Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 55

Jorels Einblick in die Schöpfung.

01] Als Ich solches dem Cyrenius erklärt hatte, fing Zorel, der die Zeit hindurch ohne alle Regung wie tot dalag, an, sich zu rühren, und bekam das Aussehen eines Verklärten derart, daß sein Anblick sogar den anwesenden römischen Soldaten eine große Ehrfurcht einflößte und einer sagte: »Dieser Mensch sieht aus wie ein schlafender Gott!«
02] Cyrenius sagte auch: »Wahrlich, ein unbeschreiblich erhabenes Menschenbild!«
03] Endlich machte Zorel den Mund auf und sagte: »Also stehet der vollendet in seiner Wesenheit vor Gott, der Ihn nun erst erkennt, liebt und anbetet!« Hier folgte eine Pause.
04] Nach dieser spricht Zorel weiter und sagt: »Mein ganzes Wesen ist nun Licht, und ich sehe keinen Schatten, weder in mir noch außer mir; denn auch um mich ist alles Licht. Im Allichte aber sehe ich noch ein allerheiligstes Licht; es leuchtet wie eine gar mächtige Sonne, und in dieser ist der Herr!
05] Zuvor dachte ich von meinem Freunde und Führer, daß er nur eine Menschenseele gleichwie unsereins wäre; allein in meinem Vorzustande war noch viel Täuschung in mir. Nun erkenne ich erst den Führer! Er ist nun nicht mehr bei mir, sondern in jener Sonne sehe ich Ihn, der da heilig ist über heilig! Endlose Scharen der vollendetsten Lichtgeister umschweben diese Sonne nach allen Richtungen in engeren, weiteren und weitesten Kreisen. Welch eine unendliche Majestät ist das doch! O Menschen! Gott zu schauen und Ihn über alles zu lieben ist die höchste Wonne, ist der Seligkeiten höchste!
06] Aber ich sehe nun nicht nur die Himmel alle, sondern mein Blick dringt nun auch in die Tiefen der Schöpfungen des allmächtigen, einen, großen Gottes. Ich sehe diese unsere magere Erde durch und durch und sehe alle Inseln und Festlande auf der ganzen Erde. Ich sehe der Meere Grund und was unter demselben alles ist und besteht, alle die vielen Geschöpfe im Meere von der kleinsten bis zur größten Art. Welch eine unendliche Mannigfaltigkeit doch unter denselben haust!
07] Ich sehe auch, wie das Gras gebaut wird von allerlei Geisterchen, die sehr munter und emsig sind. Ich sehe, wie der Wille des Allmächtigen sie nötigt, emsig zu sein, und sehe eines jeden der zahllos vielen Geisterchen genaust abgemessene Bestimmung und Arbeit. Wie da arbeiten die Bienen an ihren Wachszellen, so arbeiten die Geisterchen an und in den Bäumen und Gesträuchern, Gräsern und Pflanzen. Aber sie tun das alles, wenn sie ergriffen und durchdrungen werden von dem Willen Dessen, der mein Freund und Führer war auf dem schmalen und dornigen Pfade meiner Selbstprobe des Lebens bis hierher und nun in jener nie erreichbaren Sonne als in Seinem urheiligsten Lichte wohnt und ausfahren läßt Seinen Willen in alle Unendlichkeiten.
08] Ja, Dieser allein ist der Herr, Ihm ist niemand gleich! Seinem Willen muß sich fügen groß und klein. Nichts in der ganzen Unendlichkeit gibt es, das Ihm einen Widerstand bieten könnte. Seine Macht geht über alles, und Seine Weisheit ist nie erforschbar. Alles, was da ist, ist aus Ihm, und es gibt nichts in den endlosesten Räumen Seiner Schöpfungen, das da nicht aus Ihm hervorgegangen wäre.
09] Ich sehe aus Ihm die Kräfte fahren, wie man siehet am Morgen der aufgehenden Sonne Strahlen nach allen Richtungen mit mehr denn Blitzesschnelle ausfahren, und wo ein Strahl etwas erreicht und ergreift, da fängt es an, sich zu regen, zu leben und zu bewegen, und bald tauchen neue Formen und neue Gestalten auf. Aber des Menschen Form ist aller Formen Grenz- und Schlußstein, und seine Gestalt ist eine rechte Gestalt des Himmels; denn der ganze Himmel, dessen Grenzen nur Gott allein kennt, ist auch ein Mensch, und jeder Verein der Engel ist ebenfalls ein ganz vollendeter Mensch.
10] Das ist ein großes Geheimnis Gottes, und wer nicht auf dem Punkte steht, auf dem ich nun stehe, der kann solches unmöglich fassen und begreifen; denn nur der reinste Geist aus Gott im Menschen kann fassen und begreifen und schauen, was des Geistes ist, und was da ist in ihm und außer ihm, und wie es besteht und entsteht, und warum und wofür! Nichts gibt es in der Unendlichkeit, daß es nicht da wäre für den Menschen; alles ist auf den Menschen und sein jedzeitliches und zuständliches Bedürfnis abgezielt.«


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