Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 56

Das Wesen des Menschen und seine schöpferische Bestimmung.

01] (Zorel:) »Gott Selbst ist der höchste und allervollkommenste, ewigste Urmensch aus Sich Selbst; das heißt, der Mensch ist in sich selbst ein Feuer, dessen Gefühl die Liebe ist; ein Licht, dessen Gefühl Verstand und Weisheit sind; und eine Wärme, deren Gefühl das Leben selbst ist in der vollsten Sphäre des Seiner-selbst-Bewußtseins. Wenn das Feuer heftiger wird, so wird auch heftiger das Licht und mächtiger die alles schaffende Wärme und strahlt am Ende weithin, und der Strahl ist selbst Licht, hat in sich schon die Wärme, und diese schafft in der Ferne wie in sich. Das Geschaffene nimmt stets mehr des Lichtes und der Wärme auf, leuchtet und erwärmt dann stets weiter und weiter hin und schafft abermals, dahin es gelangt. Und so pflanzt sich alles ewig fort aus dem Urfeuer, Urlichte und aus der Urwärme und erfüllt stets fort und fort und mehr und mehr den unendlichen Schöpfungsraum.
02] Alles nimmt sonach aus dem einen Ursein Gottes seinen Ursprung und bildet sich aus, bis es ähnlich wird dem Urwesen des Urmenschen, in welcher Ähnlichkeit es dann auch in einer vollends selbständigen Freiheit in der Form des Menschen bestehet aus Gott, wie ein Gott für sich in der notwendigen Erzfreundlichkeit mit dem Urgotte, weil es dasselbe ist, was der Urgott Selbst ist.
03] Wo ihr sehet Licht, Feuer und Wärme, da ist auch der Mensch entweder fertig oder im Beginne. Milliarden von Licht-, Feuer- und Wärmeatomen puppen sich ein und erzeugen Formen. Die einzelnen Formen ergreifen sich wieder von neuem, puppen sich in eine größere und dem Menschen schon entsprechendere Form ein und bilden sich in derselben zu einem Wesen. Dieses Wesen erzeugt nun schon mehr des Feuers, des Lichtes und der Wärme; mit dem stellt sich aber ein höheres Bedürfnis nach einer höheren und vollkommeneren Form ein. Gleich zerreißen die vielen, wenn auch in sich schon vollkommeneren Formen ihre Umhäutungen, ergreifen sich, und puppen sich mit der Substanz ihres Willens wieder in eine höhere und vollendetere Form ein. Das geht so fort bis zur Vollendung des Menschen hin, und der Mensch puppt sich dann selbst aus bis zu dem Zustand, in welchem ich mich nun befinde, und ist also dem Urfeuer, Urlichte und der Urwärme völlig ähnlich, welches alles da ist Gott, den ich nun schaue mit unverwandtem Blicke in Seinem Urlichte, in Sich das volle Feuer und die volle Wärme, was allein da ist Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.
04] Der Mensch ist darum zuerst ein Mensch aus Gott und dann erst ein Mensch aus sich. Solange er allein aus Gott ist, gleicht er einem Embryo im Mutterleibe; erst wenn er auch aus sich selbst ein Mensch wird in der Ordnung Gottes, dann ist er ein vollkommener Mensch, weil er dadurch erst zur wahren Gottähnlichkeit gelangen kann. Ist er zu dieser gelangt, dann bleibt er wie ein Gott in Ewigkeit und ist ein Selbstschöpfer der weiteren Welten und Wesen und Menschen geworden. Denn es ist sonderbar, daß ich nun alle meine Gedanken, Gefühle und Wünsche schaue, und mein Wille ist gleich der Umhäutung dessen, was ich mir gedacht und was ich gefühlt habe! Seht, so geht das Erschaffen stets von neuem vor sich!
05] Das Gefühl als Wärme, und sohin Liebe, hat das Bedürfnis nach Wesenhaftem; je mehr aber das Gefühl mächtig wird, je mehr Flammen und Wärme sich da in sich erzeugt, desto mächtiger wird auch der Flammen Licht.
06] Im Lichte drückt sich das Bedürfnis der Liebe in Formen aus. Aber die Formen entstehen und vergehen gleich wie bei einem Menschen von einer erhitzten Phantasie bei geschlossenen Augen die Augenliderbilder, wie man sie also benamset; es kommen aber dafür stets wieder andere, sie werden größer und nehmen nach und nach weilendere und bestimmtere Formen an. Aber bei den vollendeten Menschen, wie bei mir nun freilich nur für eine kurze Dauer, wird der Gedanke in seiner Form erhalten, weil er, vom Willen erfaßt, sogleich durch eine schnelle Umhäutung in der aufgetretenen Form erhalten wird und dieselbe nicht mehr ändern kann; da die Umhäutung aber ursprünglich nur höchst ätherisch zart und somit und sonach durchscheinend ist, so dringt vom Schöpfer des nun eingefangenen Gedankens stets mehr Licht und Wärme hinein. Dies vermehrt des eingefangenen Gedankens eigenes Licht und eigene Wärme, aus welch beiden geistigen Elementen er ursprünglich entstand, und der also eingefangene Gedanke fängt bald an, sich mehr und mehr zu entwickeln, und wird nach dem Lichte der Weisheit und der vollendetsten Erkenntnis, der die noch so künstliche Konstruktion klarer als der hellste Tag ist in allen ihren notwendigen Teilen, Verbindungen und Gliederungen, notwendig und zwecklich organisch eingerichtet. Hat der Gedanke einmal die Organeinrichtung, so fängt dann schon an, sich in ihm ein eigenes Leben seiner selbst bewußt zu werden und sich zu richten.
07] Nun läßt sich wohl denken, daß ein vollendeter Mensch schon eine endlose Fülle von allerlei Gedanken und Ideen in einigen Augenblicken, ganz organisch eingerichtet, wird denken und zusammenfassen können. Will er sie mit seinem Willen einhäuten, so werden sie fortbestehen und sich ausbilden, am Ende dem Schöpfer selbst ähnlich werden in ihrer natürlich höchsten endlichen Selbstvollendung und werden ihresgleichen fortzeugen und erschaffen und so aus sich eine endlose Vermehrung ihresgleichen auf dieselbe Art bewerkstelligen, auf welche Art sie selbst ins Dasein getreten sind. Davon weist schon die materielle Welt handgreifliche Beispiele auf.
08] Die Selbstfortzeugung findet ihr bei Pflanzen, Tieren, Menschen dem Leibe nach und bei den Weltkörpern, die sich auch vermehren. Ihrer Vermehrung sind jedoch Grenzen gesetzt. So ist einem Samenkorne von einer bestimmten Art und Gattung auch nur eine bestimmte Anzahl nachgezeugter gleicher Samenkörner zugeteilt, welche Anzahl es nicht übertreten kann; ebenso den Tieren und zwar: je größer das Tier, desto beschränkter in der Nachzeugung! Ebenso ist es beim Menschen, und noch um vieles mehr bei den Weltkörpern. Aber im Geisterreiche der vollendeten Menschen geht, wie bei Gott, das Fühlen und Denken ewig fort. Da aber auf die vorbeschriebene Weise ein jeder Gedanke und eine jede Idee von dem sie schaffenden Geiste durch seinen Willen eingehäutet und endlich gar selbständig werden kann, so ist es zu begreifen, daß die ewige Vermehrung der Wesen nie ein Ende haben kann.
09] Du, Zinka, fragst nun in deinem Gemüte, wo am Ende alle die so endlos vielfach entstandenen Wesen Raum haben werden, wenn das Erschaffen ewig im stets ungeheuer vervielfachten Maße und Verhältnisse zu nehmen soll. O Freund, bedenke nur, daß der physische Raum selbst unendlich ist, und so du ewig fort in jedem Augenblicke zehnmal hunderttausend Sonnen erschaffen möchtest, so würden diese bei schnellster Fortbewegung im unendlichen Raume sich dennoch ewig fort also verlieren, als wäre keine Sonne je erschaffen worden! Niemand außer Gott fasset des ewigen Raumes Unendlichkeit; selbst die größten und vollkommensten Engel fassen des Raumes ewige Tiefen nicht, wohl aber erschauern sie vor den zu endlosen Tiefen des ewigen Raumes!
10] O Freund, ich sehe nun mit meines Gemütes Augen die Ganzheit der materiellen Schöpfung! Diese Erde, ihr Mond, die große Sonne und alle die zahllosen Sterne, die du erschaust, und deren es welche gibt, die, deinem Auge wie ein schwach schimmernder Punkt vorkommend, selbst ein unmeßbar großes Sonnen- und Weltengebiet sind, das in sich milliardenmal Milliarden Sonnen und noch mehr Planeten faßt, sind nicht das gegen die gegenwärtige Allheit der Schöpfung, was ein kleinstes und feinstes Sonnenstäubchen gegen diesen ganzen dir sichtbaren Sternenraum ist! Und doch kann ich dir sagen, daß es unter den vielen Sternen, die dein Auge erschaut, etliche gibt, deren Durchmesser noch um viele tausend Male größer ist, als wie lang die Linie selbst von dem dir kaum sichtbaren, entferntesten Sterne bis zum von diesem gleich weit abstehenden Gegensatze ist, - eine Entfernung, zu deren Durchwanderung du sogar mit des Blitzes Schnelle mehr denn eine Milliarde mal Milliarden von Erdjahreslängen zu tun hättest!
11] Also einzelne Körper sind schon von solch einer rätselhaften Größe, und doch erscheinen sie deinem Auge als kaum leuchtende Punkte wegen ihrer zu großen Ferne von hier! Und doch ist das alles gegen die Allheit des gesamten Schöpfungsalls, wie gesagt, ein kleinstes Stäubchen, das die Sonnenstrahlen ganz leicht tragen können! Ich sage es dir: Du kannst eine Milliarde Sonnen mit all ihren Planeten und Monden und Kometen erschaffen und sie alle verteilen in dieser Sonnengebietsglobe, und sie werden dir diesen nur einen Globenraum noch ebensowenig merkbar beengen, wie ein Tropfen Wassers das Meer vergrößert und dessen weites Bett beengt; und milliardenmal Milliarden Globen würden im ganzen nun bestehenden Schöpfungsallgebiete ebensowenig bemerklich sein wie die Milliarden Regentropfen im Meere.
12] Sieh an die ganze Erde! Wie viele tausend Bäche, Flüsse und Ströme in das Meer auch fallen, so wird dasselbe darum dennoch nicht um eine Linie vergrößert; nun denke dir noch so viele Schöpfungen über Schöpfungen in jedem Augenblick, und sie werden sich im unendlichen Raume stets ebenso verlieren wie die Myriaden mal Myriaden Wassertropfen, die, in jedem Augenblick ins Meer fallend, sich in ihm verlieren. Es sei dir darum wegen des zu vielen Erschaffens ja nicht kleinmütig bange; denn im Unendlichen gibt es ewig Raum und Platz genug fürs Unendliche, und Gott ist mächtig genug, alles für ewig zu erhalten und einer endlichen Hauptbestimmung zuzuführen!«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 4  |   Werke Lorbers