Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes' (Band 1)

Kapitelinhalt 45. Kapitel: Adams Segen über seine Kinder.

   01] Und sehet, es verflossen kaum hundert Pulsschläge, als die beiden Abgesandten, versehen mit Speise und Trank, an der Seite der weinenden Jeha ehrfurchtsvoll in die Hütte Adams traten und reichten es ehrerbietig dem Seth, damit er es dann als Würdigster, niederknieend vor Adam und Eva, denselben in der größten kindlichen Liebe und in größter Freude reichen möchte, wonach sie verlangten.
   02] Und sehet, da nun Adam sah die große Bereitwilligkeit seiner Kinder und ihre große Liebe, da erhob er seine Augen, ehe er noch einen Bissen in den Mund steckte, gen Himmel und sprach: »O Du großer, bester, überheiliger Vater, wie groß muß doch Deine Liebe zu uns schwachen, ungehorsamen Menschen sein, da der kleinste Funke dieser Deiner unendlichen Liebe in meinen Nachkommen und Deinen Kindern schon so mild und herrlich mir altem und schwachem ersten Menschen der Erde entgegenstrahlt! O Vater, siehe gnädig herab von Deiner heiligen Höhe auf Deinen schwachen, gefallenen Sohn, dessen Fall allen seinen Nachkommen zum Falle geworden ist, und segne auch Du in Deiner Milde die liebe Gabe meiner Nachkommen und Deiner lieben Kinder, damit sie mich und mein treues Weib stärken möchte in unserer steten Reue ob unseres Ungehorsams gegen Dich, o Du heiligster, bester, liebevollster Vater! Segne aber auch diese Deine lieben Kinder, und lasse es gnädig geschehen, daß Dein heiliger Name allzeit möchte gepriesen, gelobt und verherrlicht werden! Amen.«
   03] Als nun der Adam solches geredet hatte, da nahm er die dargebrachte Speise und aß und trank mit der Eva wohlgemut und voll Dankbarkeit gegen Mich und voll Freundlichkeit gegen seine Kinder. Die Kinder aber dankten Mir still in ihren Herzen für die große Gnade, daß Ich sie gewürdigt habe damit, daß sie nun in großer Freude sorgen durften für ihre Eltern. - Sehet, das waren Mir recht liebe Kinder, dergleichen es jetzt wenige gibt auf der gänzlich verdorbenen Welt; oh, das waren aber auch Kinder nach Meinem Herzen! Möchten doch viele solche Kinder sein, oh, dann wäre Ich ihnen kein so verborgener Vater, wie Ich nun leider gar so vielen sein muß, damit sie doch nicht gänzlich zugrunde gehen in ihrer verstockten Blindheit!
   04] Und als der Adam und die Eva sich nun gesättigt hatten im Angesichte ihrer aus Liebe stets noch weinenden Kinder, da richtete sich Adam auf und dankte Mir mit tiefgerührtem Herzen und wandte sich nach vollendeter Danksagung zu seinen Kindern und sprach mit überaus freundlicher Stimme voll schwebender, gerührter Bewegung: »Gottes Segen und mein Segen sei allezeit mit euch und bei allen euren Nachkommen. Und solange die Erde Erde bleiben wird, soll eure nun so hoch gesegnete Linie fortbestehen bis ans Ende aller Zeiten; und die da je sein werden aus eurer geraden Linie, an denen soll auch wohl sichtbar sein in allem ihrem Tun und Lassen dieser mein Urstammvatersegen aus Gott als unserm allerheiligsten Vater; und es soll dereinst sichtbar werden dieser mein Segen über euch alle als eine neu aufgehende Sonne der Liebe und Gnade aus Gott, dem Vater, über alle Völker der Erde, welche dann schauen werden die große Herrlichkeit Gottes in allerhöchster Liebe und Sanftmut daniedersteigen als ein Leben alles Lebens! Amen. - Und nun gehet, liebe Kinder, und stärket und labet euch unter Gottes und meinem Segen! Amen.
   05] Seth aber erhob sich und sprach: »O du, lieber Vater, und du, liebliche Mutter! Es wäre nicht fein, so dich gehungert hat auch nur einen halben Tag, daß wir aus großer Liebe zu dir nicht auch sollten teilen mit dir dein unverdientes Ungemach, woran wir schuld sind, da wir erst so spät zu dir gekommen sind; daher laß uns aus großer Liebe zu dir und durch dich und mit dir zu Gott den heutigen Tag keine Speise zu uns nehmen, damit wir Gott desto lauterer und würdiger zu loben und zu preisen vermöchten in unserer überglücklichen Nüchternheit! O Vater, nimm gnädig auf dieses unser kleines, gerechtes Opfer; erlaube aber dafür deinem Enkel Henoch zu reden vor dir und uns von der Liebe Gottes, damit sein Mund geheiligt werden möchte auch durch deinen Segen, wie er vor uns geheiligt wurde von Gott durch deinen heimgegangenen Sohn Ahbel (Abel)! O Vater, willfahre gnädig meiner frommen Bitte! Amen.«
   06] Als aber Adam solches vernommen hatte, ward er gerührt bis zu Tränen und sprach: »O Kinder, ihr tut mehr, als ich von euch verlangte! Es soll euch in allem Guten ja niemals eine Schranke gesetzt werden! Tut immerhin, was euch frommt; aber tut, was ihr tut, nicht zu meiner, sondern allzeit zur Ehre Gottes, und vergesset eures Vaters nicht in seiner großen Not, und gedenkt allzeit wohl der Schwäche eurer Mutter!
   07] Und du, lieber Henoch, der du von Gott durch meinen geliebtesten Ahbel (Abel) zum Redner und Prediger der Liebe bist gesegnet worden, sei auch gesegnet von mir in allen deinen Nachkommen, und es möge dereinst von deiner Linie allen Völkern der Erde ein großer Prediger erstehen, der mit dem Worte des ewigen Lebens den Menschen das Reich Gottes verkünden wird! Amen. - Und nun rede mit deiner gesegneten Zunge! Amen.«
   08] Als nun aber Henoch solche hohe Aufmunterung erhalten hatte, da ward er über die Maßen froh und heiter und dankte zuerst Mir in seinem Herzen; dann aber fiel er vor Adam nieder, küßte seine Füße und das Kleid der Eva und bat darauf inbrünstig den Urstammvater, daß er ihm seine segnenden Vaterhände möchte aufs Haupt legen, damit dadurch dann erst seine schwache Zunge würdig werden möchte, zu reden Worte der Liebe vor und zu den Ohren, welche einst die Worte aus dem Munde der ewigen Liebe Selbst vernommen hatten, ja vor und zu den geheiligten Ohren, in die Gottes Stimme so vielfach drang.
   09] Adam aber, nachdem er dem Henoch tat, wonach dieser verlangte, sprach zu ihm: »Lieber Henoch! Du hast deine Bitte recht gestellt, daß sie Gott und mir wohlgefällig ist, und es ist so, wie du gesagt hast; aber eines, das dir freilich nicht ziemlich gewesen wäre zu denken, noch viel weniger zu sagen, muß ich hinzusetzen, und das ist: vor und zu welchen Ohren Gottes heilige Stimme einst vergeblich in allerhöchster Liebe redete!
   10] Siehe, lieber Henoch, mir steht es zu, wie jedem von euch, die eigenen Fehler vor aller Augen zu bekennen und sich so zu demütigen vor Gott und der Erde; aber wehe dem, der möchte verkleinern den Namen seines Bruders und ihm nehmen die Ehre, die ihm Gott Selbst gegeben hat! Es ist aber demnach solche Ehre eines jeglichen Eigentum von Gott aus, und es hat niemand das Recht, ein so geheiligtes Eigentum des andern anzugreifen mit seiner Zunge oder mit seiner Hand; aber jeder hat das Recht, sich zu demütigen vor Gott und vor der Erde, das ist, vor seinen erwachsenen Brüdern, - nur nicht vor der Unmündigkeit, damit diese nicht hochmütig und anderartig geärgert werde.
   11] Dieses sei nun euch allen eine gute Lehre, mir aber eine große Beruhigung, vermöge welcher ich erst selbst im guten Stande sein werde, Gottes Worte aus Henochs gesegnetem Munde wohl zu vernehmen! Denn es ist ein anderes, so ein Bruder zum andern spricht von der Erde, dem Monde, der Sonne und allen den Sternen - denn das sind Dinge der Welt, die alle erschaffen wurden meinet- und euretwegen -, und ein anderes ist es, so ein Bruder zum andern redet Worte aus Gott von den Dingen, die Gottes sind; die kann und soll niemand eher vernehmen, bevor er sich nicht erniedrigt hat vor der alles richtenden Heiligkeit Gottes.
   12] Wer aber da meinen würde, der Bruder rede Dinge aus sich und nicht aus Gott, so seine Zunge gesegnet wurde, der würde über sich selbst das Gericht aussprechen in seinem Eigendünkel, da er meine, daß auch er so gut wäre und Gott ja durch eines jeglichen Mund reden könne und müsse, und es müsse nicht gerade der des Henoch sein; aber da sage ich, euer aller Leibesvater und Zeuger eurer Seele aus Gott: Es ist dem nicht so! Seht an die Blumen auf dem Felde! Ist nicht eine jede anders in der Gestalt, Farbe, im Geruche und in dem Gebrauche - und ist aus allen die edelste doch nur die Rose mit ihrem überherrlichen Geruche und ihrem jegliches schwache Auge stärkenden Taue, so zuvor durch den Geruch erquickt wurde das Herz?! Und so ihr betrachtet die zahllosen Sterne am Himmel, so werdet ihr finden, so ihr sie genau beachtet, daß auch nicht zwei ein und dasselbe Licht haben; aber nur einer unter all den Sternen, welche nicht verlassen ihre Gemeinde, den ihr den ,Stern Ahbel (Abel)'s nennt, ist, der da strahlt gleich einem hellen Tautropfen in der Morgensonne! Es ist zwar Gott einerlei Sorge um ein Sonnenstäubchen oder um eine Sonne, und es ist Ihm einerlei, zu ernähren eine Mücke oder ein Mamelhud; denn es ist, wie wenn jemand viel hat, so kann er davon geben Großes und Kleines mit demselben Willen und derselben Liebe: dem, der vieles bedarf, vieles und dem, der nur weniges bedarf, nur eine kleine Gabe, und er kann auch vielerlei Gaben austeilen, dem einen dieses und dem andern jenes, und so jedem etwas anderes. Henoch aber wurde beteilt mit Liebe und erhielt eine gesegnete Zunge und ein wohlerleuchtetes Herz; daher soll er auch geben, was er erhielt. Und weil da die Liebe Gottes sein Anteil wurde, so soll er nun auch Liebe wiedergeben, gleichwie die Rose das gibt, was sie erhielt, und niemand zweifelt, daß sie es zuvor von Gott erhalten hat, was sie gibt, da es eine gute Gabe ist, die unseren Sinnen frommt. Wer wird je zweifeln können, woher die Gabe Henochs kommt, wenn seine Zunge vor lauter Liebe Gottes bebt?!
   13] Daher rede, Henoch, und stärke uns, deine Väter, mit der Überfülle deiner Gnade aus Gott! Amen.«


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