Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 58

Einfluß der Liebe auf den Verstand.

01] Sagt Raphael: »Aber Freund, du hältst dich gewisserart über etwas auf, das nur du mir unterschiebst; wie kannst du von mir denken, daß ich ein Gegner des richtigen Verstandes der Menschen sei?! So ich dir sage, daß du mit deiner Verstandesschärfe nun hier den Nazaräer ausfindig machen sollst, so wollte ich dir damit nur andeuten, daß da auch ein noch so heller Verstand bei weitem nicht ausreicht, sondern vor allem muß da das Gemüt, also die Liebe, das Such- und Erkennungsgeschäft Dessen übernehmen, der Selbst die höchste und reinste Liebe ist! Der Verstand darf da freilich nicht fehlen; aber voraus muß die Liebe sein! Ohne die richtet da der pure Verstand für sich nichts aus!
02] An der Person des Nazaräers ist lange nicht alles gelegen, wie an dem nicht, daß du Ihn in deinem Magierenthusiasmus zu einem Gotte machst, sondern alles liegt da an dem, was dein Herz dazu sagt!
03] Hättest du den rechten Grad Wärme dazu und dafür, so hättest du den Nazaräer schon erkannt und hättest nicht nötig, mich zu fragen nach Ihm; denn die Liebe findet die Liebe bald und leicht. Aber es war bei dir bis jetzt noch immer der kalte, wennschon ganz nüchterne Verstand vorherrschend, und so mußt du noch immer nach Dem fragen, der dir so nahe ist! Meinst du, daß ich damit dem blinden Aberglauben, den ihr Essäer nun gerade am meisten kultivieret, ein Wort reden will? Oh, wie grob irrest du dich da an mir!
04] Wenn ich sage, daß da der pure Weltverstand nicht hinreichet, so ist ja damit so viel gesagt, als daß zu dem Weltverstande, selbst in seiner reinsten Sphäre, noch eine viel höherstehende, rein geistige Erkenntnis hinzutreten muß, um das Allerhöchste erkennen zu können. Wenn ich dir aber doch mit Händen zu greifen das andeuten wollte, wie kannst du als ein Helldenker mir den Vorwurf machen, daß ich ein Gegner des Verstandes sei und für eine höhere Erkenntnis nur die wahren Esel und Ochsen als befähigt ansehe? Merkst du nicht, wie weit fehl wieder dein purer Weltverstand vom Ziele geschossen hat?!
05] Siehe, in allen wichtigen bürgerlichen Lebensverhältnissen haben die Menschen mitunter recht weise Gesetze erfunden und sie auch sanktioniert; darunter gibt es aber auch welche, die ein sehr grausames Gesicht haben, wie zum Beispiel die meisten Strafgesetze.
06] Irgendein Individuum hat sich an einem Gesetze, zum größten Teile aus Unkenntnis solch eines Gesetzes, vergangen. Der Arm des Gerichtes ergreift ihn und führt ihn vor den strengen Stuhl des alle Gesetze wohl kennenden Richters. Wenn dieser dann nach dem puren Weltverstande urteilt, so wird er ohne alle Gnade den Inquisiten (Angeklagten) nach dem Codex poenitentiarum (Strafgesetzbuch) zum Tode verurteilen.
07] Hat der Richter aber nebst seinem geweckten Welt- und Gesetzverstande auch ein liebewarm fühlendes Herz, so wird dieses dem kalten Weltverstande folgende Einsprache machen und sagen: Das Gesetz, vielleicht mehr aus tyrannisch herrscherischer Leidenschaft gar so rücksichtslos gestellt, kann hier doch nicht eine völlige Anwendung finden!? Denn eine erweisbare völlige Unkenntnis irgendeines bestehenden Gesetzes muß hier berücksichtigt werden!
08] Denn wenn ein Mensch auf dem Dache steht und einen andern Menschen unten am Boden liegend ersieht, mit bösem Willen auf ihn herabspringt, um ihn zu töten oder ihm mindestens einen großen Leibesschaden zu bewirken, so ist ein solcher Mensch mit aller Schärfe zu bestrafen für seinen argen Mutwillen. So aber ein Mensch bloß nur aus Unvorsichtigkeit vom Dache fällt, aber dabei auch einen unten am Boden liegenden oder zufällig vorübergehenden Menschen tödlich verletzt, so ist er an solcher Kalamität ja doch völlig unschuldig, und eines Richters Sache ist es da, wohl zu unterscheiden, welche Umstände da der Hebel waren, durch die ein Mensch zu einem Übeltäter gemacht ward!
09] Wenn ein Fremdling, unserer Schrift, Sprache und unserer Gesetze völlig unkundig, sich gleich beim Eintritt in unsere Länder bald und leicht an einem unserer Gesetze vergeht, so haben wir ihn wohl anzuhalten und ihn mit unseren Gesetzen durch einen Dolmetsch bekannt zu machen. Erst wenn er sich dann abermals an den ihm bekanntgemachten Gesetzen vergeht, so kann er dann auch schon füglich dafür bestraft werden. Es ist da unfein zu sagen, Unkenntnis eines Gesetzes, das einmal in einem Lande als sanktioniert besteht, entschuldige niemanden; denn wie soll jemand ein Gesetz beachten, von dem er erwiesenermaßen noch nie etwas vernommen hat?!
10] Siehe und urteile nun selbst: Welcher der beiden Richter hat da nach Recht und Wahrheit geurteilt, - der erste, der bloß den Gesetzesbuchstaben mit seinem kalten Verstande zur Richtschnur nahm, oder der zweite, der im Herzen als Mensch ein gerechtes Erbarmen mit dem Sünder trug und dadurch des Gesetzes Mängel und Dummheit uns Tageslicht förderte?«
11] Sagt Roklus: »Offenbar der zweite!«
12] Sagt Raphael: »Gut! Was aber erhöhte des zweiten Richters Einsicht und Verstandesschärfe?«
13] Sagt Roklus: »Offenbar die Liebe in seinem Herzen, die ihn zur Erbarmung mit dem Sünder weckte! Er wollte den Sünder nicht verdammen, darum er denn auch alles schärfer zu prüfen begann und dadurch auf eine Menge Umstände kam, die dem Sünder zugute kamen.«
14] Sagt Raphael: »Gut und richtig gesprochen! Was folgt aber daraus nun für jeden Menschen anderes, als daß ein durch allerlei Wissenschaften und Erfahrungen schon sehr geweckter Verstand in allen Dingen, Verhältnissen und Richtungen erst dann den rechten Scharfblick erhält, wenn er von der Liebe im Herzen erwärmt und von der stets heller auflodernden Liebesflamme auch stets heller erleuchtet wird. Machte ich da denn einen Verstandeswidersacher, so ich dich nur durch gewisse Winke darauf aufmerksam machte, wie deinem scharfen Verstande noch die eigentliche Schärfe sehr bedeutend abgeht und du sie mit der wahren Liebe zu Dem erhöhen sollest, den du nun erst suchst und früher nicht gesucht hast gar so sehr, als wie du jetzt vorgegeben hast?!«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 5  |   Werke Lorbers