Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 30. Kapitel: Der Zug der fünf Geretteten auf dem schmalen Fußweg der Demut zur Höhe. Gottes bedeutsame Frage an Hored und Naeme.

   01] Und alsbald zog diese kleine Gesellschaft einen schmalen Fußsteig unter der Grotte fort, welchen sonst die Kinder des Morgens benützten, um auf die Höhe zu den Hauptstammvätern zu gelangen und die Grotte aus Ehrfurcht vor dem Adam zu vermeiden und sie gewisserart nicht durch den täglichen Gebrauch zu verunheiligen, da sie dieselbe als etwas Heiliges ansahen.
   02] Dieser Fußsteig war demnach ein Weg der Demut, darum ihn auch der hohe Abedam dazu ausersehen hatte, um fürs erste den zwei Neuangekommenen zu zeigen, welchen Weg sie einzuschlagen haben, um auf die Höhe des Lebens zu gelangen, und um fürs zweite ihnen auch schon im voraus gewisserart durch dieses Zeichen zu sagen, auf welchem Wege allein sie Ihn lebendig erkennen können.
   03] Und also wandelten sie diesen beschwerlicheren zwar, aber sonst viel näheren Weg fort. Die Naeme blieb öfter hängen mit ihrem schönen königlichen Gewande an den häufigen Dornhecken und hatte daher stets vollauf zu tun, um sich überall loszuwinden.
   04] Da aber gegen die Vollhöhe der Weg immer gestrüppiger wurde, so fing's da auch an, der Naeme stets schlechter und schlechter mit dem Sichlosmachen zu gehen, so zwar, daß sie am Ende gar nicht mehr weiter konnte und darum anfing, zu weinen und um Hilfe zu rufen.
   05] Allein, da sie vermöge ihrer steten Bandlerei ziemlich zurückblieb und die vier Männer somit schon eine ziemliche Strecke voraus waren, so vernahm man ihr Geschrei, wenigstens natürlich möglich, scheinbarerweise nicht und setzte fröhlich den Weg fort.
   06] Als sie, die Männer, aber nun auf die freie Höhe gelangten, da blieb der Abedam stehen und wandte Sich zurück zu den Ihm schnell Folgenden und tat, als wollte Er sehen, ob mit Ihm alle wohlbehalten auf der Höhe angelangt sind, und fragte sie dann nach einer kurzen Rast dem Außen nach auch wirklich: »Also, Kinder Gottes, sind wir alle beisammen?«
   07] Und der Hored, erst jetzt sich von seinem Erstaunen über die Erscheinungen am weißen Felsen erholend, gewahrte bald, daß da sein geliebtes Weib abgeht, und erschrak darüber sehr. Da aber der Abedam seine große Verlegenheit merkte, so berief Er ihn zu Sich und sagte zu ihm:
   08] »Was sorgst du dich denn umsonst jetzt - und mochtest dich eher nicht umsehen nach deinem Weibe, da sie sich verhängt hatte mit ihren königlichen Kleidern an den Dörnern dieses schmalen Pfades und rief dabei um Hilfe dich, du aber warst taub für ihre Stimme?!
   09] Kehre statt deiner törichten Sorge lieber um, und hilf ihr aus ihrer Not; - denn es ist nicht weit dahin, wo sie sich verhängt hat an einer starken Dornenhecke!
   10] Darum gehe und hilf ihr, und bringe sie alsbald wohlbehalten hierher; wir alle wollen dich erwarten! Amen.«
   11] Der Hored aber wurde nun noch trauriger, fiel zur Erde nieder und fing an, also zu flehen: »Höret mich, o Brüder in Gott, höret mich, - oder so jemand ist ein Vater zu mir, der erhöre mich!
   12] Gott, unser aller überheiliger Vater, soll nach der Verkündigung meines Bruders Lamel nun wesenhaft sichtbar unter den Vätern der Höhe Sich liebevollst und barmherzigst befinden!
   13] Wenn solches der Fall ist, dann ist mir ja alles klar!
   14] Seine endlose Heiligkeit kann es ja nimmer zugeben, daß sich mein sicher unreines Weib nähern dürfte dieser so heiligen Höhe.
   15] Was wird da wohl nützen mein Umkehren, so nicht einer von euch mitgeht und mir hilft, mein Weib aus all den tausend Dörnerklauen loszumachen?
   16] O Henoch, oder du, Bruder Lamel, oder du, fremder, sicher auch mächtiger Freund, verlaßt mich nicht, und laßt nicht verschmachten mein armes Weib!
   17] O ich sehe jetzt schon, daß ich euch bis hierher nicht hätte folgen sollen, darum ich ein großer Sünder geworden bin vor Gott, und auch vor euch, ihr Männer und Kinder nach dem Herzen Gottes!
   18] Ja, ja, hier habe ich groß gefehlt! Ich will, ja ich muß zurück; aber nur einer kehre wieder mit mir zurück und helfe mir, mein armes Weib befreien!
   19] Dann aber zeige er mir irgend nahe dort am weißen Felsen einen Ort an; da will ich meine große Schuld mit meinem Weibe beweinen mein Leben lang! Aber nur diesmal erhöret mich, amen; euer Wille, amen
   20] Während der Zeit aber, als der Hored seine Trauerbitte, auf der Erde liegend, hervorgebracht hatte, beschickte der Abedam alsbald den Lamel, die Naeme nachzubringen, und das geordneterweise vollkommen unverletzt.
   21] Es war aber der Hored noch nicht zu Ende mit seinem Jammerliede als die Naeme schon ganz wohlbehalten sich unter ihnen befand.
   22] Als er aber dann, wie oben kundgegeben wurde, mit seiner Lamentation fertig ward, so fragte ihn der Abedam:
   23] »Hored, dieweil du dahier klagst, möchte die Naeme ja wohl zugrunde gehen! Was würde es dann ihr nützen, so wir sie nicht mehr treffen, da sie zurückgeblieben ist?!
   24] Und da du bemerktest, sie und du werdet euch der Heiligkeit des nun auf der Höhe Adams sichtbar gegenwärtigen Jehova nicht nahen dürfen, sage Mir darauf, wer da den Lamel bemächtigt hatte, dich samt deinem Weibe zu retten vom Untergange in der Tiefe deiner törichten wollüstigen Verborgenheit!
   25] Siehe, da solches derselbe heilige Jehova tat, was sollte Ihn denn nun hindern, euch vor Sich kommen zu lassen und euch auch zu segnen so ihr des Segens würdig seid?!
   26] Stehe nun auf, du Tor, und lerne den heiligen Jehova besser kennen! Amen.«
   27] Und der Hored sagte darauf zum Abedam: »Mächtiger Freund oder Bruder, oder Vater! - Solange mir von euch hier einer die erbetene Hilfe für mein armes Weib und mich nicht zusagt, stehe ich von dieser Stelle nicht auf, und möchtet ihr mich darob mit Schlangen züchtigen! Wenn mein Weib meiner Torheit wegen zugrunde gehen mußte, so will auch ich ihr zuliebe hier meine fahrlässige Torheit büßen vor Gott und all den Vätern!«
   28] Da rief der Abedam alsbald die Naeme herbei und winkte ihr, den törichten Hored aufzurichten.
   29] Und die Naeme eilte sogleich herbei und ergriff des Hored Hand, zu ihm folgende Worte sprechend:
   30] »Aber Hored, warum klagst du hier meinetwegen? Siehe, ich bin ja schon lange wohlbehalten hier auf dieser himmlischen Höhe, gerettet auf dieses herrlichen fremden Freundes Wort durch deinen Bruder!
   31] Darum erhebe dich doch nach dem Willen dieses edelsten Freundes
   32] Und alsbald sprang der Hored auf vor Freuden und dankte mit tränenden Augen dem Fremden für die so schnelle und von ihm so ganz unvermutete Rettung seines Weibes.
   33] Der Abedam aber sagte darauf zu ihm: »Hored, Hored, du bist noch sehr dumm; sage Mir, wie stellst du dir denn den Jehova vor?
   34] Etwa als einen starken Wind, oder als eine hell lodernde Flamme, oder als eine Sonne, oder als einen großen zuckenden Blitz?
   35] Sage Mir, wie Er dir vorkommt! Amen.«
   36] Der Hored aber erwiderte bald darauf:« »O Freund um solches frage mich ja nicht; denn wer dürfte sich da je getrauen, Gott in eine immerhin endlich plumpe Form zu schieben?!
   37] Gott ist ja ewig und unendlich! Für welche Form möchte Er da wohl taugen, Er, der unendliche Gott!?«
   38] Und der Abedam entgegnete ihm: »Ja wahrlich, für deine noch sehr dumme Form sicher nicht!
   39] Aber die Naeme, das Kind der Welt, soll Mir sagen, wie sie sich den heiligen Jehova vorstellt!«
   40]. Die Naeme aber lächelte hier und sagte endlich: »Du himmlisch guter, herrlicher Freund, vergib mir, so ich mir darob auch keine rechte Vorstellung machen kann, die da Seiner würdig wäre; aber dabei kann ich dir doch nicht verhehlen, - daß - Er mir am allerliebsten in Deiner Form wäre!
   41] Vergib mir, so ich nun etwa auch etwas recht Dummes gesagt habe!«
   42] Der Abedam aber sagte zu ihr: »Sei getröstet, du schönes Weib; wahrlich, Ich sage dir, in dieser Meiner Form wirst du gar bald den Jehova, den ewigen, unendlich mächtigen Gott, und in Ihm den heiligen, liebevollsten Vater erkennen! Amen.«


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