Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 74

Fragen über Krankheiten und deren Heilung.

01] Sagt Roklus: »Herr und Meister über alle Dinge! Jedes Wort aus Deinem Munde ist mehr denn reinstes Gold, und eine Wahrheit erhebt die andere! Auch ist keines Deiner Licht- und Lebensworte bei mir auf unfruchtbaren Boden gefallen, und ich fühle es nun in mir, daß daraus sicher die segensreichsten Früchte für die Scheunen des wahren Lebens erwachsen werden; aber da ich nun schon einmal die Gnade habe, mit Dir zu reden, so möchte ich denn auch in der Hinsicht eine Aufklärung von Dir haben, ob wir in der Folge die Kranken durch unsere natürlichen Heilmittel von ihren Krankheiten heilen sollen oder bloß nur im möglich festesten Vertrauen auf Deinen Namen? Denn mir kam nun der Gedanke, daß es etwa nicht allzeit Deinem göttlichen Willen gemäß wäre, gerade jeden Kranken zu heilen. Denn es gibt darunter ja welche, denen Deine göttliche Liebe und Weisheit eine leibliche Krankheit oder auch irgendeine Seelenkrankheit zukommen ließ zur Besserung eben ihrer Seele.
02] Es ist eine nur zu bekannte Sache, daß oft die leiblich gesündesten Menschen eben nicht die sittlich tugendhaftesten sind. Ja, die leibliche Gesundheit macht den Menschen gar oft mutwillig, weltsüchtig und genußgierig, während Kranke, besonders die an einem chronischen Übel Leidenden, gewöhnlich geduldig, sanft und ergeben in den göttlichen Willen dahinsiechen; man hört sie selten klagen, sie sind voll Demut und haben kein neidisches Herz. Würde sich ihr guter Seelencharakter etwa nicht ändern, wenn man sie auf einmal ganz kerngesund machte?
03] Dann kommt aber noch eins: Sicher ist es jedem Menschen einmal bestimmt, dem Leibe nach zu sterben, - und wäre dieses nicht der Fall, so müßten Menschen von Adams Zeiten her noch leiblich Leben. Wenn wir aber alles, alt und jung, was als krank, auch todeskrank, uns unterkommt, alsogleich wieder völlig gesund machen, und uns selbst auch gegenseitig, so dürfte nach und nach das Sterben auf dieser Welt im Ernste etwas selten werden, besonders so durch Deine Lehre mit der Zeit etwa auch die Kriege überflüssig würden!
04] Heilen wir jemanden nicht, der bei uns Hilfe gesucht hat, so werden wir als harte und mitleidslose Menschen gescholten werden; läßt Du es aber einmal nicht zu, daß jemand, der schon zu öfteren Malen von uns geheilt ward, etwa zum zehnten Male wieder geheilt wird, trotz unseres Willens und unserer Bestrebung, so wird entweder die Kraft Deines Namens oder unser eigenes Vertrauen auf denselben verdächtigt und lückenhaft, und des Volkes Glaube wird Schiffbruch leiden! Denn dahin bringen wir die einmal in der Materie lebenden Menschen nicht, daß sie zur Gewinnung eines höheren Lebens im großen Jenseits dies irdische Leben so gering zu achten beginnen möchten, in Erkrankungsfällen nichts mehr für selbes zu tun.
05] Selbst der Greis von hundert Jahren und darüber wird nach der Arznei zur Verlängerung seines Lebens sogar dann noch greifen, so er auch wüßte, daß die Ablegung seines morschen Leibes mit der möglich höchsten Anmut verbunden wäre. Das der Menschen Gier, gesund und so lang als möglich, selbst in oft ganz schlechten Verhältnissen, auf dieser räudigen Welt zu leben, eine unersättliche ist, das lehrt uns im allgemeinen eine mehr als tausendjährige Erfahrung; und werden das die Menschen allgemeiner wissen, daß bei ihnen allein durch die Gewalt Deines Namens jedes Übel geheilt werden kann, ja daß im Notfalle sogar Verstorbene ins Leben zurückgerufen werden können, da werden wir eine Belagerung durch das Volk am die andere zu bestehen haben!
06] Es wäre meines Erachtens für uns und auch für wen anders immer in dieser Hinsicht eine nähere Instruktion wohl durchaus nicht zu den überflüssigen zu zählen! Oder hast Du für jene Menschen, die völlig in Deiner Ordnung leben werden, etwa von jetzt an den alten Fleischestod ganz aufgehoben, so daß von jetzt an die Menschen mit schon verklärten Leibern gleich fortan leben werden, der Fleischestod aber nur ein Anteil der Sünder wider Deine Lehre und wider Deine Gesetze bleiben wird?
07] Herr und Meister über alle Dinge! Sieh, der untergegangenen Sonne Strahlen vergolden noch sehr mächtig den Abendhimmel, und des Mondes Sichel und der Abendstern wetteifern ordentlich, das Licht der untergegangenen Tagesmutter zu ersetzen. Es ist so überherrlich der Anblick Deiner leuchtenden Werke, o Herr; aber noch ums endlose herrlicher ist das Gefühl des innern Lichtes, das aus Deinem Munde unsere finsteren Lebenswinkel erhellet! Da es somit noch Zeit ist, so erkläre mir noch vor dem Abendmahle das, was ich mir selbst nimmer zu erklären imstande bin!«


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