Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 6

Das Bekenntnis der Pharisäer.

   01] Als sie Mich kommen sahen, da fingen sie alsbald zu schreien an (die Gebannten): »Herr, hilf uns aus unserer wunderbaren (d.h. durch ein Wunder bewirkt) Not, und wir wollen an deinen Namen, wie an deine göttliche Sendung vollauf glauben! Wir haben uns versündigt an Gott, indem wir an Seinen Geheiligten die Hände legen wollten. Wir bekennen offen, daß wir in unserer großen Blindheit gesündigt haben; darum erlöse uns, o Herr, von diesem Übel!«
   02] Sagte Ich: »Eure Worte klingen wohl gut; aber in euren Herzen klingt es anders!«
   03] Da fragten die Gebannten: »Wie klingt es denn in unseren Herzen?«
   04] Sagte Ich: »So ihr der Wahrheit nach bekennet, so soll euch geholfen sein, und zwar sogleich nach dem offenen und wahrhaftigen Bekenntnisse; so ihr aber leugnet, da sollet ihr harren bis morgen!«
   05] Sagte einer: »Aber wie können wir wissen, was ein jeder von uns für sich denkt?«
   06] Sagte Ich: »Da ist in euren Gedanken gar kein Unterschied! Redet darum, so ihr wollet!«
   07] Hier fing einer an zu reden und sagte: »Herr, du weißt es, daß man in dieser Welt aus Klugheit gar oft anders reden muß, als man denkt! Denn reden kann man so und so, und die Gedanken sind dennoch verdeckt und, wie man sagt, zollfrei; aber so du auch in unseren Herzen die Gedanken liesest, da bleibt uns freilich wohl nichts übrig, als genau nach unseren Gedanken zu reden. Du wirst uns schon vergeben, daß wir dich in unseren Gedanken nur so für einen außerordentlichen Zauberer hielten und gegen dich auch die gröbsten Verwünschungen ausgestoßen haben, dieweil wir darauf hielten, daß du uns solches angetan habest; denn wir haben einmal vor zehn Jahren in der Tat in Damaskus einen indischen Zauberer gesehen, der nicht nur Menschen, sondern sogar Tiere an den Boden gebannt hat. Nun, bei so vielen Erfahrungen, die wir in unserem Leben schon durchgemacht haben, ist es wahrlich schwer, ein rechtes Wunder von einem falschen zu unterscheiden, und du mußt es uns darum schon ein wenig zugute halten, so wir aus so manchen Rücksichten dich nicht sogleich als das anerkennen, als was du dich bei uns im Tempel vorführtest.
   08] Dazu steht es auch in der Schrift, daß man nur allein an einen Gott glauben und nicht irgend mehrere fremde Götter neben Ihm haben soll. Du stelltest dich uns aber als ein rechter und gleicher Gott mit dem alten Gotte dar, da du offen sagtest, daß du Sein Sohn seiest und ganz die gleiche Macht habest wie Er, und das Gericht noch darüber. Wer kann dir - als dem Anscheine nach nur ein Mensch, aus Galiläa auch noch, wo ohnehin mehr Heiden als Juden wohnen - auf ein noch so feines Wort gleich glauben, daß du wirklich der bist, als den du dich vorgeführt hast?! Wir vermochten das auch nicht trotz deines tüchtigen Zeichens, welches du dazu noch heute als an einem Festsabbat ausgeübt hast, das uns deine vorgegebene Göttlichkeit noch mehr in einen Verdacht ziehen mußte. Jetzt geht uns freilich ein anderes Licht auf, und es wird uns noch mehr aufgehen, so du uns nun hoffentlich von dieser großen Plage erlösen wirst. Wir bitten dich darum!«
   09] Hier sagte Ich: »So seid denn frei!«
   10] In dem Augenblicke wurden sie frei und konnten wieder gehen, und dankten Mir.
   11] Ich aber sagte zu ihnen: »Ihr seid nun frei; aber das sage Ich euch und allen: daß von dem, was sich hier zugetragen hat, gegen niemand anders auch nur ein Wort verraten wird! Denn Ich wirke Zeichen, die jedermann sehen und wissen darf, aber auch solche, die nur für wenige Menschen taugen, und diese müssen vorderhand vor der Allgemeinheit verschwiegen bleiben. Das wichtige Warum kenne Ich. Dann aber dürft ihr heute nicht nach Jerusalem zurück; denn Ich will eben heute noch so manches verhandeln mit euch.
   12] Denn Der einst auf Sinai dem Moses die Gesetze unter Blitz und Donner gab, und dessen Geist vor Adam über den Wassern schwebte, Der steht in dieser schlichten Person vor euch. Möget ihr es nun glauben oder nicht, die Folge wird das Licht geben! Gehen wir nun nach Hause, und ihr zwanzig, die ihr noch nüchtern seid, werdet zuvor ein stärkendes Mahl einnehmen!«
   13] Hier wurden alle stumm und getrauten sich nicht, ein Wort miteinander zu tauschen.
   14] Als wir aber ins Haus des Lazarus kamen, da sagte Petrus zu Mir: »Herr, das hast Du uns, Deinen beständigen Jüngern, noch nicht gesagt!«
   15] Sagte Ich: »Mit Händen zu greifen schon oft genug; aber euer Verstand war bis jetzt noch stets zu kurz und wird noch eine Zeitlang sicher also verbleiben! - Aber nun beschäftiget euch mit etwas anderem; Ich habe mit den Juden noch so manches abzumachen!«
   16] Damit waren die Jünger zufrieden und gingen ins Freie.
   17] Die Speisen für die zwanzig aber standen schon auf dem Tische, nur war die Sonne noch nicht untergegangen; darum getrauten sie sich nichts anzurühren und blickten öfters nach der Sonne, ob sie noch nicht bald untergehen werde.
   18] Ich aber sagte zu ihnen: »Höret! Wer ist denn mehr: die Sonne, der Sabbat oder Ich, der Ich in Meinem Geiste der Herr beider bin und schon von Ewigkeit her war?«
   19] Da sagten sie: »Ja, so du im Ernste das bist, als was du dich uns vorführtest, so bist du sicherlich allerhöchst mehr als die Sonne und der Sabbat!«
   20] Sagte Ich: »Setzet euch, und esset und trinket wohlgemut! - Einst hieß es: 'Gott kann niemand sehen und behalten das Leben; denn Gott ist ein alles verzehrend Feuer'. Nun aber könnet ihr Gott schauen und essen und trinken und dabei noch sogar das ewige Leben ernten!«
   21] Da sagten sie: »Es wäre schon alles recht, wenn nur das Gesetz Mosis nicht wäre!«
   22] Sagte Ich: »Wo Ich bin, da ist auch Moses und alle die andern Propheten; darum tut das, was der Herr will!«
   23] Da saßen endlich alle zu Tische und aßen und tranken noch vor dem Untergange der Sonne. Und als sie gegessen und getrunken hatten, führte Ich sie alle auf einen kleinen Hügel hinter dem Hause des Lazarus, allwo wir so manches verhandelten, wovon die nächste Folge einiges dartun wird.


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