Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 26

Philopolds philosophische Fragen über Zeit und Raum an Jesus.

   01] Unser Philopold, der Mich auch mit Kisjonah beim alten Markus besuchte, hatte zwar über diesen Gegenstand gar manches und vieles vernommen und glaubte auch, daß es also sich verhalte; aber er war einmal ein Weltweiser, zwar bester und reinster Art, und begnügte sich darum nicht mit dem puren Glauben allein, sondern er wollte das auch wie einen mathematischen Grundsatz erwiesen haben.
   02] Er legte darum seine Erkenntnismängel an den Tag und sagte gleich nach dem Mittagsmahle (Philopold): »Herr, alles, was ich erfahren, gesehen und gehört habe, glaube ich fest; aber gründlich einzusehen und zu begreifen vermag ich bei aller Schärfe meiner Denkkraft das wenigste, und das beklemmt oft gar sehr meine Seele! Ich habe mir daher fest vorgenommen, mit Dir Selbst bei einer glücklichen Zusammenkunft, die soeben erfolgt ist, darüber näher zu reden, und so es Dir eben nicht unangenehm wäre, da möchte ich mich eben jetzt von Dir näher und begreiflicher belehren lassen«
   03] Sagte Ich: »Ich habe euch wohl allen verheißen, jüngst Meinen Geist zu senden und ihn über euch auszugießen, der euch dann in alle Wahrheit und Weisheit leiten wird, und sagte auch, daß ihr euch bis dahin gedulden sollet; aber einem redlichen Bestreben wie dem deinigen will Ich auch also mit Meinem Munde helfen, und das jetzt in dieser Winterszeit um so eher, da Ich sie der Winterruhe wegen versprochenermaßen ohnehin bis nahe gegen die Osterfeste allhier zubringen will und werde, und so kannst du deine Zweifel schon auftischen, und was sich heute nicht alles erörtern lassen wird, dafür werden wir schon der Zeit in Menge finden. Nach beendetem Mahle, da wir ohnehin wieder am Tische sitzen bleiben, kannst du dein Anliegen schon anbringen.
   04] Morgen, so Meine Jünger es selbst wollen, können sie auf einige Tage zu ihren Familien heimkehren; die aber keine Familie haben, die bleiben hier, vor allem Johannes und Matthäus, denn die haben hier noch manches ins reine zu schreiben.«
   05] Hier fragte auch Judas, ob er auch gehen oder bleiben solle.
   06] Sagte Ich: »Du hast ja den größten Besitz unter allen Jüngern, hast Weib und Kinder und mehrere Diener; daher hast du auch am nötigsten, nach Hause zu gehen, und kannst erst gegen Ostern, so du willst, wiederkehren!«
   07] Mit diesem Bescheide war zwar Judas nicht gar absonderlich zufrieden; da ihn aber niemand bleiben hieß, so fügte er sich des andern Tages dennoch Meinem Ausspruche. Die andern Jünger gingen zwar auch, aber sie kamen alle in etlichen Tagen wieder und blieben dann mit wenigen Unterbrechungen bei Mir.
   08] Kisjonah brachte nach der Mahlzeit noch einen Extrawein, den er "Noahs Liebling" nannte, und kredenzte ihn herum. Der begeisterte den Philopold sehr, und er fing mit seinen Skrupeln bald an auszupacken, - aber alles in der besten und bescheidensten Ordnung.
   09] Was sagte er denn eigentlich, und um was fragte er? Hier folgte eine Frage um die andere!
   10] »Herr«, sagte er (Philopold), »wenn ich nach Deinen Lehren beim alten Markus so recht nachdenke, so sind Zeit und Raum wie hier auf Erden durch gewisse Perioden und Fakta und in den Formen, die im Raume vorkommen, begrenzt und meßbar; aber an und für sich sind sie ewig und unendlich, was im Grunde ein und dasselbe ist.
   11] So aber Zeit und Raum das sind, so verstehe ich die Schriften der alten Gottesgelehrten und Weisen durchaus nicht, die da fest behaupten und sagen: Gott als das Ursein alles Seins und Daseins befinde sich außer Zeit und außer Raum.
   12] Wie ist das möglich bei einer ewigen Zeitendauer, die ohne Anfang und Ende ist, und bei der Existenz eines unendlichen Raumes, der auch nirgends einen Anfang und nirgends ein Ende hat?
   13] Wenn demnach aber Gott für sich gänzlich außer Zeit und Raum besteht, so kann sich selbst die reinste menschliche Vernunft unmöglich von Gott einen anderen Begriff machen als: Entweder gibt es gar keinen Gott, weil es außer der ewigen Zeit und außer dem ewig-unendlichen Raume unmöglich etwas geben kann, oder Gott besteht so wie wir alle in der Zeit und im Raume, und die alten Gottesweisen haben mit ihren Definitionen den größten Wahnsinn niedergeschrieben.
   14] Zu dieser meiner Behauptung dienst mir sogar nun Du; denn, daß in Dir eine Fülle der Gottheit wohnt, das kann niemand leugnen, der Dich reden gehört und wirken gesehen hat. Welcher Gottesweise aber kann nun von Dir behaupten, daß Du nicht mit uns in Zeit und Raum seiest?!
   15] Und behauptet er das, so bist Du Selbst damit vollkommen entgöttlicht! Du bist dann kein Gott mehr, sondern nur ein höchst seltener Mensch, der durch Geburt, Genius, außergewöhnliches Talent, Übung in der Festung des Willens und am Ende auch durch Erlernung von allerlei geheimen Künsten und Wissenschaften es dahin gebracht hat, daß Dich notwendig die Menschen von echtem Schrot und Korn für einen Gott ansehen müssen.
   16] Aber Deine Eigenschaften, besonders in Deinem Werken, sind dennoch von einer solchen Art, daß man zu ihrem Besitze nahe unmöglich durch obige Voraussetzungen gelangen kann. Und somit möchte ich denn nun aus Deinem Munde vernehmen, was da Rechtens ist.«


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