Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 31

Selbstbetrachtungen Hebrams und Risas.

01] Risa schreibt sich das tief ins Herz und begibt sich zu seinen Gefährten, die ihn zu seinem Glücke zu beglückwünschen anfangen; er aber öffnet seinen Mund und tut ihnen von Wort zu Wort kund, was er von Raphael vernommen hat.
02] Als er damit zu Ende war, sagte Hebram zu ihm: »Das ist eine gar herrliche Rede, wie aus dem Munde Gottes kommend; aber etwas ist daran denn doch zu bemerken, wennschon nicht an der Rede selbst, so doch an dem, der sie vortrug. Sie enthielt viele und gar denkwürdig wahre Worte, die in guter Reihenfolge nacheinander ins Dasein traten; der Vortragende aber hatte dennoch zuvor geredet als gehandelt! Allein ich finde das ganz recht; denn jeder guten Handlung muß ja doch allzeit eine gute Lehre vorangehen, ansonst der Handelnde doch unmöglich irgendeine Direktion zu seinem Tun und Lassen bekommen kann.
03] Aber im Grunde des Grundes hat Raphael dennoch recht; denn so viel weiß der Mensch bald, was gut und recht ist. Einfache Gesetze geben ihm das! Er braucht nun nur recht zu wollen, und ein gutes Handeln kann da nicht unterm Wege verbleiben. Aber das Wissen allein scheint mir denn doch noch ein zu geringer Beweggrund zum Guthandeln zu sein, besonders bei sehr materiellen Menschen, die nur zu leicht von einem eitel materiellen Vorteile übertölpelt und zum Schlechthandeln verleitet werden. Da heißt es denn dann doch die Vorlehre so weit ausdehnen, daß durch sie dem Jünger klare, handgreifliche und unumstößliche Beweise als Beweggründe zum Guthandeln gegeben werden, wider die zu handeln es dem Jünger ebenso nahe unmöglich vorkommen muß, als ohne ein Schiff übers Meer kommen zu wollen.
04] Hat man es mit einem Jünger einmal so weit gebracht, dann ist das wahre Guthandeln eine gar leichte Sache; aber ohne die hinzugegebenen handgreiflichen und fest erwiesenen Beweggründe wird es stets nur ein Problem bleiben, dessen Güte man wohl so einsieht, aber weil das Handeln danach denn doch mit so manchen Schwierigkeiten und Sichselbstverleugnungen verbunden ist, so läßt man sich in lieber Trägheit und leidiger Selbstsucht ganz wohl geschehen und läßt das viele und gute Handeln einen guten Mann sein. Man geht seinen tierischen Gelüsten gleichwegs nach und ist nach dreißig Jahren noch derselbe Tiermensch, der man so ganz eigentlich in der Wiege war. Es gehören darum meiner unmaßgeblichen Ansicht nach zur Guthandlungslehre auch die obbezeichneten Beweise, und diese fordern schon bei weitem mehr als zu sagen: "Dies und jenes hast du zu tun, weil es gut ist, und dies und jenes mußt du lassen, weil es schlecht und böse ist!"«
05] Sagt Risa: »Da hast du ganz recht und sagst im Grunde denn doch nichts anderes, als was Raphael damit doch auch handgreiflich klar dargetan hat, daß nämlich nur der lehren und reden soll, der vom Herrn dazu im Geiste berufen ist. Ein solcher Lehrer wird seinen Jüngern die Lehre samt den erforderlichen Beweisen schon geben und sie dadurch zum Handeln bewegen, so wie mich des Engels Rede zum Handeln allerunfehlbarst bewegt hat. Aber so wir beide nun als Lehrer aufträten, da würden wir sicher sehr viel dummes Zeug zusammenreden, und käme so ein recht feiner und wohlgeschliffener Redner zu uns und finge an, so recht kräftige Gegenworte zu uns zu reden, so würde er uns am Ende verwirren, und wir tanzten vielleicht zuletzt gar nach seiner Pfeife noch! Handeln wir aber gut, so kann er dagegen mit allen Verstandesgründen der Welt nicht die geringste Einwendung und Entgegnung finden. Darum ist für viele das Handeln besser als das Lehren. - Bist du darüber etwa noch nicht völlig im klaren?«
06] Sagt Hebram: »O ja, jetzt wohl, und war es auch schon früher, und es ist gut also! Sonderbar aber ist doch der Mensch, - das merke ich an mir! Denke dir: Als wir denn doch oft genug so die Schrift durchlasen und studierten, wie durch und durch unbegreiflich erhaben und die größte und tiefste Ehrfurcht einflößend kamen uns da alle die wunderbaren Erzählungen, Begebnisse und hie und da vorkommenden Lehren vor! Den hie und da wirkend vorkommenden Geist Gottes getrauten wir uns aus der blindest höchsten Ehrfurcht am Ende ja gar nicht mehr auszusprechen! So wir von einem erschienenen Engel etwas lasen, - das durchrieselte uns Mark und Bein! Moses stand so groß da, daß sich vor seinem Namen nahe alle Berge zu neigen schienen!
07] Nun stehen wir hier vor demselben Gott, der auf Sinai Seine Gesetze gedonnert hat! Derselbe Engel, der den jungen Tobias geführt hat, geht unter uns umher wie ein ganz gewöhnlicher Mensch und lehret uns mit gar süßen Worten den Willen des Herrn näher erkennen! Dazu geschehen aber noch in einem fort Wunder über Wunder von der unerhörtesten Art und Weise, - und uns kommt nun alles das aber schon so ganz gewöhnlich vor, als wären wir schon von Kindheit an dabei aufgewachsen! Sage mir, worin denn das liegen mag!
08] Wir sollten nun vor lauter Verwunderung und Anbetung ja ganz ordentlich aus der Haut fahren, - sind aber statt dessen so schön stumpf wie ein altes, verrostetes Schwert eines alten Kriegers! Woran liegt das, was kann daran schulden? Wenn ich dessen gedenke, so könnte ich mir vor Ärger selbst den Kopf vom Leibe herabreißen!«
09] Sagt Risa: »Sei darum ruhig, Freund! Es wird das der Herr also haben wollen; denn stünden wir aus begreiflichen Gründen stets in der höchsten Gemütsaufregung, da würde uns sehr vieles entgehen, was hier geschieht und gesprochen wird. Der Herr aber versteht es, unsere Gemüter in den nüchternen Schranken festzuhalten, und wir können darum alles, was hier geschieht und vor uns geredet wird - wenn auch von einer noch so unbegreiflich erhabensten Art -, ganz kaltblütig anschauen und anhören und können es uns auch desto tiefer in die Seele einprägen. Wenn dies alles vorüber sein wird, dann wird sich's darüber in unseren Gemütern schon sicher auch auf die allerkolossalste Art zu regen anfangen! Oh, das wird nicht ausbleiben! Aber für jetzt ist es also sicher um vieles besser! - Bist du hierin etwa einer andern Meinung?«
10] Sagt Hebram: »Durchaus nicht, - deine Meinung ist da wieder eine ganz vollkommen richtige, und es wird ganz bestimmt also sein! Aber schlecht ist es gerade auch nicht, so man sich dessen selbst ermahnt, daß man sich bei dieser noch nie dagewesenen, heiligst außerordentlichen Gelegenheit gar leicht und viel zuwenig erbaut fühlt, während einen doch die gelesenen Außerordentlichkeiten aus der Vorzeit gar so tief ergriffen und oft hingerissen haben. Würde diese geistige Stumpfheit von uns allein abhängen, so müßte ich sie als eine große und äußerst grobe Lebenssünde ansehen; aber so nach deiner Meinung der Herr durch Seinen allmächtigen Willen in uns alles also bewirkt, so müssen wir Ihm dafür dankbar sein und alles, was Er spricht und tut, desto ernster und tiefer in uns erwägen und darüber sehr nachdenken, wie wir Sein Wort ins volle Werk setzen werden. Aber daß der Zinka ein gar so geistvoller Mann ist - und war und ist doch nur ein Oberdiener des Herodes! -, das ist mir ein Rätsel! Wo hat er denn seine überwiegende Weisheit geschöpft und sich die vielen Erfahrungen gesammelt?«
11] Sagt Risa: »Das weiß ich kaum; aber ein so großer Herr, wie Herodes einer ist, wird seinen Diener sicher zuvor aus und aus und durch und durch geprüft haben, bis er ihn zu einem ersten und obersten seiner Diener gemacht hat. Zudem war Zinka nach eigenem Geständnis ein besonderer Freund des Propheten Johannes und hat von ihm sicher so manches aufgefangen, was auch von großer Lebensbedeutung war, und es ist daher wenig Wunderbares daran, so er weiser ist denn unsereins. Er werde aber etwa noch über etwas eine Rede halten, auf die ich sehr gespannt bin. - Aber nun scheint der Herr eine Rede halten zu wollen, darum schweigen wir einmal; denn aus unserem Reden kommt ohnehin nicht viel Gescheites heraus!«


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