Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes' (Band 1)

Kapitelinhalt 88. Kapitel: Henochs Auslegung der Rede Asmahaels.

   01] Bald darauf aber wurde wieder Henoch erweckt und begann folgende Wunderrede aus Mir an all die Väter zu richten, sagend nämlich:
   02] »Höret, liebe Väter! Der Herr, Gott Jehova, unser aller liebevollster, heiligster Vater hat in Seiner großen Erbarmung die Trübsal unserer gedemütigten Herzen angesehen und ist gnädig geworden unserer Torheit, in welcher wir schon bei dreihundert Jahre hartnäckig verharrten, und will uns wieder erheben aus dem Schlamme unserer Not; aber es ist zuvor nötig, daß ein oder aus seinem Herzen den törichten Unterschied der Gegenden verbannt, hernach aber werktätig!
   03] Höret, dem Herrn, Gott Jehova, unserm allerliebevollsten, heiligsten Vater hat es gefallen, den Asmahael zu erwecken, auf daß er uns allen zeige die Torheit des Gesetzes, wenn dasselbe nicht mit der göttlichen Ordnung im engsten Zusammenhange steht! Wir waren sämtlich außer der Ordnung und konnten daher auch nichts von allem dem erfassen; denn auf der einen Seite haben wir uns umstrickt mit des Gesetzes eherner Notwendigkeit und waren tot in jeglichem Worte, Gedanken, Willen und somit auch in jeglicher Verrichtung, - auf der andern Seite aber hatten wir das größte Bedürfnis stark fühlbar in unserm Herzen nach der wahren Freiheit des Lebens, ohne welche das Leben kein Leben wäre und auch ewig nie werden könnte.
   04] Wir waren ein Doppelding; wir waren tot und lebendig. Wir waren der Wahrheit auf der einen Seite unbegreiflich nahe, auf der andern Seite wieder unbegreiflich ferne; denn das Gesetz und die Freiheit haben für das Verständnis unseres Herzens eine unübersteigliche Kluft gebildet, über welche wir weder vom Gesetze zur Freiheit noch umgekehrt springen konnten und waren daher durch die eigene Not genötigt, Gott Selbst entweder von eigenem Gesetze gebunden oder in eine zunichte machende, absoluteste Freiheit zerfließen zu sehen, und waren daher tot links und rechts!
(Den 21. Mai 1841)
   05] Ich selbst habe es in mir empfunden und konnte trotz aller meiner stillen Herzensmühe Wasser und Feuer unmöglich in ein Gefäß bringen und vereinen! Denn', dachte ich mir, das Gesetz der Ordnung ist doch ein Gesetz, welches Gott so lange beachten muß, solange Er beständige Wesen um und in Sich erschauen und haben will; wer aber Gesetze beachten muß, wie ist der denn frei?'
   06] Wieder dachte ich mir: ,Wer aber vermag Gott zu etwas zu nötigen? Tut Er es, so tut Er es ja nach Seinem höchst freien, heiligsten Willen und kann es alsogleich wieder zerstören und jegliches Werk vollkommen zunichte machen!'
   07] Wieder dachte ich mir: ,Woher rührt denn hernach die beständige Erhaltung?'
   08] Da meldete sich die Liebe und sagte: ,Ich bin der Grund aller Erhaltung!', und weiter sagte sie nichts!
   09] Da dachte ich wieder: ,Wenn Du der Grund aller Erhaltung bist, für hochwahr, da bist Du Dir ja Selbst ein ewiges Gesetz, - wie hernach frei?'
   10] Und wie ich dachte, so auch dachte der Vater Adam. Und der Vater Seth dachte also zwar nicht, aber er empfand die unübersteigliche leere Kluft tief in seiner Brust und suchte und fand; aber in Ermanglung der tauglichen Werkzeuge konnte er mit dem Gefundenen keine Brücke bauen über die große Kluft. Und es dachten auch die anderen Väter in mehr oder weniger großer Lauheit darüber nach unter sich und brachten nichts denn eine geduldige Abwartung der Dinge unter sich hervor und mochten leise die Schuld hin und her schieben; allein es wollte darob doch nicht lichter und wärmer werden in der verirrten Brust.
   11] Die Mutter Eva zeigte dem Vater Seth wohl ein großes Licht, - allein der starke Schein in der Nacht erblindet das schwache Auge noch mehr denn vorher die Nacht selbst; und so ward eines jeden Unternehmung gerügt durch die darauffolgende dreifache Finsternis.
   12] Es ist aber kein weiserer Lehrer denn die Not selbst. In der Not wandten wir uns alle an den heiligen, liebevollsten Vater, und Er hat die Not der Kinder angesehen und kam zu ihnen herab mit Seiner Gnade. Wir sind die Kinder; Er aber ist unter uns und lehrt uns Selbst!
   13] Und Seine Worte sind ein lauter Ruf voll Liebe und Weisheit; denn also spricht der heilige, liebevollste Vater:
   14] »Höret, Kinder Meiner Liebe, und begreift es wohl in euren Herzen: Ich bin ein einiger, ewiger Gott, Schöpfer aller Dinge aus Mir und Vater Meiner Liebe und aller derer, die aus ihr sind.
   15] Ich bin ewig frei und ungebunden, und Meine Liebe ist die Seligkeit Meiner ewigen Freiheit selbst.
   16] Alle Geschöpfe sind keine Notwendigkeit, sondern nur den Geschöpfen sichtbare Zeichen Meiner allerhöchsten, vollkommen freien Macht und der daraus hervorgehenden Seligkeit aller Seligkeiten. Was sollte oder könnte Mich nötigen, also oder anders zu handeln?!
   17] Was ihr,Gesetz' nennt, ist bei Mir die höchste Freiheit in aller Seligkeit Meiner Liebe; was ihr aber,Freiheit' nennt, ist nur Meine freie Macht. Daher lebet der Liebe, lebet der ewigen Liebe in Mir, so lebet ihr wahrhaft frei! Und die Freiheit des Lebens wird euch erst vollständig belehren, daß das Gesetz der Liebe die allereigentlichste und allerhöchste Freiheit ist, und daß das Gesetz und die Freiheit gleich sind einem Kreise, der überall sich selbst begegnet und sich frei macht durch die Ordnung, in welcher er sich ewig baut in der unendlichen Vollkommenheit!
   18] Daher liebt, so ist das Gesetz euch untertan und ihr seid vollkommen frei wie Ich, euer Vater! Amen.«'


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