Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 10. Kapitel: Philosophische Fragen des römischen Hauptmanns.

   01] Als Ich solches dem Ebal gesagt hatte, erhob sich auch schon der Hauptmann von seinem Stuhle und bewegte sich mit einem freundlichen Angesicht zu Mir hin. Als er sich bei Mir befand, da sagte er: »Du großer und machtvollster Meister in der geheimnisvollen Sphäre deiner Kunst und Wissenschaft, durch die du dir alle die geheimen Kräfte der Natur vollkommen untertan gemacht hast, ich habe euren Gesprächen mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört und daraus entnommen, daß ihr alle dem jüdischen Gotteskulte angehört, der viel Gutes, aber daneben recht viel Schlechtes enthält, aus dem sich die vielen Mißbräuche eurer Priester in einem noch viel ärgeren Grade nach und nach entwickelt haben als bei uns Heiden, wie wir von euch Rechtgläubigen genannt werden.
   02] Aber sei es nun, wie es da wolle, du machtvollster Meister scheinst in eurer Gotteslehre viel tiefer eingeweiht zu sein als der sonst auch recht weise Ebal?! Nur begreife ich nicht, was du damit hast sagen wollen, wo du also sprachst, als seiest du allein das Grundprinzip alles Seins, Lebens und Fortbestehens! Du seiest die Wahrheit und das ewige Leben; wer an dich glaube und dich liebe, der werde keinen Tod jemals sehen, fühlen und schmecken. Also seiest du auch derjenige, der die Seelen am Jüngsten Tage zum ewigen Leben auferwecken werde, und dergleichen noch mehreres.
   03] Ist das nur so deine weise Redeweise, oder bist du selbst der Gewisse oder dasjenige geheimnisvolle Ich, der sich uns Menschen als der Grund alles Seins, Lebens und Bestehens darstellt? Ich bin in der alten Griechenweisheit kein Laie, und du könntest mit mir schon auch reden in deiner Weisheit, die ich nun näher kennenlernen möchte!«
   04] Sagte Ich: »Setze dich denn an diesen Tisch mit deinen beiden Unterdienern, und wir wollen dann sehen, wie weit ihr zu bringen sein werdet!«
   05] Hierauf berief der Hauptmann sogleich die beiden Unterdiener an unseren Tisch.
   06] Und als diese sich bei uns befanden, da sagte Ich zum Hauptmann: »Nun rede offen, was du von Mir erfahren willst! Doch von dem, was Ich ehedem mit dem Freunde Ebal geredet habe, rede nicht; denn das faßt dein Verstand nicht!«
   07] Als der Hauptmann das vernommen hatte, geriet er in eine Verlegenheit und wußte nicht, um was er Mich so ganz eigentlich hätte fragen sollen. Nach einer Weile Überlegens sagte er: »Vollmächtigster Meister, in welcher mir sicher ganz unbekannten Schule bist denn du gebildet worden?«
   08] Sagte Ich: »In Meiner höchsteigenen, und das schon von Ewigkeit der; denn ehe noch ein Sein im endlosen Raume sich befand, war Ich Meinem innersten Geiste nach da und erfüllte die ewige Unendlichkeit!«
   09] Als der Hauptmann das vernahm, sah er Mich groß an und sagte: »Ist dein Innerstes denn größer als dein Äußerstes? Siehe, du redest verworren! Wie sollen wir das verstehen? Was hast du damit sagen wollen?«
   10] Sagte Ich: »Die volle Wahrheit; aber da in dir bis jetzt noch keine Wahrheit ist, so kannst du diese erste Wahrheit auch nicht verstehen. Höre aber, Ich will dir ein Näheres eröffnen!
   11] Siehe, im Anfange alles Anfangs und vor dem Sein alles Seins war das Wort! Dies Wort war bei Gott, denn Gott Selbst war das Wort, und alles, was da ist und den endlosen Raum, von dem schon eure Weisen geredet haben, erfüllt, ist durch das Wort geschaffen worden und nichts ohne dasselbe.
   12] Das ewige Wort hat nun Fleisch angenommen aus Sich und kam nun als ein Mensch zu Seinen Menschen in diese Welt, und die Seinen erkennen es nicht! Und du bist auch ein Mensch und erkennst das ewige Wort in Mir nicht, dieweil du blinden Herzens bist. - Hast du denn der Juden Propheten nicht gelesen?«
   13] Sagte der Hauptmann: »Wohl habe ich sie, wie vieles andere, gelesen; aber wer kann diese verstehen? Eure Priester verstehen sie nicht; wie sollte ich als ein Römer sie verstehen? Sie schrieben ebenso unverständlich, wie du nun zu mir über dich geredet hast!
   14] Ich sehe es schon, daß ich mit dir zu keiner Klarheit jemals gelangen werde, und wir fangen, so es dir genehm ist, lieber über andere Dinge zu reden an! Sage mir doch, du sonderbar vollmächtigster Meister, in welchem Lande bist du denn geboren, und welchem Volke gehörst du dem Leibe nach an!?«
   15] Sagte Ich: »Siehe, - da, neben Mir sitzt Meines Leibes Gebärerin; darüber besprich dich mit ihr!«
   16] Darauf wandte sich der Hauptmann an die Maria, und diese hat in einer sehr gedehnten Rede ihm alles von ihrer Empfängnis bis zu Meinem zwölften Jahre haarklein erzählt, was es mit Mir für eine stets wunderbare Bewandtnis hatte.
   17] Diese Erzählung machte die drei Römer sehr stutzig, und sie wußten nun nicht, was sie so ganz eigentlich aus Mir machen sollten. Denn an ihre Götter hatten sie schon lange keinen Glauben mehr, und noch weniger an den Gott der Juden; sie lebten nach Epikur, und eine Gottheit war ihnen ein Unding. Nun aber entdeckten sie in Mir göttliche Eigenschaften, wußten aber nicht, wie sich diese mit einem nach ihrer Meinung nur auch zeitlich lebenden und bestehenden Menschen einen können.
   18] Es fragte Mich darum der Hauptmann, sagend: »Großer Herr und Meister! Sage mir nun, ob du dem Leibe nach auch sterben oder gleich ewig fortleben wirst?«
   19] Sagte Ich: »Nur noch eine kurze Zeit, - dann aber werde Ich, wie Ich nun da bin, wieder dorthin zurückkehren, von wannen Ich gekommen bin, und die Meinen werden für ewig bei Mir sein.«
   20] Sagte der Hauptmann: »Wer sind denn die, welche du die Deinen nennst, und wo ist der Ort, dahin du schon in kurzer Zeit zurückkehren wirst?«
   21] Sagte Ich: »Die Meinen sind, die an Mich glauben, Mich lieben und Meine Gebote halten; der Ort aber ist nicht einer, wie da sind die Orte auf dieser Erde, sondern er ist das Reich Gottes, das nun von Mir gegründet wird unter den Menschen und in der Menschen Herzen.
   22] In dieses Reich des wahren, ewigen Lebens aber gelangt man nicht auf den breiten Heerstraßen dieser Welt, sondern auf einem ganz schmalen Pfade nur, und dieser heißt Demut, Geduld, Selbstverleugnung in allen Reizungen, die von dieser Welt ausgehen, und eine volle Ergebung in den Willen des einen, allein wahren Gottes.«
   23] Sagte der Hauptmann: »Wo kann man denn erfahren, was Gott will, und wie lauten denn deine Gebote, die die Deinen zu halten haben?«
   24] Sagte Ich: »Mein Wille ist Gottes Wille, und Meine Gebote sind Gottes Gebote. Wer Meinen Willen tut und also Meine Gebote hält, der wandelt auf dem rechten Wege ins Reich Gottes! Tue du desgleichen, so wirst auch du wandeln auf dem rechten Wege ins Reich Gottes!«
   25] Hierauf erhob sich der Hauptmann vom Stuhl und ging zu einem Meiner Jünger und fragte ihn, was er von Mir halte.
   26] Dieser aber sagte: »Wir alle halten das von Ihm, was Er dir Selbst sagte! Er ist der Herr, und wir sind Seine Jünger. In Ihm wohnt die Fülle Gottes; außer Ihm gibt es keinen Gott!«
   27] Bei diesen Worten verließ der Hauptmann den Jünger und begab sich wieder zu Mir.


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