Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 5

Pharisäer in Bethanien.

   01] Ich aber konnte Mich allda diesmal nicht lange aufhalten, da aus Jerusalem stets zu viele angesehene Juden hinkamen, und darunter auch solche, die an Mich nicht glaubten. Ich nahm hier bloß auf drei Tage die freundliche Pflege an, lehrte aber nichts und tat auch nichts der ungläubigen Juden wegen.
   02] Es sind wohl etliche zu Mir getreten und wollten Mich über so manches ausfragen, aber Ich sagte ganz einfach zu ihnen: »Hier ist kein Ort und keine Zeit! Was ihr aber da zu wissen nötig habt, das habe Ich allen im Tempel gesagt, und eines mehreren bedürfet ihr vorderhand nicht!«
   03] Darauf kehrte Ich ihnen den Rücken und ging mit Lazarus und mit dem Wirte ins Freie, allwo wir viel über den Unfug der Templer und über ihr Gebaren mit dem Volke sprachen, und der sehr gläubig gewordene Wirt konnte Mich darob nicht genug loben, daß Ich diesen Tempelheuchlern so ganz unverhohlen die reinste Wahrheit ins Gesicht gesagt habe. Auch Lazarus, der schon lange wußte, wer hinter Mir steckt, war dessen auch überaus froh.
   04] Als wir so unter verschiedenen Besprechungen unter uns im Freien umherwandelten, da kam zu uns der Jünger Johannes, Mein Liebling, und sagte: »Herr, was sollen wir nun machen? Die Juden, die Du früher im Hause so ganz kurz abgefertigt hast, und denen Du dann schnell den Rücken kehrtest, sind nun darob sehr aufgebracht, brüten Rache und sagen: 'O warte, wir werden dir deinen stolzen Messias bald austreiben!' Wir versuchten sie zu beschwichtigen, allein da ward es noch ärger, und sie drohten, sogleich um Wache nach Jerusalem zu schicken!«
   05] Sagte Ich: »Gehe hin und sage es ihnen, daß Meine Zeit, von der Ich euch in Galiläa schon zu öfteren Malen geweissagt habe, noch nicht da sei; daher mögen sie immer die Wache holen lassen und bei solcher Gelegenheit noch mehr die Macht und Ehre des Sohnes Gottes kennenlernen! Gehe und richte ihnen das aus!«
   06] Voll Freude lief Johannes zu den stolzen und übermütigen Juden hin und richtete das auch ganz wortgetreu aus. Diese aber entbrannten darauf vor Wut und schrien (die Juden): »Wir werden sehen, wie weit dieses Nazaräers Macht reicht!«
   07] Darauf eilten bei zwanzig zur Tür hinaus, um die Wache von Jerusalem zu holen.
   08] Ich aber wollte nicht, daß solches dem freundlichen Hause des Lazarus widerfahren möchte; daher ließ Ich die Wüteriche nur genau hundert Schritte vom Hause eilen und dann auf der Stelle ihrer Füße Glieder erstarren. Sie gaben sich nun alle Mühe, vom Flecke zu kommen; aber es war solches gegen Meinen Willen wohl sicher die reinste Unmöglichkeit. Da fingen sie an zu schreien und zu heulen und um Hilfe zu rufen. Da merkten das die Besseren, die schon im Tempel sich auf Meine Seite geneigt hatten, gingen hin und fragten sie, warum sie denn da nun stehenblieben und gar so jämmerlich um Hilfe schrieen.
   09] Da riefen die Gebannten, mit den Zähnen knirschend: »Höret, wir sind an den Boden, da wir stehen, festgebannt, und unsere Beine sind plötzlich also fest geworden wie Erz! Welcher böse Geist hat uns das angetan? O helfet uns aus dieser allererbärmlichsten Not!«
   10] Die Guten aber sagten: »Ihr habt den, der heute am Sabbat den Kranken heilte, einen Sabbatschänder und Gotteslästerer gescholten, was er nicht verdient hat! Wäret ihr nun aber nicht zu tausendmal größeren Sabbatschändern geworden, so ihr eures bösen Hochmutes wegen als Priester sogar selbst die Wache geholt hättet, auf daß sie Hand an diesen Unschuldigen legete und dadurch das allerehrbarste Haus des Lazarus in einen mißlichen Ruf brächte?! Wir Bürger und nicht Priester Jerusalems aber sagen es nun euch schlechten Priestern: Dafür hat euch hier wahrhaft Gottes Strafe sichtbar ereilt! Jetzt erst glauben wir fest, daß der erhabene Galiläer eben das ist, was er heute nur zu wahr im Tempel von sich ausgesagt hat! Der allein kann euch helfen als der Sohn Dessen, der euch hier gestraft hat, und sonst aber niemand in der ganzen Welt mehr! Den bittet, und bekehret euch einmal zum Guten und Wahren, ansonst ihr bis zum Jüngsten Tage gleich dem Weibe Lots hier stehenbleiben könnet!«
   11] Diese Anrede wirkte, und die Gebannten schrien: »So bringet ihn her, und wir wollen ja tun, was er von uns verlangt!«
   12] Da gingen die Bürger wieder zurück in des Lazarus Haus und trafen Mich noch daselbst und erzählten Mir schnell die ganze Begebenheit.
   13] Ich aber sagte zu ihnen: »Diese, die Meinetwegen die Wache aus der Stadt holen wollten, sollen nun nur eine Weile selbst Wache stehen, und es wird ihnen für fernerhin der Sinn schon vergehen, ein künftiges Mal ihrem starren Hochmute auf eine ähnliche Weise zu frönen! Wir werden nun noch vor dem Untergange der Sonne ein stärkendes Mahl einnehmen und dann erst sehen, was mit den von Gott aus Gebannten geschehen kann. Denn der Mensch soll auch am Sabbat essen, wenn es ihn hungert, und nicht erst nach dem Untergange der Sonne; denn was hat wohl die Sonne mit dem Sabbat zu tun und was der Juden dummer Sabbat mit der Sonne?! Ist denn die Sonne an einem Sabbat besser und ehrbarer denn an irgendeinem andern Tage, da doch ein jeder Tag ein Tag des Herrn ist, nicht nur der Sabbat allein?! Gehen wir daher zu den Tischen und lassen wir uns dabei recht gut geschehen!«
   14] Lazarus und seine beiden Schwestern waren darob völlig außer sich vor Freude, und es wurde auch sogleich reichlich aufgetragen, und wir fingen an zu essen und zu trinken und waren dabei voll guter Dinge.
   15] Erst nach ein paar Stunden, als wir alle vollends gespeist waren, sagte Ich zum Lazarus: »Bruder, jetzt erst gehen wir zu den Gebannten hin und wollen sehen, was mit ihnen zu machen sein wird! Wahrlich, bei nur einiger Widerspenstigkeit sollen sie Mir bis morgen zum Aufgange hin dort stehenbleiben und dabei einsehen lernen, daß der Gottessohn nicht nötig hat, von den Menschen Zeugnis und Ehre zu nehmen! Und so wollen wir uns denn hin zu ihnen begeben!«
   16] Wir standen auf von den Tischen und gingen hin zu ihnen.


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