Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 68. Kapitel: esus über rechte Kindererziehung.

   01] Als wir aber also beisammensaßen und ganz wohlgemut aßen, tranken und uns über allerlei Dinge besprachen, da fingen die großen Hunde im großen Hofe stark zu bellen an.
   02] Lazarus, darauf aufmerksam gemacht, sagte zu Mir: »Herr und Meister, sicher nahen sich meinem Bethanien wieder ungeladene Gäste! Aber es ist gut, daß Du mir die Wächter gabst; wir sind durch sie vor lästigen Besuchern gesichert. Aber nachsehen sollte man etwa doch, was es gibt, weil die Tiere einen gar so starken Lärm machen.«
   03] Sagte Ich: »Lasse du das nur gut sein; denn Ich weiß es schon, was es draußen gibt! Erinnerst du dich nicht mehr der Pharisäer, die gestern nacht bei dir bis zum Morgen verblieben sind? Siehe, diese haben es dir ja versprochen, heute Meinetwegen heraus nach Bethanien zu kommen! Siehe, diese und noch einige nähern sich nun diesem Orte und wollen in dieses dein Hauptwohnhaus einkehren; aber es ist noch nicht an der Zeit, und das darum um so weniger, weil sie heute vormittag wieder im Rate gesessen sind und ihre gestrigen Gesinnungen schon wieder um ein bedeutendes geändert haben. Es sind noch ein paar weitmaulige, wahre Zeloten bei ihnen, und so haben sie nun gut warten, bis sie hereinkommen werden. Sende aber du einen deiner Diener hinaus; der soll sie in die Herberge der Fremden bringen! Gen Abend werden wir dann schon sehen, was wir tun werden.«
   04] Lazarus entsandte sogleich einen Diener, und es geschah, wie Ich es anbefohlen hatte.
   05] Lazarus aber sagte darauf: »Das wundert mich von den gestrigen Pharisäern sehr, daß sie wieder eines anderen Sinnes geworden wären, indem Du doch Selbst gesagt hast, daß dies wohl etwa die letzten und einzigen seien, die sich aus der großen Zahl der Templer zu Dir bekehrt haben! Und wir waren auch alle des ganz frohen Glaubens.«
   06] Sagte Ich: »Sei darob nicht zweiflig und bange! Diese werden uns auch bleiben; aber gerade jetzt sind sie noch nicht völlig bekehrt. Doch wenn der Abend sich nahen wird, dann werden sie auch eines anderen und besseren Sinnes werden, und wir wollen dann zu ihnen gehen. Für jetzt aber bleiben wir hier ganz heiteren Mutes beisammen, und es wird sich noch so manches finden, darüber wir unter uns einige Worte werden wechseln können.«
   07] Damit waren Lazarus und alle Anwesenden völlig zufrieden.
   08] Es wurde darauf eine kurze Zeit völlig still an unserem Tische; nur am Tische der Jungen wurde dann und wann ein Wort gesprochen, indem die Jünglinge den Raphael um allerlei befragten und er sie darüber auch stets freundlichst belehrte.
   09] Wir behorchten sie, und die bei uns anwesenden vier Templer, die in Emmaus zu uns getreten waren, wie auch die sieben, die am Ölberge schon früher zu uns gestoßen waren, sagten: »Solch ein Unterricht gibt aus! Denn von solch einem Lehrer lernt die Jugend ja in einer Stunde mehr als bei einem Weltlehrer in zehn Jahren! Herr, unsere Weiber und Kinder befinden sich auch hier in Bethanien, in irgendeinem Hause des Lazarus untergebracht; wenn sie auch nur eine Stunde lang solch einen Lehrer aus den Himmeln hätten, welch ein großer Vorteil wäre das für sie!«
   10] Sagte Ich: »Allerdings wäre das ein großer Vorteil für sie, aber sie wären nicht fähig, von solch einem Lehrer den Unterricht anzunehmen, weil ihre Herzen und Seelen schon mit zu vielen weltlichen Dingen vollgepfropft sind. Diese Jungen aber sind von möglichst keuschem Sinne und sittlich unverdorben; ihnen ist jede Sünde noch fremd, und sie haben viel Not und Elend ausgestanden und mußten sich an Entbehrungen aller Art gewöhnen, daher sie auch aller Leidenschaften, denen Kinder reicher Eltern unterworfen sind, völlig bar geworden. Ihre Seelen sind demnach engelrein und somit fähig, den göttlichen Geist in sich unbehindert sich ausbreiten zu lassen. Und sieh! Darin liegt denn auch der Grund, daß sie schon als Kinder nun von einem ersten Engel unterrichtet werden können; denn nur solche höchst reinen und gänzlich unverdorbenen Seelen können von den Engeln des Himmels unmittelbar unterrichtet werden, Kinder aber, wie die eurigen, nur, so es gut geht, mittelbar.
   11] Ich sage es euch: Wenn die Eltern es verstünden, ihre Kinder also zu erziehen, daß diese ihre Unschuld und Seelenreinheit erhalten könnten nur bis in ihr vierzehntes Jahr, so würden ihnen auch aus den Himmeln Lehrer und Führer unmittelbar gegeben werden; aber da das nun in dieser Zeit unter den besonders angesehenen Juden schon gar nie mehr vorkommt, so haben auch die Lehrer aus den Himmeln mit euren Kindern unmittelbar nichts mehr zu tun.
   12] Aber bei den Patriarchen war das sehr häufig der Fall, und hie und da geschah das auch noch in diesem, wie auch im vorigen Säkulum. Meines Leibes Mutter wie auch Mein Nährvater Joseph, dann auch der alte Simeon, die Anna, der Zacharias, sein Weib Elisabeth und sein Sohn Johannes und noch etliche sind von den Engeln aus den Himmeln erzogen worden, und das unmittelbar; aber die Benannten sind von ihren Alten auch in der größten Sitten- und Seelenreinheit von der Wiege an erzogen worden, was aber bei euren Weltkindern wohl nie der Fall war.
   13] Allein, es wäre das wohl gar überaus gut für die Menschen, obwohl das zur Erlangung der Seligkeit und des ewigen Lebens nicht gerade unbedingt nötig ist; denn es ist bei Mir und somit auch im Himmel unendlich mehr Freude über einen Sünder, der Buße tut und sich wahrhaft bessert, als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nie bedurft haben, wie Ich euch das schon einmal gesagt habe. Darum tuet nun das, was Ich euch lehre, und ihr werdet leben; denn Ich, der Ich euch das sage, bin mehr denn alle Engel der Himmel, und somit auch sicher Meine Lehre!«
   14] Sagte nun ein Schriftgelehrter, dessen Weib und Kinder auch in Bethanien sich befanden: »Herr, mein Weib und meine sieben Kinder haben meines guten Wissens allzeit streng nach dem Gesetze leben müssen, und die Seelen der Kinder dürften wohl noch ganz rein sein! Diese könnte ich ja doch wohl hierher bringen lassen? Sie würden hier sicher für ihr ganzes künftiges Leben viel gewinnen. Was meinst Du, o Herr, da?«
   15] Sagte Ich: »Da meine Ich dennoch also, daß es für dein Weib und für deine Kinder, die nicht so rein sind, wie du das meinst, besser ist, wenn sie heute bleiben, wo sie sind; denn morgen ist auch noch ein Tag und übermorgen auch einer, und da wird es sich schon noch fügen, daß Ich auch mit euren Weibern und Kindern zusammenkommen werde. Und nun machet Mir in dieser Hinsicht keine Vorstellungen mehr!«
   16] Nach diesen Meinen Worten machten sie Mir auch keine derartigen Verstellungen mehr.


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