Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 12. Kapitel: Von der Materie und ihrer Gefahr.

   01] Sagte nun etwas aufgeregt Agrikola: »Aber, Herr und Meister, Du bist doch endlos weise und bist voll des allmächtigsten Willens; auch stehen Dir zahllos viele Legionen der mächtigsten Engel, wie da Raphael einer ist, zu Gebote; auch wir Römer wollen in diesweltlicher Beziehung für das Gedeihen der guten Sache gegen die Macht aller Teufel in den Kampf gehen und wollen den Spruch im Herzen und im Munde führen: "Eher soll die ganze Erde in eitle Trümmer zerfallen, als daß zerstört werde nur ein Häkchen an der Wahrheit und Gerechtigkeit dessen, was uns Deine Lehre verkündet hat!"
   02] Du aber bist allein allmächtig zur Übergenüge und bedarfst weder der Hilfe Deiner zahllos vielen Engel und noch weniger unserer römischen Kriegsheere; da ist es Dir ja doch ein leichtestes, dem irgendwo im geheimen gegen dich wirkenden Fürsten der Lüge und der Finsternis für ewig sein arges Handwerk zu legen! Was tun denn wir Menschen mit einem völlig unverbesserlichen Verbrecher? Wir werfen ihn entweder in ein sogenanntes ewiges Gefängnis, oder wir geben ihm nach dem Gesetz den Tod als eine gerechte Strafe! Denn ein Mensch, der einmal zu einem vollendeten Teufel geworden ist, ist ja um gar viele Male besser von der Erde vertilgt, als daß er fortlebe zum größten Unheile der andern, besseren Nebenmenschen. Tue Du, o Herr und Meister, desgleichen auch mit dem Fürsten der Lüge und der argen Lebensfinsternis, und es wird dann Ruhe und Ordnung und Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit auf der Erde herrschen unter den Menschen!«
   03] Sagte Ich: »Du hast da gut reden, weil du jetzt noch nicht verstehst und einsiehst, worin eigentlich die Hölle und worin der Fürst der Lüge und der Finsternis besteht!
   04] Du hast recht, daß du sagst, daß Ich sicher die Macht habe, die Hölle samt ihrem Fürsten und allen seinen Teufeln zu Vernichten; aber so Ich das tue, dann hast du keine Erde mehr unter deinen Füßen, keine Sonne, keinen Mond und ebenso auch keine Sterne mehr! Denn alle materielle Schöpfung ist ja ein fortwährendes Gericht nach der nie verrückbaren Ordnung Meines Willens und Meiner Weisheit. Dieses muß sein und bestehen, damit die Seelen der Menschen auf dem harten Boden des Gerichts die Freiheit und die volle Selbständigkeit des ewigen, unverwüstbaren Lebens sich erkämpfen können.
   05] So Ich nach deinem Rate nun alle materielle Schöpfung auflöste, da müßte Ich ja auch unter einem (gleichzeitig) jeden Leib der Menschen vertilgen, der denn doch ein notwendiges Werkzeug der Seele ist, weil sie nach Meiner höchsten Weisheit und tiefsten Erkenntnis sich nur einzig und allein mit diesem Werkzeuge das ewige Leben erkämpfen und erwerben kann.
   06] Obwohl aber der Leib der Seele zur Erreichung des ewigen Lebens unumgänglich notwendig ist, so ist er aber leicht auch das größte Unheil für die Seele; denn wenn sie sich von den notwendigen Reizungen ihres Fleisches betören läßt, ihnen nachgibt und sich ganz in dieselben mit aller ihrer Liebe und mit allem ihrem Denken und Willen versenkt, so ist sie in das Gericht ihres eigenen Fürsten der Lüge und Finsternis eingegangen, aus dem sie höchst schwer zu erlösen sein wird.
   07] Und siehe, was dein Leib für deine Seele ist, das ist die Erde für das ganze Menschengeschlecht! Wer sich zu sehr von dem Glanze ihrer Schätze blenden und gefangennehmen läßt, der kommt auch selbst- und freiwillig in ihr Gericht und in ihren materiellen Gerichtstod, aus dem er ebenfalls noch schwerer sich befreien wird.
   08] Weil nun aber die Menschen der Erde stets mehr und mehr der glänzendsten Schätze zu entlocken verstehen, um damit ihrem Fleische die größtmögliche Wohlfahrt, Behaglichkeit und Wollust zu verschaffen, so ist eben das die besonders erhöhte Tätigkeit des Fürsten der Hölle, welche in sich ist das ewige Gericht und somit der Tod der Materie und der Mittod jener Seelen, die sich aus oberwähnten Gründen von ihr haben gefangennehmen lassen.
   09] Mit welcher Allmacht und Weisheit willst du dagegen als für ewig wirksam kämpfen? Ich sage es dir und euch allen: Mit keiner andern als mit der Wahrheit, die Ich euch gelehrt habe, und mit der Macht der möglichsten Selbstverleugnung und der wahren und vollen Demut des Herzens!
   10] Wolle du nur das, was du als wahr erkennst, und handle danach auch der Wahrheit gemäß und nicht irgend aus weltlichen Gründen zum Schein wie also tun da unten die Templer und auch gar viele Heiden, so hast du dadurch die ganze Hölle und ihren Fürsten in dir besiegt! Alle bösen Geister, die in aller Materie vorhanden sind, werden dir nichts mehr anhaben können, und kämen sie dir auch im endlos großen Vereine aus der Materie des gesamten, großen Schöpfungsmenschen entgegen, so würden sie vor dir dennoch also fliehen müssen, wie lockere Spreu und der Sand der Wüsten vor dem mächtigen Sturmwind.
   11] Aber wenn dich die Schätze der Erde gefangenhalten, so daß du, um in ihren vollen Besitz zu gelangen, auch die erkannte Wahrheit verleugnen würdest, dann bist du in deiner Seele schon ein Besiegter von der Macht der Hölle und ihres Fürsten, der da heißt Lüge und Finsternis, das Gericht, das Verderben und der Tod.
   12] Sieh an unsere sieben Ägypter! Sie kennen alle inneren, verborgenen großen Schätze der Erde und könnten dieselben auch in großen Massen ausbeuten; aber sie verachten das, leben lieber höchst einfach und suchen nur die Schätze des Geistes, und so haben sie aber auch noch unverrückt jene wahren, urmenschlichen Eigenschaften, durch die sie als wahre Herren und Gebieter über die gesamte Natur dastehen, was sicher nicht der Fall wäre, wenn sie sich von den Reizen der Natur je hätten irgend gefangennehmen lassen.
   13] Wenn ein Hausvater und Hausherr die rechte und gute Ordnung in seinem Hause erhalten will, so muß er mit seinem Gesinde nicht gemein werden und sich bald fügen in dessen allerartige Schwächen. Denn tut er das, so wird er ein Gefangener seines losen Hausgesindes, und wenn er dann zu einem oder zum andern sagen wird: "Tue dies!" oder "Tue jenes!", - werden ihm da seine über ihn mächtig gewordenen Diener wohl noch gehorchen? O nein, sie werden ihn nur verhöhnen und verlachen!
   14] Also auch wäre es der Fall mit einem Feldherrn, so er sich unterordnete seinen Kriegern, die ihre Kraft und ihren Mut nur dem Feldherrn verdanken. Es käme der Feind, und er geböte dann den Kriegern, den mächtig drohenden Feind anzugreifen und zu besiegen, würden die Krieger dem schwach gewordenen Feldherrn wohl gehorchen? O nein, sie würden sich sträuben und sagen: "Wie magst du, Schwacher, uns gebieten? Hast du nicht den Mut und den Willen je gehabt, uns ernstlich den Gebrauch der Waffen einüben zu lassen und tändeltest nur mit uns wie ein Spielgefährte, wie kannst du uns nun gegen den Feind führen? Du warst nie unser Meister, sondern wir die deinen! Wie wirst du es nun auf einmal anstellen, uns alten Meistern über dich ein Meister zu werden?"
   15] Sehet, so auch ergeht es einem jeden Menschen, der nicht schon von der frühesten Zeit an von seinen Eltern und Lehrern streng angehalten wird, sich in allen möglichen fleischlichen Leidenschaften selbst zu verleugnen, damit diese nicht die Herren und Meister über seine Seele werden! Denn sind sie einmal der Seele über den Kopf gewachsen, so hat diese dann einen schweren Stand, über alle die Begehrungen und Reizungen ihres Fleisches zu gebieten, weil sie eben in ihrem Fleische schwach und nachgiebig und hinfällig geworden ist.
   16] Wird aber eine Seele schon von Jugend an nach der Wahrheit des klaren Verstandes vernünftig also geleitet und geübt, daß sie stets mehr Herr ihres Fleisches wird und demselben ja nicht mehr gewährt, als was ihm von der Natur aus nach Meiner Ordnung gebührt, so wird solch einer Seele auch von selbst verständlich alle Welt mit ihren Schätzen und ihren andern Lustreizen gleichgültig, und die also nun rein im Geiste starke Seele ist dadurch denn auch nicht nur Herr über ihres Leibes Leidenschaften, sondern auch ein Herr über die gesamte Natur der Welt und somit auch ein Herr über die gesamte Hölle und ihren Fürsten der Lüge und der Finsternis.
   17] Nun wisset ihr, wer und was eigentlich die Hölle und der Fürst der Lüge und der Finsternis ist, und wie er zu bekämpfen und sicher zu besiegen ist. Tut es denn auch also, so werdet ihr Menschen auf dieser Erde sein Reich bald und leicht vollends zerstört haben, und ihr werdet wahre Herren der ganzen Erde und eurer und ihrer Natur sein!«


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