Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 9

Jesu Prophezeiung über das Schicksal Roms und Jerusalems.

01] Sagt die Jarah: »Das versteht sich ja von selbst! Wenn es offenbar nur also ist, wie du mir's nun ganz offen enthüllt hast, dann habe ich gegen euch auch gar nichts einzuwenden. Habt ihr einen guten Willen, so kann auch dessen Erfolg im Grunde des Grundes nicht schlecht sein, auch dann nicht, wenn er sich vor den Augen der Welt auch nicht als vorteilhaft herausstellt. Ich lasse mich durch den Schein sicher am allerwenigsten täuschen; aber das sehe ich auch ein, daß man von Natur aus viel eher zu einem ganz ehrlich guten Willen denn irgend zur reinsten Wahrheit gelangen kann, die dann erst dem guten Willen zu einer wahren und wirksamsten Lebensleuchte wird. Den guten Willen habt ihr deiner Kundgebung nach schon unverändert im allgemeinen immer gehabt; einzelne Trübungen haben am Ganzen wenig oder nichts zu ändern vermocht.
02] Nun bekommet ihr zu eurem guten Willen aber auch noch der ewigen Wahrheit reinstes Licht hinzu, durch das euer schon vom Ursprunge an guter Wille auch die richtigen Wege und wahren Mittel zur sicheren Erreichung der besten Erfolge überkommen muß, und es läßt sich von euch dann ja offenbar nichts als nur das Allerbeste erwarten! - O Herr, segne Du diese meine schlichten Worte, daß sie zur für alle Zeiten bleibenden Wahrheit würden!«
03] Sage nun Ich: »Ja, du Meine tausendgeliebteste Jarah, sie sollen gesegnet sein, deine wunderschönen und sehr wahren Worte!
04] Rom soll so lange der beste Aufenthaltsort Meiner Lehre und Meiner besonderen Gnaden verbleiben, und es soll diese große Kaiserstadt ein Alter in der Welt erreichen, wie ein gleiches nur sehr wenige Städte Ägyptens erreichen werden, jedoch nicht so unversehrt wie Rom. Die äußeren Feinde sollen dieser Stadt wenig je etwas zuleide tun; wenn sie schadhaft wird, so wird sie das nur der Zeit und ihren wenigen inneren Feinden zu verdanken haben!
05] Aber in der Folge wird leider auch in dieser herrschenden Stadt diese Meine Lehre in eine Art Abgötterei übergehen; aber ungeachtet dessen wird Mein Wort und noch immer der beste Sinn der Lebenssitten im allgemeinen darin erhalten werden.
06] Gar in die späten Zeiten hinaus wird der Geist dieser Meiner Lehre dort sehr verschwinden.Die Menschen werden an der äußersten Rinde kauen und sie fürs geistige Brot des Lebens halten; aber da werde Ich schon durch die rechten Mittel sie wieder nach und nach auf den rechten Weg zurückführen! Und hätte sie noch soviel Hurerei und Ehebruch getrieben, so werde Ich sie schon wieder reinigen zur rechten Zeit!
07] Im übrigen aber wird sie stets eine Verkünderin der Liebe, Demut und Geduld verbleiben, darum ihr viel durch die Finger nachgesehen wird zu allen Zeiten, und die Großen der Erde werden sich vielfach um sie scharen und aus ihrem Munde die Worte ihres Heiles vernehmen wollen.
08] Ganz rein aber wird sich auf dieser Erde im allgemeinen nie etwas für eine zu lange Dauer erhalten, somit auch Mein Wort nicht; aber am reinsten für den Zweck des Lebens und als Geschichtsreliquie noch immer in Rom!
09] Diese Versicherung gebe Ich dir, du Mein liebster Freund Cyrenius, und nun hier als volle und wahre Segnung der schönsten und wahrsten Worte unserer allerliebsten Jarah!
10] Ein Jahrtausend ums andere wird es dir zeigen und sagen, daß dieser Mein Ausspruch bezüglich Roms Dauer und Stellung in die volle Erfüllung übergehen wird!
11] Jerusalem wird also zerstört werden, daß man schon von jetzt an gar nicht wissen wird, wo es dereinst gestanden ist. Wohl werden die späteren Menschen allda eine kleine Stadt gleichen Namens erbauen; aber da wird verändert sein Gestalt und Stelle. Und selbst dies Städtchen wird von anderwärtigen Feinden viel Schlimmes zu bestehen haben und wird fürder ohne Rang und Bedeutung verbleiben ein Nest von allerlei Gesindel, das ein kümmerliches Dasein vom Moose der Steine aus der Jetztzeit fristen wird.
12] Ja, Ich wollte wohl diese alte Gottesstadt zur ersten der Erde machen; aber sie hat Mich nicht erkannt, sondern behandelt wie einen Dieb und Mörder! Darum wird sie fallen für immer und wird sich fürder nicht mehr erheben aus dem Schutte des alten wohlverdienten Fluches, den sie sich selbst bereitet und mit dem eigenen Munde ausgesprochen hat! - Bist du, Meine tausendallerliebste Jarah, nun mit dieser Meiner Segnung zufrieden?«
13] Sagt die Jarah, ganz zu Tränen weich gemacht: »O Herr, Du meine ganz alleinige Liebe! Wer sollte auch nicht zufrieden sein mit dem, was Du, o Herr, aussprichst, und besonders mit solch einer großen, in die fernsten Zeiten weit und tief hineinreichenden Verheißung? Auch mein lieber, hoher Cyrenius scheint damit sehr zufrieden zu sein und ebenso der Kornelius, der Faustus und unser Julius. Ob aber auch die Kinder aus Jerusalem, deren auch mehrere an diesem Tische und noch mehrere an anderen Tischen um uns sitzen, mit Deinen Verheißungen bezüglich Jerusalems auch so zufrieden sein werden, das scheint mir eine ganz andere Frage zu sein; denn aus ihren Gesichtern strahlt nicht jene Heiterkeit wie aus den Gesichtern der Römer.«
14] Nach dieser ganz triftigen Bemerkung erhoben sich etliche, die aus Jerusalem waren, und sagten: »Man soll wohl seinem Vaterhause keinen Untergang wünschen, solange es nicht Dieben und Räubern zur Wohnstätte ward; ist es aber einmal das, da soll es auch nicht mehr geschont bleiben! Der Nachkomme hat da - ohne Furcht, eine Sünde zu begehen - das Recht, es mit eigener Hand über den Häuptern der darin hausenden Bösewichter zu zerstören und jede Spur von einem einstmaligen Dasein für ewig zu verwischen.
15] Wenn Jerusalem nun unseres getreuesten Wissens aber nichts ist als ein barstes Raubmördernest, wozu sollen wir trauern, so der Herr diesem Neste den schon lange wohlverdienten Lohn geben will und auch sicher geben wird?! Das Traurige daran ist nur, daß diese so höchst begnadigte Stadt Gottes es endlich trotz aller Warnungen zu einem dritten Male dahin gebracht hat, von Gott Selbst ausgehend auf das allerempfindlichste gezüchtiget zu werden! Aber Seine bekannte Langmut und Geduld ist uns auch ein sicherster Beweis, wie sehr sich eine solche Stadt einer strengsten Züchtigung verdient gemacht hat und darum wahrlich nicht im geringsten zu bedauern oder gar zu betrauern ist.
16] Volenti non fit iniuria! (d.h.: Dem Wollenden geschieht kein Unrecht! bzw.: Wer es so haben will, dem geschieht es recht!) Wer es selbst will, bei allem noch so hellen Sonnenlicht in eine Grube sich zu stürzen, wird den wohl jemand bedauern oder betrauern? Wir nicht! Für echte dümmste Esel und Ochsen empfanden wir noch nie Mitleid, besonders wenn sie vor aller Welt als Weiseste glänzen wollen; und noch viel mehr ganz besonders verdienen sie kein Mitleid, wenn ihre vorgeschützte Hochweisheit, die aber im Grunde nur krasseste Eselei ist, sich durch allerlei Bosheit und durch eine allerabgefeimteste Verschmitztheit als reell geltend machen will.
17] Es ist schon ganz richtig, daß auch eine kranke Menschenseele mehr Mitleid verdient als eines kranken Menschen gebrechlicher Leib. Wenn aber zu einem leibeskranken Menschen, der noch bei vollster Vernunft ist, ein grundgescheiter und bestbewährter Arzt kommt, die Krankheit wohl erkennt und dem Kranken nur zu gewiß helfen könnte und würde, der Kranke aber, statt mit aller Freude den heilsamen Rat des Arztes anzunehmen, denselben durch seine Knechte zur Tür hinauswerfen läßt, - wer, fragen wir, wird mit solch einer kranken Seele auch noch ein Mitleid haben? Wir nicht, und sonst sicher auch nicht jemand anders! Solch ein reines Vieh von einem Menschen soll dann nur in eine möglich allerbitterste und schmerzvollste Krankheit verfallen und erst aus seinen Schmerzen lernen, wie dumm es war, den allergeschicktesten Arzt zur Tür hinauszuwerfen!
18] Dummheit für sich verdient Mitleid, weil ein Dummer nicht dafür kann, daß er dumm geblieben ist schon von der Wiege an; aber es gibt Menschen - wie da sind die allermeisten Hohenpriester, Pharisäer und Schriftgelehrten -, diese sind nicht dumm, machen sich aber geflissentlich dumm, um die arme, durch sie dumm gemachte Menschheit dann desto leichter für ihre schändlichen, im höchsten Grade selbstsüchtigen Zwecke gebrauchen zu können! Derlei Menschen haben keine kranken Seelen, sondern sie sind nur ganz kräftige und gesunde Wölfe in Schafspelzen und verdienen nicht mehr, als mit den schärfsten Pfeilen niedergeschossen zu werden; denn da wäre ein jedes Mitleid eine große Dummheit irgendeines menschlichen Herzens.
19] Wem auf der ganzen Erde sollte es wohl leid sein um die Nacht, der die aufgehende Sonne den Garaus macht? Oder welcher Narr wird um den lästigen Winter, um einen rasenden Sturm, um eine aufgehört habende Pestilenz und um verschwundene schlechte Jahre weinen? Und wir glauben, daß es eine noch um sehr vieles größere Dummheit wäre, darum zu trauern, so der Herr uns jüngst einmal die größte Seiner Gnaden erweisen will. Ja, sehr traurig ist es, daß Jerusalem das hellste Geisteslicht nicht erkennen und annehmen will, denn da heißt es, sich ganz dem Satan der Welt einverleibt haben! Wo aber das, da nur Feuer und Schwefel vom Himmel! Sodom und Gomorrha ruhen lange gut im Grunde des Toten Meeres; wer würde beweinen wollen die Verruchten? Und so wird man auch Jerusalem nicht beweinen!
20] Und du, holdeste Jarah, hast dich mit deinem Urteile über uns denn auch ein wenig getäuscht! Siehe, der Schein ist nicht immer ein Abglanz der Wahrheit und trügt uns dann und wann! Meinst du nicht, daß es also ist und wahrscheinlich auch für immer also verbleiben wird? Haben wir recht oder nicht recht?«
21] Sagt die Jarah: »Aber Herr, Du meine Liebe, warum muß es mir denn geschehen, daß ich die Menschen stets falsch und nicht recht zu beurteilen imstande bin? Es ist geradewegs schon nahezu ärgerlich! Vorher habe ich vom Cyrenius einen freilich nur sanften, aber immerhin einen Verweis bekommen, jetzt aber gleich von einer Menge! Sie haben alle recht, nur ich offenbar nicht, weil sie der Wahrheit nach recht haben und ich aber nicht. O Herr, gib mir doch eine bessere Einsicht, damit ich mit meinen Urteilen nicht in einem fort aufsitze!«


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