Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 73

Wie man Gott über alles liebt. Die wahre, gottgefällige Arbeit des Menschen.

01] Sagt Roklus: »Herr und Meister, wie kann ich aber dahin kommen, Gott, den unsichtbaren, ewigen Geist, aus allen Lebenskräften über alles zu lieben? Denn es kommt mir vor, als wäre das Herz eines Menschen zu klein und zu unfähig, den unendlichen und ewigen Geist Gottes, von dem man sich unmöglich eine Vorstellung machen kann, über alle die Maßen zu lieben.
02] Mit der Nächstenliebe ist es ein leichtes; aber mit der Liebe zu Gott, so in das Allerendloseste hin, hat es doch sicher für uns sehr kleine Menschen eine höchst hinkende Bewandtnis! Wie ist sonach das anzustellen, daß man Gott über alles lieben kann?«
03] Sage Ich: »Leichteres gibt es wohl nicht in der ganzen Welt! Man betrachte die Werke Gottes, Seine Güte und Weisheit und halte gewissenhaft Seine Gebote, liebe seinen armen Nächsten wie sich selbst, und man hebt dadurch auch schon Gott über alles!
04] Kannst du dir aber von Gott keinen dich ergreifenden Begriff machen, so sieh nun Mich an, und du hast dann auch jene für ewig gültige und bleibende Form vor dir, unter der allein du dir deinen Gott und Schöpfer vorstellen kannst! Denn Gott ist auch ein Mensch, aber der in und aus Sich ewig vollendetste! Siehst du Mich, so siehst du auch alles! - Hast du Mich nun auch darin wohl verstanden?«
05] Sagt Roklus: »Herr und Meister über alle Dinge, nun habe ich alles, und ich will Dein Diener sein! Aber nun laß mich in Frieden ziehen! Denn länger zu weilen bei Dir bin ich nicht wert.«
06] Sage Ich: »Wir den inneren Frieden hat, der kann ziehen, wohin er nur immer will, so ziehet er in Frieden! Du hast den inneren Frieden aber nun erreicht, und so du ziehest wohin, so ziehest du im Frieden. Doch nun kannst du mit deinen Gefährten wohl noch verziehen (bleiben) eine Weile hier, allwo du mit den Deinen noch so manches vernehmen wirst zu euer aller Belehrung!
07] Es ist nun zwar schon stark an der Neige des Tages, und die Sonne, die den Tag hindurch ungetrübt der Erde geleuchtet hat, hat bereits den Saum der Berge erreicht und wird in einigen Augenblicken nicht mehr zu sehen sein, und wir alle können es sagen, daß dieser Tag gut zugebracht ward. Wir haben tüchtig gearbeitet und mehr verrichtet in Stunden, als was pure Menschenhände in Jahren zustande gebracht hätten. Wer aber arbeitet, der soll auch essen und stärken seine Glieder! Ihr habet auch gearbeitet und sollt darum auch essen mit uns! Darum auch möget ihr hier verbleiben und halten mit uns ein Abendmahl!«
08] Sagt Roklus: »Herr und Meister über alle Dinge! Was wohl habe ich mit meinen Gefährten allhier nun getan, das man als eine Arbeit bezeichnen könnte? Reden und Meinungen und Erfahrungen austauschen ist alles, was wir hier, als sonst ganz müßig stehend, gemacht haben, - und das wird etwa doch keine Arbeit zu nennen sein?«
09] Sage Ich: »Wo und wann immer ein Mensch wahrhaft für das Heil seiner Seele gearbeitet hat, dort und dann hat er auch am meisten und wahrhaft und am alleruneigennützigsten gearbeitet; denn eine rechte Tätigkeit zum Wohle und Heile der eigenen Seele schließt ja ohnehin alle andere selbstsüchtige Tätigkeit ganz vollständig aus, weil die Selbstsucht und Eigenliebe die Liebe zu Gott und zum Nächsten völlig ausschließt.
10] Wer irdisch für seinen Leib sorgt, der sucht die Schätze dieser Welt, wühlt in der Materie und vergräbt seine Seele also ins Gericht und in den Tod. Wenn ein solcher Mensch auch den ganzen Tag hindurch auf dem Felde mit Pflug und Haue gearbeitet hat mit solchem Eifer, daß er am Abend im eigenen Schweiße ganz ordentlich gebadet war, so war er dem gegenüber, was Ich Arbeit nenne, dennoch ein Tagedieb, ein fauler Knecht für das Feld des Reiches Gottes.
11] Denn wer für den wahren, von Gott ihm gestellten Zweck nicht arbeitet im Geiste nach Recht und Gebühr in der Ordnung Gottes, der arbeitet sicher auch zum zeitlichen und ewigen Wohle seines Nächsten nicht, und Gott zu suchen und näher zu erkennen findet er nicht der Mühe wert. Wer aber Gott zu finden und wahrhaft zu erkennen sich keine Mühe gibt, der gibt sich noch weniger eine rechte Mühe zum Wohle seines Nächsten, und so er schon für ihn etwas tut, da tut er das nur seiner selbst willen, damit der Nächste irgend fähig werde, ihm mehrfach dafür zu nützen, als was er ihm bloß einfach Gutes getan hat.
12] Du hast aber nun Gott gesucht dich selbst - und Gott und dich gefunden; und siehe, das war eine rechte Tätigkeit von dir, und Ich sage es dir, daß du nun in den etlichen Stunden mehr getan hast als sonst durch dein ganzes Leben! Und darum kannst du nun auch schon hier verweilen, dir nehmen eine rechte Ruhe und mit uns halten ein Abendmahl!«


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