Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 32

Ein Ereignis aus der Jünglingszeit Jesu.

01] Während des Zwiegespräches der beiden aber verschaffe Ich den beiden Erweckten die Gelegenheit, Mich als denjenigen kennen zu lernen, der vor etlichen Monden auch in Kapernaum ein paar Tote erweckt hatte, und die beiden erkannten Mich bald als denselben und kannten auch Maria und die andern des Hauses Joseph. Die Gamiela erzählte auch, daß sie sich noch ganz gut erinnern könnten, wie der alte Zimmermeister Joseph mit seinen sechs Söhnen bei ihrem Ziehvater in Kapernaum einen ganz neuen Schafstall erbaut habe, und sie sich auch erinnere, Mich Selbst als den jüngsten der Söhne Josephs bei der Arbeit gesehen zu haben; aber damals habe sie wohl keine Ahnung gehabt, daß hinter Mir der Geist des Allerhöchsten verborgen wäre.
02] Aber die Ida sagte dazu: »Doch, doch, liebe Schwester! Es war am letzten Abend, als der Bau vollendet war und unser Ziehvater dem alten Joseph die Arbeit bezahlte, aber nach seiner kaufmännischen Sitte ihm am Ende etliche Groschen abzog, da trat dieser Heilige zum Kaufmanne hin und sagte: "Tue das nicht; denn das wird dir keinen Segen bringen! Du bist ein Heide zwar, glaubst aber an den Gott der Juden. Und sieh, dieser mächtige Gott wohnt in Meinem Herzen, und so Ich Ihn bitte, gewährt Er Mir das, um was Ich Ihn gebeten habe! Er wohnt auch in den Herzen aller Gerechten vor Ihm und erhört gerne ihre Bitten. Würdest du hart gegen den Joseph, der bei dir eine schwere Arbeit zu bestehen hatte, so würde Ich Meinen Gott und Vater bitten, daß Er es dir vergelten möchte, und es würde dir alsbald gar übel vergolten werden! Bedenke, daß es nicht gut ist, die zu beleidigen, mit denen Gott eins ist!< Mein Ziehvater aber horchte wenig darauf und blieb bei seinem Abzuge bestehen. Der alte Zimmermann aber sagte: >Siehe, ich bin ehrlich und sage es dir ehrlich: Die etlichen Groschen wären gerade mein ganzer Gewinn bei dieser schweren Arbeit gewesen, und ich hätte damit meinen Hauszins bezahlen können! Weil dir aber, der du ein reicher Mensch bist, schon gar soviel daran liegt, so behalte sie; aber du behältst sie mit Unrecht, und dieses tut nie gut!"
03] Ich, Ida, aber weinte vor Ärger über die verstockte Härte meines Vaters, ging in meine Kammer und brachte geheim all mein Erspartes, und Gamiela tat nach mir dasselbe, und wir steckten so dem alten Joseph heimlich bei hundert Groschen ins Lägel seiner Werkzeuge. Niemand bemerkte das außer Dir, o Herr! Und Du sagtest darauf: "Euch aber, ihr beiden Mägdlein, wird dereinst hoch vergolten werden, was Gutes ihr uns erwiesen habt!" Bei diesen Worten aber sahst Du einem Verklärten gleich. Darauf erhobet ihr euch und verließet unser Haus. Es war spät abends, und ihr hattet zu Fuß doch etliche Stunden Weges nach Nazareth; da sagte ich zu Dir: "Möchtet ihr denn nicht lieber die Nacht hier verbleiben, als den unsichern, weiten Weg gehen, zumal die Nacht gar so finster ist, weil dichte Gewitterwolken den Himmel bedecken und auch ein Ungewitter im Anzuge ist?< Da sagtest Du, was mir stets denkwürdig blieb: >Wer den Tag gemacht hat, ist sein Herr, und wer die Nacht, ist auch ihr Herr; darum hat der Herr des Tages wie der Nacht weder den Tag noch die Nacht zu fürchten! Das Gewitter aber stehet auch in desselben Herrn Macht, den die Welt nicht kennt; es wird uns weder die Nacht noch das Gewitter einen Schaden zu bringen vermögen! Lebet wohl, ihr beiden Engelchen!" Mit dem verließet ihr unser Haus, und weiß der Himmel, - kaum waret ihr über des Hauses Schwelle, so war auch keine Spur mehr von euch irgend zu entdecken!
04] Oh, ich habe oft an Dich, o Herr, gedacht, - konnte aber später bis zur Stunde mit Dir nirgends mehr zusammenkommen! Aber an unserem Ziehvater sind Deine Worte in eine furchtbare Erfüllung gegangen in derselben Nacht noch! Ein furchtbares Gewitter kam, der Blitz schlug dreimal in den neuen Schafstall, in dem schon am Tage seiner Vollendung siebzehnhundert der schönsten Schafe sich befanden. Alles verbrannte in ein paar Stunden und konnte bei aller Anstrengung nichts gerettet werden! Da bedauerte unser Ziehvater, sich am treuen Zimmermanne so hart versündigt zu haben; denn er sagte selbst: "Diese Strafe kommt über mich von oben, weil ich sie verdient habe. Niemals soll je wieder in meinem Hause ein treuer Arbeiter auch nur um einen Stater seines wohlverdienten Liedlohnes verkürzt werden!" Er hielt auch das Wort. Den Stall ließ er jedoch auf derselben Stelle nicht wieder erbauen; aber auf einer andern Stelle ließ er hundert Morgen Grundes fest einzäunen und hineinsetzen nur eine Hütte für zehn Hirten und Schafwärter. Den alten Zimmermann aus Nazareth aber sahen wir nie wieder. Er muß jüngst darauf gestorben sein; denn er sah schon damals recht schwach aus.
05] Wir kamen etwa ein halbes Jahr darauf auf den großen Markt nach Nazareth und erkundigten uns emsigst nach dem alten Zimmermann und nach seinen Söhnen; aber es hieß, sie seien weit übers Land geholt worden, allwo sie mehrere Häuser zu erbauen bekommen hätten, - und wir zogen also ganz unverrichteterdinge wieder Kapernaum zu. Nachher erfuhren wir aber nichts mehr von der Zimmermannsfamilie. Der Ziehvater soll einmal, etwa drei Jahre darauf, in Erfahrung gebracht haben, daß sich der Joseph wegen einer großen Arbeit nach Hochnazareth soll gezogen haben, das gegen Samaria hin im Gebirge liegt. Aber wir jedoch bekamen da niemand von den Seinigen mehr zu Gesichte! Und doch hätte ich mit dem jungen Zimmermanne, der meines Wissens Jesus hieß, gar so gerne eine nähere Bekanntschaft gemacht!
06] Doch, - was uns damals nicht mehr vergönnt war, das hast Du, o Herr, bis jetzt wunderbar aufbewahrt! Jetzt erst ist uns auch ein Licht aufgegangen über jene von Dir am selben Abende, an dem ihr in der stockfinstersten Nacht unser Haus verließet, so geheimnisvoll gesprochenen Worte! Jetzt wissen wir, wer der Herr des Tages, der Nacht und des Gewitters war und ist! Aber nun bringen wir Dir noch einmal mit Herz und Mund unseren Dank dar für alle die namenlosen Gnaden und Wohltaten, die Du, o süßester Herr Jesus, uns erzeiget hast ohne alle unsere Verdienste!«
07] Sage Ich: »Oh, gar so ohne allen Verdienst seid ihr mitnichten; denket nur an das, was ihr dem alten Joseph erwiesen habt! Wie sehr zustatten kamen ihm eure hundert Groschen, als er sie am kommenden Morgen in seinem Werkzeuglägel fand! Er dachte anfangs, daß ihm solches euer Ziehvater heimlich getan habe; aber er ward von Mir bald in seinem Irrtume berichtigt. Er lobte sehr eure guten Herzen, und Ich versprach ihm, daß Ich Selbst solche Güte an euch einmal vielfach vergelten werde, und habe euch darum nun das Leben und eure wahren Eltern freundlichst und freudigst wiedergegeben. Gehet nun vollends hin und machet ihm eine rechte Freude; denn seine Freude ist auch die Meine!«
08] Darauf erst gingen die beiden zum Cyrenius und umarmten ihn, und er weinte vor Freuden wie ein Kind.


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