Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 34

Die fünf Geheilten wollen Jesum bezeichnet haben.

01] Darauf sagt Mathael wieder allein: »Er ist unter uns, aber es sind zwei, die sich sehr ähnlich sehen, so daß es für die äußeren Sinne sehr schwer würde, zu entscheiden, welcher darunter der Eigentliche ist. Ich meine, daß es der sei, der zu öfteren Malen nun mit Cyrenius geredet hat. Aber auch der andere kann es sein; denn aus den Gesichtern beider strahlt gewisserart ein hoher Grad von Weisheit! Diesen haben wir schon vernommen, und sein Wart war groß, klug und ernst-weise, aber es könnte auch wohl ein weiser Mensch also reden; aber der andere hat noch nichts gesprochen, vielleicht, weil er nicht vor der Zeit erkannt sein will. Wer aus uns hat den Mut, den noch immer Schweigenden anzureden?«
02] Dieser Schweigende war Jakobus major (der Ältere), der Mir bekanntermaßen leiblich höchst ähnlich sah und auch die gleiche Kleidung trug, wie Ich sie zu tragen pflegte.
03] Auf die Aufforderung des Mathael erhoben sich endlich auch die vier anderen vom Boden und besprachen sich, wer aus ihnen den Schweigenden, und wie er ihn anreden solle. Es gebrach aber am Ende dennoch allen fünfen am Mute, und Mathael wendete sich an den freundlichen Cyrenius wieder und fragte ihn so hübsch geheim, ob nicht etwa jener schweigende Mann der erhabenste mächtige Heiland sei, oder ob etwa doch Ich es wäre; denn sie möchten das denn doch auch für ihre Außensinne mit Bestimmtheit wissen, auf daß sie ihrem Herzensdrange zufolge nicht einem Unrechten auch äußerlich die Ehre geben!
04] Sagt Cyrenius: »Noch habe ich keine bestimmte Weisung von Ihm erhalten, Ihn euch näher zu bezeichnen; allein darin liegt eben nicht viel vorderhand, denn Er sieht vor allem allein nur auf das Herz des Menschen. Eure Herzen aber sind nun sicher in der allerbesten Ordnung von der Welt, und es bedarf da keines weiteren mehr vorderhand; wenn es aber Sein Wille sein wird und wenn es für euer Heil taugen wird, da auch wird Er Sich euch schon näher bekannt geben. Ich meine aber, daß es dem Scharfblick eurer eminenten (hervorragenden) Weisheit ohnehin nicht entgehen wird, so ihr uns im Verlaufe dieses Tages näher beobachten werdet, wer darunter der Wahrhaftige und allein Mächtige ist.«
05] Damit waren die fünf vorderhand auch zufriedengestellt und fingen nun erst an, sich die Gegend ein wenig näher zu besehen, und fragten sich untereinander, wo sie nun etwa doch wären. Soviel aber kannten sie sich nun schon aus, daß sie am Galiläischen Meere sich befanden; nur konnten sie nicht herausbringen, in welcher Gegend desselben.
06] Da sagte Cyrenius zu ihnen, weil er sie am meisten behorcht hatte: »Ihr befindet euch nun in der Nähe der Stadt Cäsarea Philippi und seid auf dem Grunde und Boden desjenigen alten römischen Soldaten Markus, der euch aus seinem Vorrate Wein, Brot und Salz gereicht hat. Er ist in diesem Augenblick zwar nicht hier, weil er in seinem Hause etwas zu besorgen hat für heute mittag; wenn er aber wiederkommt, werdet ihr ihn schon näher kennenlernen in eurem gegenwärtigen helleren Zustande; denn als er euch Brot, Wein und Salz dargereicht hatte, waret ihr noch mehr jenseits als diesseits, und habt sicher wenig beachtet seine sonst recht ehrbare Persönlichkeit.«
07] Sagt Mathael: »Jawohl, jawohl, da hast du ganz recht! Wohl ist uns der innere helle Zustand geblieben, den wir gleich anfangs unseres Erwachens hatten; nur sah da alles ganz entsetzlich und ganz sonderbar düster aus. Aber da nun alles so nach und nach ein freundlicheres Aussehen angenommen hat und die ganze Gegend um vieles heller und freundlicher geworden ist, so sind wir denn nun auch freundlicher, heller und gewisserart heiterer geworden, obschon wir demnach von unseren inneren wahren Anschauungen nichts hintanzugeben vermögen.
08] Die Wahrheit, Freund, bleibt ewig Wahrheit! Aber diese Welt ist sehr veränderlich und so auch ihre Kinder, alles von heute bis morgen. Man kann sich ganz fest auf niemanden verlassen; denn heute ist einer noch unser Freund, und morgen ist er es entweder nicht mehr, oder es hat ihm ein böser Leumund irgendeinen Verdacht über dich ins Ohr gesetzt, und er hat darauf schon aufgehört, dein Freund zu sein, und wird dafür im geheimen schon ein arger Richter über dich!
09] Und so gibt es auf dieser Welt keine Beständigkeit, weder in den Dingen noch unter den Menschen! Doch der Herr wird dennoch alles zum Besten der Menschen lenken!«


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