Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 57

Rede des Roklus über die Wichtigkeit eines ausgebildeten Verstandes.

01] Hier ermahnt Raphael den Roklus, zuvor den kostbaren Goldklumpen zu versorgen, mit dem er (Raphael) ihm (dem Roklus} ein Geschenk mache.
02] Sagt Roklus etwas erbost: »Freund, wenn ich im Suchen des höchsten Gutes der Menschen begriffen bin, da lasse ich den gefährlichsten Unflat dieser Welt ruhen! Verstanden, du nun schon etwas naseweis werden wollender junger Freund?! Ich kann dir die vollwahrste Versicherung geben, daß ich diesen Kothaufen auch mit keinem Finger mehr anrühren werde, und du kannst ihn zu deinem Privatvergnügen wieder in das verkehren, was er früher war!
03] Glaubst denn du, daß ich nach Gold giere, weil ich ein Grieche und ein Essäer bin? Oh, da irrst du dich gewaltig! Fürs erste besitze ich als ein irdisches Erbgut daheim hundertmal so viel des gelben Erdkotes, als dieser ungeschickte Klumpen da ist, und kann darum diesen neugebackenen schon entbehren, und fürs zweite ist mein Herz noch nie daran gehangen; denn hätte ich je nach den Erdengütern gegeizet, so wäre ich wohl nie zu meiner Verstandesschärfe gelangt, die, wennschon nicht das Allerhöchste selbst zu begreifen vermögend, doch ein Stückchen Weges dazu ist und auch darum allein schon einen tausendmal größeren Wert hat denn hunderttausend solcher Goldklumpen.
04] Wohl weiß ich nun, daß der Mensch beim Erforschen der höchsten geistigen Lebensdinge mit dem puren Verstande, wenn dieser auch noch so rein und scharf ist, nie auslangen wird; aber in völliger Ermangelung dieses Seelenlichtes wird der Mensch noch schwerer zu den höher und tiefer liegenden Wahrheiten des Lebens gelangen! Ein recht gebildeter Verstand des Menschen ist meiner Ansicht nach immerhin ein ganz tüchtiges Stück Weges zu der ewigen und unvergänglichen Lebenswahrheitsfülle aus Gott und ist, von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, sicher auch schon von einem sehr hohen Werte, und es ist daher durchaus nicht recht, daß du, junger Freund, gar so kneipisch von meiner Verstandesschärfe sprichst!
05] Siehe, in der abgebrannten Stadt irren noch gar viele Menschen herum, über deren Verstandesschärfe du dich sicher nimmer beklagen würdest; warum kommen sie denn nicht hierher, diese Schafe und Lämmer, um zu suchen des Lebens tiefere Wahrheiten? Sie sahen alle hierher und mochten dies neue Wunderhaus wohl auch entdeckt haben; aber denen ist das eins!
06] Was kann einem Menschen, der des Denkens rein unfähig ist, irgendein Interesse ablocken? Ich sage: Gar nichts, außer daß sein etwa hungriger Magen einem ihn sättigenden Bissen gar emsigst nachrennen wird! Stelle du diesen stets hungrigen Menschenlasttieren ein Gericht Speisen auf und wirke neben ihnen die großartigsten Wunder, - und diese Verstandeslosen werden fressen und nicht im geringsten achten deiner Wunderwerke! Und haben sie ihre Mägen gefüllt, so werden sie träge und schläfrig und werden wieder nicht achten auf deine Wunder! So etwas fällt nur dem gebildeten Verstande auf, und er fängt an, zu denken und allerlei Vergleiche zu machen, und ruhet nimmer, bis er nicht zu irgendeiner Erklärung des Wunders vorgedrungen ist!
07] Wenn aber unwiderlegbar sich die Sache also verhält, warum machst du denn immerfort gegen meine Verstandesschärfe spitzige Bemerkungen? Sieh, da bist du trotz aller deiner Wunderkraft rein auf dem allerholprigsten Holzwege von der Welt!
08] Wenn ich einen Gott wahrhaft erkennen will, so muß ich dabei, und zwar zuerst, auch denken und dann erst fühlen! Was soll mir aber ein besseres und geistiges Gefühl im Herzen erwecken, wenn ich als ein verstandesloser Ochse dastehe? Du verwiesest mich, den göttlichen Nazaräer nur mit meiner Verstandesschärfe zu suchen und zu finden; ich werde es aber auch tun, um dir zu zeigen, daß ein rechter Verstand auch zu etwas gut ist! Kurz und gut und vortrefflich, ich bin dir recht vielen Dank schuldig und habe dich recht sehr lieb - denn du hast mich einen wahren Gott kennen gelehrt und hast mir darum einen unermeßlichen Schatz, den ganze Goldberge nicht aufwiegen, gegeben -; aber daß du noch stets gegen meinen Verstand etwas zu sticheln hast, das gefällt mir nicht von dir!
09] Denn das muß mir sogar eines Gottes höchste Weisheit gutheißend zuerkennen, daß der Verstand dem Menschen wegen der Erkenntnis seiner selbst und hauptsächlich wegen der daraus hervorgehenden Erkenntnis Gottes so notwendig ist, wie ihm die Augen zum Sehen notwendig sind! Ich weiß es wohl, daß ein Mensch mit seinem noch so geweckten Verstande gar endlos vieles nicht begreifen kann und wird, was die göttliche, höchste Weisheit alles verordnet hat, was sie entstehen ließ, und was da immer ist und geschieht; aber ohne eine gewisse Verstandesschärfe, die da zu prüfen und zu unterscheiden vermögend ist, begreift der Mensch gleichweg ewig nichts!
10] Man sagt, daß nur der Glaube die Leuchte des Menschen sei! O du lieber Himmel, was ist denn ein Glaube ohne Verstand? Er ist die Wiegenweisheit der unmündigen Kinder, die nach dem Monde langen etwa in der Meinung, daß er ein rundes Stück Honigbrotes sei! Und es gibt wirklich erwachsene Menschen auf dieser lieben Erde, die den Mond für einen in der Luft herumschwimmenden Laib Brotes halten, der allmonatlich von den Paradiesvögeln aufgezehrt wird, aber dann gleich wieder von neuem zu wachsen beginnt! Ja, Freund, sage, was ist dir, mir und einem Gotte mit solchem Glauben wohl geholfen? Ist es denn nicht besser und des Menschen- und eines Gottesgeistes im Menschen würdiger, nachzudenken und mit der Zeit zu finden, daß der Mond denn doch irgend etwas anderes sein muß denn ein Brotlaib zum Essen für die Paradiesvögel?
11] Mein Grundsatz ist: Alles prüfen und davon das Gute und das einer Wahrheit wenigstens am nächsten Kommende behalten auf so lange, bis man darüber nicht ein besseres und stärkeres Licht von irgendwoher erhalten hat. Ist doch in einer stockfinstern Nacht ein leuchtend Würmchen besser denn gar kein Licht; und also ist das Lichtfünklein der Seele - Verstand genannt - ja doch auch besser denn ein aller noch so fernen Wahrscheinlichkeit barer stockfinsterster Aberglaube!
12] Ich setze aber den Fall, daß ich eine mir vorerzählte vollste Wahrheit glauben soll, ohne mich aber doch nur im geringsten überzeugen zu können, daß das wirklich eine Wahrheit sei, weil dazu der Verstand und dazu gehörige Erfahrungen mangeln. Was ist auch solch ein Glaube anderes als ein blindester Aberglaube! Denn was kann mir die geglaubte Wahrheit nützen, wenn ich sie nicht verstehe, ja mich gar nicht überzeugen kann, daß sie eine Wahrheit ist? Zu was wäre das Gold wohl gut, wenn es der Menschenverstand nicht unterscheiden könnte von einem andern, gemeinen und wertlosen Metalle? Wenn der Mensch sonach etwas glaubt, so muß er es doch mit einigem Verstande glauben, sonst müssen bei ihm ja Lüge und Wahrheit völlig eins sein!
13] Wenn du mir sagst:"Weit hinter jenen blauen Bergen ist eine Stadt, die aus lauter allerkostbarsten Edelsteinen erbaut ist, und die darin wohnenden Menschen sind lauter Riesen!<, so werde ich, wenn ich blind und dumm genug bin, dir das aufs Wort glauben und werde mich darin sogar begründen; so aber dann ein anderer kommt und zu mir sagt: >Du, hinter jenen blauen Bergen gibt es gar keine Stadt, und noch weniger irgend riesenhaft große Menschen!", was werde ich als ein verstandesloser, dummer Finsterling tun? Ich werde bei dem ersten bleiben, obwohl es eine schreiendste Lüge ist, und werde mit frechem Hohne die Wahrheit des zweiten von mir weisen! Kann aber das einem höchst weisen Gotte einerlei sein?
14] Wenn der Nazaräer ein Gott ist voll der höchsten Weisheit, was ich nun nicht mehr bezweifle, weil ich das mit meinem Verstande erkenne, so wäre es ja nachgerade dumm von ihm, so er die Menschen lehrete, zu erkennen die Lüge und ihr Falsches und dafür anzunehmen das Licht der Wahrheit und deren Gutes ohne irgendeine Verstandesschärfe!
15] Du siehst, daß du hierin gegen mich nicht aufkommst, auch mit tausend gewirkten Wundern nicht; daher wolle mir in der Folge nicht mehr witzeln über meinen Verstand, sondern laß ihn als das gelten, was er ist, und zeige mir darum nur, wo sich etwa nun der göttliche Nazaräer befindet, auf daß ich vor ihm geziemend meine Knie beuge und ihn auch anbete!«


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