -, daß jener Wunderheiland aus Nazareth sich nun hier befindet und sein Wesen treibt.
20] Der Hauptmann hat uns sonach sicher mit dem, was wir sehen und hören sollen, auf irgend zu erwartende Taten und Reden von seiten des wunderbarsten Heilandes aufmerksam machen wollen und keineswegs auf die für uns sicher sehr zottig aussehenden Ölympspiele Roms, aus denen sich sicher keine besondere Weisheit möchte holen lassen, und wovon der Hauptmann selbst kein zu großer Freund zu sein scheint! - Was meinet ihr in dieser Hinsicht?«


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