voriges Kapitel Jakob Lorber: 'Der Saturn' nächstes Kapitel

Kapitelinhalt 27. Kapitel: Die Saturn-Antilope Zigst oder Spitzfuß. Ihr Daseinszweck -Schöpfungswinke. Wozu Jagd auf das Zigst? Geheimmittelschwindel.

   01] Zigst, oder nach eurer Erdsprache der Spitz- oder Stechfuß, heißt das Tier, das wir nunmehr betrachten wollen und das nur diesem Planeten ganz allein eigentümlich ist. Dieses Tier steht in dem Planeten Saturn ungefähr auf derselben Stufe wie die Antilope auf eurer Erde. Es bewohnt im Saturn nur die höchsten Gebirge.
   02] Warum wird es eigentlich der »Spitzfuß« genannt? Ihr müßt euch nicht denken, als hätte dieses Tier etwa vier spitzige Spieße an der Stelle der eigentlichen gegliederten Füße. Es wird darum der »Spitzfuß« genannt, weil die Vorderfüße in der Gegend des gewöhnlichen Gliedes über den Klauen gar kein Glied haben, sondern ein geradeausgehendes Horn, welches nach unten zu ziemlich zugespitzt ist. Dieses geht sogleich als eine ganz feste Klaue von der Kniegegend aus. Die Hinterbeine aber hat das Zigst regelmäßig gleich einem andern Tier; nur sind die Klauen nicht gespalten sondern ebenfalls ziemlich spitzig.
   03] Das wäre nun der Grund des Namens dieses Tieres. Wie sieht es denn sonst aus? Auf eurer Erde gibt es unter den größeren Tieren durchaus kein ähnliches Exemplar, wohl aber unter den kleineren. So ist der Mittelleib vollkommen dem Leibe einer euch wohlbekannten Fischotter ähnlich; der Schweif dieses Tieres aber dem Schweif eines Ochsen. Der Hals und der Kopf haben eine ziemliche Ähnlichkeit mit dem eines Tigers; nur ist das Gebiß nicht dem Gebiß eines Tigers, sondern dem der grasfressenden Tiere ähnlich.
   04] Auf dem Scheitel des Kopfes hat es ein einzelnes, etwas nach rückwärts gebogenes Horn. Und so wäre die Gestalt dieses Tieres bis auf seine Größe und Farbe beschrieben.
   05] Wie groß ist aber dieses Tier? Wenn ihr dessen Größe nach irdischem Maßstab bemessen würdet, dann hätte die Erde wirklich kein Beispiel eines Tieres aufzuweisen, das diesem Spitzfuß gleich käme. Aber auf unserem Saturn, wo alle Verhältnisse ums Hundertfache und manchmal um sehr vieles darüber gesteigert sind, gehört unser Spitzfuß nur zu den kleineren Tieren dieses Planeten; denn es hat in allem kaum ein Drittel der Größe des vorhergehenden Tieres, das wir als den Löwen dieses Planeten kennengelernt haben. Aus diesem Grunde ist es auch jedem Saturnbewohner ein leichtes, ein solches Tier, wenn er es gefangen hat, auf seinem Rücken nach Hause zu tragen.
   06] Was hat es denn für eine Farbe? Die Hauptfarbe ist blendend weiß, aber vom Kopf angefangen bis zum Schweif hin zieht sich ein hellblauer, verhältnismäßig breiter Streifen. Gegen den Bauch hin ist dieses Tier goldgelb, die Füße gehen nahe ins Rötliche über bis auf die Spitzklauen, welche ganz vollkommen schwarz sind, so wie auch das Horn auf dem Kopf. Der Hals, das heißt der untere Teil desselben, ist vom Unterkiefer angefangen bis zur Brust hin gestreift, und zwar mit Streifen von dunkelroter Farbe.
   07] Jetzt habt ihr die ganze Gestalt dieses Tieres, welches in dieser Art und Form auf keinem Planeten wieder vorkommt. Was ist aber die Tauglichkeit dieses Tieres? Was ist dessen Nahrung? Und wird es auch häufig gefangen von den Saturnbewohnern?
   08] Was die Tauglichkeit betrifft, so ist diese für den Saturnbewohner ebensowenig von Belang wie die einer Gemse oder einer Antilope bei euch Erdbewohnern. Dessenungeachtet aber hat es dennoch in der Ordnung der Dinge seinen gehörigen Platz, den es unbewußt nutzwirkend ausfüllt. Wer sieht die Tauglichkeit einer Gemse bei euch ein; wer kann einen Grund aufzeigen, warum dieses Tier auf den Felsenspitzen herumsteigt? Wer es aber glauben will, dem will Ich den Grund kundgeben.
   09] Ihr wisset, daß auf den hohen Gebirgen eurer Erde zur Auflösung des Gesteins allerlei Moos und Pflanzen wachsen. Ihr wisset auch, daß sowohl die Moos- als die Pflanzengattungen nichts als Produkte geistiger Potenzen und geistiger Intelligenzen sind. Wenn sie aber solche Produkte sind, so ist es ja auch ersichtlich klar, daß sich in ihnen irgendein intelligentes Leben zu äußern angefangen hat. Wenn sich aber ein Leben einmal äußert, so äußert es sich nicht, um wieder in den Tod zurückzusinken, sondern nur darum, daß es sich in einer Form ausbildend kräftige, um dann die Form zu verlassen und in eine höhere überzugehen.
   10] Welche lebenäußernde Form aber steht da auf einer Alpe über den kleinbelebten Formen des Mooses, des Grases und der sonstigen Alpenpflanzen? Hier seht unsere Alpentiere an! Das sind die höheren lebendigen Formen; in welche das Pflanzenleben solcher Hochgebirge übergeht.
   11] Daß dieses seine vollkommene Richtigkeit hat, könnt ihr ja daraus leicht ersehen, daß das Leben dieser Tiere eben dadurch erhalten wird, daß sie das Leben der Pflanzen in sich aufnehmen. Und demnach heißt: Sich nähren von einer dem Wesen des Tieres zusagenden Kost nichts anderes, als das zerstreute Leben der kleineren, unteren Potenzen in sich aufnehmen und es vereinigen zu einem vollkommeneren Leben. Oder für euch noch verständlicher gesprochen :
   12] Sich nähren heißt, das von Mir immerwährend ausgehende Leben in ein Gefäß ansammeln und aufnehmen, damit es von Stufe zu Stufe kräftiger und vollkommener werde auf dem Rückweg zur Urquelle, von da es dereinst ausgegangen ist.
   13] Wenn ihr nun dieses Gesagte nur einigermaßen begreifet, so geht mit diesem Begriff auch ganz ungehindert auf unser Saturntier über! Übertraget auf diesen »Spitzfuß« dieselbe Tauglichkeit und ihr habt dann alles, was ihr über diesen Punkt zu wissen braucht.
   14] Nun hätten wir noch eine Frage zu beantworten, nämlich ob dieses Tier von den Saturnbewohnern auch gefangen wird? Darauf sage Ich, daß sehr kühne Saturnbewohner wohl des öfteren auf die Jagd dieses Tieres ausgehen, aber nur höchst selten eines fangen. Denn dieses Tier ist so geschickt in der Erklimmung der höchsten Felsenspitzen dieses Planeten, daß kein Saturnbewohner einem solchen Tier nachzukommen imstande ist. Vermöge seiner zugespitzten Klauen kann es auf einer handgroßen Fläche vollkommen stehen. Wo aber einmal die Felsen in solche zu schroffe Spitzen zusammenlaufen, da hört für unsere großen Saturnmenschen auch alle Möglichkeit auf, ihre Jagd auf ein solches Tier weiter fortzusetzen.
   15] Wenn ein solches Tier, was höchst selten der Fall ist, von einer hohen und steilen Felsenspitze herabstürzt und einen unglücklichen Fall macht auf einen Platz, den noch ein Saturnbewohner erreichen kann, so ist der Fang eines solchen Tieres, aber natürlicherweise nur im toten Zustand, möglich. Lebend aber hat noch nie ein Saturnbewohner einen solchen »Spitzfuß« gefangen.
   16] Ihr werdet da wohl fragen: Ja, wenn dieses Tier so schwer zu fangen ist, warum geben sich denn die Saturnbewohner so viele Mühe, eines solchen habhaft zu werden? Sehet, dazu treibt die Saturnbewohner eine Art Aberglaube. Aber dieser Aberglaube gehört nach euren Begriffen in das sogenannte quacksalberische medizinische Fach. Die Saturnbewohner sind der Meinung: Weil dieses Tier die allerkräftigsten und wohlriechendsten Kräuter genießt, so ist dessen Fleisch etwas so Gesundes, daß derjenige, der davon nur etwas weniges genossen hat, nimmermehr zu sterben vermöchte.
   17] Es geht aber den Saturnbewohnern mit diesem medizinischen Glauben nicht viel besser als so manchen Menschen auf dieser Erde, welche auch allerlei Mittel kennen, wodurch sie das Leben des Leibes zu verewigen glauben; die Erfahrung aber belehrt sie doch tagtäglich, daß der Tod des Körpers durchaus nicht aufgehalten werden kann.
   18] Was tun aber solche Menschen trotz der täglichen Erfahrung die ihre Mittel fortwährend wirkungslos zeigt? Sie tun ein solches Mittel in ein außerordentlich geheimnisvolles Fach ihrer belebenden Wissenschaft und sagen: Dieses Mittel muß genau um Mitternacht eingenommen werden, und zwar in der höchst genau vorgeschriebenen Portion. Ein tausendstel Gran darunter oder darüber macht das Mittel unwirksam.
   19] Reicht dieser pfiffige medizinische Weisheitskniff nicht aus so wird, um die Sache noch verwickelter zu machen, zum Einfluß der Gestirne die Zuflucht genommen. Da tut dann ein solcher mystischer Lebensmediziner mit großer, höchstunverständlicher Beredsamkeit dar, wie dabei der Mond stehen, in welchem Viertel, in welches Zeichen die Sonne übergehen muß, und das zwar gerade um die Mitternacht. Wenn z.B. die Sonne gerade um Mitternacht nicht in das Zeichen des Löwen und der Mond nicht in das Zeichen des Steinbocks, ein anderer Planet nicht in dieses oder wieder ein anderer Planet nicht in ein anderes Zeichen zur nämlichen Zeit übergeht so ist das Ewige Lebensmittel ohne Kraft und Wirkung.
   20] Leichtgläubige Menschen glauben dann solchen mystischen Weisheitspredigern und kaufen sich stets zu einem hohen Preis ein solches ewiges Lebensmittel. Im Besitz dieses Mittels schauen sie sich hernach in den Kalendern fast zu Tode, wann der Mond, die Sonne und alle übrigen Planeten gerade um die Mitternacht in die vorbestimmten Zeichen übergehen würden. Da aber, was ihr auch ohne tiefe mathematische Kenntnisse leicht einsehet, diese astronomischen und astrologischen Zeichenstands- und Übergangsverhältnisse wohl entweder gar nie oder vielleicht höchstens nur in einer oder mehreren Millionen von Jahren einmal annähernd eintreffen können, so hebt sich nach der mystisch-klugen Spekulation eines solchen ewigen Lebensbringers die Wirkung solcher außerordentlicher Mittel so gut wie von selbst auf. Der Verkäufer aber bleibt unverantwortlich, weil er immer sagen kann, es sind ja nicht alle Umstände eingetroffen.
   21] Gerade also wird in unserem Saturn das Fleisch dieses Tieres benützt. Nur sagen da die Saturn-Lebensärzte, wenn ein solches Mittel nicht die bedungene Wirkung hervorgebracht hat, daß von dem Menschen, der ein solches Mittel gebraucht hat, eine große Unvorsichtigkeit dadurch begangen worden sei, daß er das Mittel etwa nicht in der Schattenzeit des Ringes, sondern im Sonnenlichte eingenommen habe, bei welchem Umstand es ohne Wirkung sein müsse.
   22] Sagt aber ein Verwandter des Verstorbenen einem solchen Lebensbringer, daß der Verstorbene das Mittel wohl unter dem Schatten des Ringes eingenommen habe, so fragt ihn der Mediziner gleich, wie bei dieser Gelegenheit die Monde gestanden sind? Kann der Befragte darüber die Auskunft erteilen, so wird natürlich der Stand der Monde vom Lebensbringer allzeit als seinem Mittel höchst nachteilig mit großer Beredsamkeit erklärt. Weiß aber der Befragte darüber keinen Bescheid zu geben, so ist das ohnehin das beste Wasser auf die Mühle unseres ewiges Lebensbringers.
   23] Manchmal geschieht es aber auch, daß ein Verwandter eines solchen an einem ewigen Lebensmittel verstorbenen Menschen zu einem andern ewigen Lebensbringer fragen geht, warum dieses Mittel schon wieder fehlgeschlagen habe? Da könnt ihr euch schon von selbst denken, welche Auskunft ihm dieser andere Lebensbringer über das untaugliche Heilmittel seines Kollegen erteilen wird; nämlich keine andere, als daß er sagt: »Warum seid ihr nicht zu mir gekommen? Denn es ist ja bekannt, daß sich dieser Mensch mit falschen Mitteln abgibt!« Und um den andern zu überzeugen, daß das Mittel sicher falsch gewesen sein muß, zeigt er ihm sogleich ein anders gefärbtes Mittel, und das ist für den Fragesteller genug, um einzusehen, warum das Mittel des andern nichts gefruchtet habe.
   24] Bei diesen Gelegenheiten geht dann ein solcher Verwandter des Verstorbenen nicht selten auch wieder zu demjenigen Lebensbringer zurück, den er nun als einen Betrüger ansieht. Wie zieht sich aber dann dieser aus der Schlinge? Der führt unseren Rechenschaftsforderer sogleich zu einem gleichgesinnten und gleichunterrichteten Nachbarn und sagt zu dem Rechenschaftsforderer: »Siehe, dieser und dieser haben mein Mittel gerecht gebraucht, frage sie, wie alt sie schon sind!« Wenn nun der also Aufgeforderte einen oder den andern um sein Alter fragt, so bekommt er gewöhnlich eine so »hochalterliche« Antwort, daß ihm darob das Hören und Sehen vergeht. Gewöhnlich aber sagen solche nach dem Alter Gefragte nie die Zahl der Jahre, sondern sie führen außerordentliche Fakta, die sie alle schon erlebt haben, als Beweis ihres Alters an. So sagt z.B. einer, er wisse noch gar gut, daß dieser oder jener hohe Berg noch gar nicht bestanden habe. Ein anderer zeigt wieder auf den lichten weißen Streifen über dem Himmel und sagt, er habe gesehen, wie dieser Ring von dem Großen Geist über das Firmament gespannt worden sei. Ein Dritter weiß noch die Zeit gar gut, wo noch kein Mond sich am Firmament befand. Und so weiß einer um den andern einen bessern Grund seines Alters als sein Vorgänger anzugeben. Wenn dann unser Rechenschaftsforderer mehrere solche Aussagen vernommen hat, dann gibt er sich gewöhnlich zufrieden und kauft noch obendrauf vom Doktor, der nicht jünger ist als seine Nachbarn, ein solches Mittel und geht damit vergnügt nach Hause.
   25] Sehet, das ist nun alles, was sich bei Gelegenheit der Betrachtung dieses Tieres kundgeben läßt. Daher wollen wir uns auch von diesem Tier noch zu einem andern nichtzahmen Tier dieses Weltkörpers wenden und sodann auf einige zahme Haustiere übergehen.


voriges Kapitel Home  |    Inhaltsverzeichnis  |   Werke Lorbers nächstes Kapitel