Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 27

Jesus über die Reifeentwicklung des Menschen.

   01] Sagte Ich: »Du hast deine Frage gut und die Sache ganz richtig und wahr gestellt, insoweit ein fein denkender Mensch so etwas nur immer stellen kann; aber dennoch sage Ich dir, daß die alten Weisen ebenso und noch mehr recht haben denn du!
   02] Glaubst denn du nicht, daß man in Zeit und Raum und auch zugleich ohne Zeit und Raum sein und ganz vollkommenst bestehen kann?«
   03] Sagt Philopold: »Ja, glauben kann man das schon, besonders so man es aus Deinem Munde vernimmt! Aber ich habe das ja schon gleich beim Eingange meiner Vorfrage und Bitte gesagt, daß alles von Dir Gesagte und auch Gezeigte bei mir gar keinen Anstand findet; es handelt sich hier pur ums Begreifen. Denn ein purer, sogenannter frommer Glaube kommt mir wie eine Verhöhnung aller menschlichen Vernunft, alles Verstandes und alles Denkens vor, die doch auch sicher von Gott dem Menschen gegeben wurden als ein geistiges Licht, durch das allein er sich, alle die Dinge außer sich und endlich sogar Gott erkennen kann.
   04] Und so bin ich der ganz festen Meinung, daß es einem reellen Menschen nicht genügen soll, bloß nur blindhin zu glauben, was ihm irgendein Weiser oder sonstiger außerordentlich befähigter und faktisch in allen Sphären und Dingen wohlkundiger Mensch gesagt hat, sondern er soll dabei auch, und zwar am allermeisten, um ein rechtes Verständnis des in seinen Glauben Aufgenommenen sich emsigst erkundigen.«
   05] Sage Ich: »Da hast du wieder ganz vollkommen recht; nur hat es dabei noch so manchen Haken, der da auch sehr in die volle Berücksichtigung zu ziehen ist!
   06] Siehe, zu allem in dieser Welt und sogar auch in der Geisterwelt gehört eine gewisse Reife und zu der Reife eine gewisse Zeit!
   07] Sieh dir einen Apfelbaum oder eine Rebe im Winter an! Wo ist da die reife, süße Frucht?! Aber es kommt dann das Frühjahr, - das Licht und die Wärme der Sonne werden ergiebiger, die Knospen werden voller und saftiger, darauf merkst du bald zarte Triebe und endlich Blätter und Blüten. Nach kurzer Zeit fallen die Blüten als weiterhin zur Erreichung des höheren Zweckes gar nicht mehr nötig ab, und du kannst bald darauf den Ansatz der werdenden Frucht schon bemerken.
   08] "Was ist denn das für ein Vergleich?!", fragst du nun in dir. Siehe, Knospen, ihr Saftigerwerden, ihre ersten Triebe, Blätter, Blüten und die ersten Fruchtansätze entsprechen alle dem kindlichen, frommen Glauben des Menschen; aber von einer Reife kann da noch keine Rede sein. Denn Gott ist die höchste Ordnung Selbst, und was da irgend in aller Welt geschieht, das muß seine Zeit haben, welche da entspricht der göttlichen Ordnung.
   09] Das Kind lallt zuerst; aus dem Lallen kommt nach und nach die Sprache. Ist die Sprache etwas gebildeter, so fängt man an, dem Kinde etwas vorzusagen, und es merkt sich bald die kurzen Sprüche. Und was man ihm ferner sagt, das glaubt es nahezu unbedingt; es fragt noch um kein Wie und Warum. Auf der Basis des frommen Glaubens erlernt es dann bis zum Schlusse des Jünglingsalters eine Menge und fängt in diesem Alter schon oft recht scharf zu denken an und den Grund von so manchem Gelernten und Innegehabten zu suchen; aber es hat noch zuwenig der vollen inneren Lebenswärme in sich und gleicht da völlig dem ersten Fruchtansatze.
   10] Wenn aber dann im vollen Sommer die volle Kraft des Lichtes und der Wärme aus der Sonne kommt, so kommt auch der erste Fruchtansatz zur inneren, allbelebenden Wärme. Diese dehnt dann die junge Frucht stets mehr und mehr aus und verkocht die in die neue Frucht strömenden Säfte. Dadurch wird die Frucht größer und voller der stets reineren Säfte. Da kann dann auch das Licht stets mehr und mehr die Frucht durchdringen, und so erfolgt dann erst die Reife der Frucht.
   11] Und sieh, also geht es auch beim Menschen! Bevor seine innere Liebelebenswärme nicht den möglichst vollsten Grad erreicht hat und das Licht dieser Wärme ihn nicht ordentlich durch und durch durchdringt, da wird er trotz der besten äußeren Erklärung die inneren, geistigen Wahrheiten schwer oder am Ende gar nicht verstehen; wenn er aber durch die innere zunehmende Lebenswärme und von ihrem Lichte wie eine reife Traube recht durchdrungen wird, dann ist er reif und hat die beste Erklärung aller seiner früheren Zweifel schon in sich.
   12] Aber da du dich schon so ziemlich der Reife näherst, so kann man dir schon aus der großen Gnadensonne, von der alle Himmel und ihre Bewohner, wie auch alle materiellen Welten und was in ihnen, auf ihnen und über ihnen ist, lebt und atmet, ihr Leben und Dasein haben, ein wenig mehr Licht und Wärme zukommen lassen. Und so gib denn acht!«


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