Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 40

Warum die Angeklagten nach Galiläa kamen.

01] Sagt darauf Julius: »Was da die Argheit des Tempels betrifft, so sind wir Römer davon schon so unterrichtet, daß ihr uns nichts Neues und Überraschendes mehr kundgeben könnet; und es wird darum die Zeit der Strafe nicht lange mehr auf sich warten lassen, dessen könnet ihr versichert sein.
02] Daß wir aber den Tempel noch nicht zur Rechenschaft gezogen haben, geschieht des dummen und noch sehr einfältigen Volkes wegen, das noch immer den Tempel für ein Heiligtum hält und sein Heil darin sucht. Würden wir nun den Tempel angreifen, so hätten wir jetzt noch mit geringer Ausnahme alles Volk wider uns; wenn aber sicher bald wenigstens die Mehrzahl des Volkes zur Kenntnis gelangt sein wird, wie eigentlich der Tempel beschaffen ist, dann werden wir eine ganz leichte Arbeit bekommen, dem Tempel einen vollsten Garaus zu machen. Zu dem Behufe wird eben die neue reinste Wahrheitslehre des großen Heilandes aus Nazareth ihr Entschiedenstes beitragen, so sie nur ein wenig unters Volk ausgestreut sein wird; denn diese Lehre ist so rein wie die Sonne am hellsten Mittage und wird da von jedermann leicht begriffen werden, wo ein guter Wille das Herz leitet. Natürlich, wo aber der Menschen Herzen schon in Grund und Boden verdorben sind, da wird diese Lehre auch nicht angenommen werden, so göttlich-rein sie auch ist! Aber da wird dann der Römer Schwert ein Gericht verkünden, wie die Welt noch keines in so ausgedehntem Maße erfahren hat; denn da wird Gottes Arm mit dem der Römer sein. - Das somit zu eurer Beruhigung!
03] Aber nun noch von etwas anderem! Ihr habt ehedem erwähnt, daß ihr euer Unwesen gegen Rom mehr im Mittage des Judenlandes getrieben habt und erst in jüngster Zeit hierher ins galiläische Gebiet gekommen seid. Ich frage euch demnach, welche Erfolge ihr mit euren Aufwiegelungen gegen Rom erreicht habt, und was euch bewogen hat, nach Galiläa herüberzugehen?«
04] Sagt Suetal: »Herr, in den Mittagslanden heben wir bloß gegessen und getrunken und getrauten uns kein Wort wider Rom loszulassen, da wir das meiste Volk sehr gut römisch gesinnt fanden! Wohl aber haben wir es nicht gespart, sehr bedeutende Funken über das lose Treiben des Tempels, wo es nur möglich war, auszustreuen; bei solch unserem vielmehr antitemplischen denn antirömischen Treiben aber haben wir uns erst vor kurzem in einem erztemplischen Flecken ziemlich stark verbrannt. Man fing leise nach uns zu fahnden an, und es blieb uns nichts übrig, als schnelle Beine zu machen.
05] Bei Nacht und Nebel zogen wir über Samaria und kamen nach etlichen Tagen übers Gebirge hierher in dies Land. Da kamen wir bald mit Leuten zusammen, die entweder aus einem wahren Grunde sich über den Druck der Römer eben nicht am besten äußerten, oder sie taten solches bloß, um uns kurzsichtige Tölpel aufs Eis zu führen; kurz, das zu unterscheiden ging etwas zu weit über unseren Erkenntnishorizont. Wir stimmten sonach leichtfertig in ihr Liedlein ein und ließen auch so manches propter formam (der Form wegen) fallen. Aber es währte die Geschichte keine drei Tage; wir wurden auf einmal von römischen Soldaten angehalten und festgenommen, und noch vier oder fünf von denen, in deren Lied wir eingestimmt hatten, mit uns. Und wie wir dort zusammengepackt wurden, also sind wir hierhergebracht worden. Und nun hast du alles, was du von uns nur immer haben kannst, und kannst nunmehr dein volles Urteil über uns fällen.«
06] Sagt Julius: »Es bleibt schon bei meinem Ersturteile, demzufolge ihr von mir als vollkommen straflos erklärt seid; aber es handelt sich nun um etwas ganz anderes, und das läßt sich ganz kurz in der Frage dartun: Was werdet ihr nun tun? In den Tempel könnet ihr unmöglich mehr zurück, nach Jerusalem zu euren Alten füglichermaßen wohl auch kaum mehr; dort dürfte es euch eben nicht am besten ergehen! - Was also habt ihr nun im Sinne zu tun?«
07] Sagt Suetal: »Herr, das ist ein sehr heißer Punkt! Gönne uns etwas Zeit, darüber reiflich nachzudenken!«
08] Mathael aber, der in ihrer Nähe steht, sagt zu Suetal: »Höre du mich, ich will dir da einen Rat geben, und so du ihn befolgst, wirst du nicht schlecht fahren!«
09] Spricht Suetal: »Bist du nicht einer von den fünfen, die mit uns hierhergebracht worden sind? (Mathael bejaht dies).
10] Wenn das, wie kannst du, als ein sicher nur zeitweilig böser Narr, uns in dieser äußerst schwierigen Angelegenheit einen vernünftigen Rat erteilen?! Denn ihr fünfe seid ja als böse und gefährliche Narren, respektive als Besessene hierhergebracht worden in schwersten Ketten! Wer hat euch geheilt? Denn du redest nun ganz klar und mußt geheilt worden sein! Auf dem Schiffe hast du nur gebrüllt, bald wie ein Stier, bald wie ein Löwe und bald wieder geheult wie ein Wolf; und wenn du mit der kreischendsten Stimme von der Welt Worte aussprachst, so bestanden sie in Lästerung, Fluch und Verwünschung! Kurz, du bist ganz derselbe, ob du nun auch einen Römerrock trägst, und mich kann es nicht genug wundernehmen, wie du nun zu solcher Klarheit gekommen bist; dich muß jemand aus dieser großen Gesellschaft geheilt haben samt deinen Gefährten! Aber wer? Wo ist solch ein Wunderheiland?
11] Aber halt! Nun fährt mir etwas durch die Seele! Der Herr, der uns verhörte, fragte uns über einen Heiland aus Nazareth; er wollte von uns erfahren, ob und was wir von diesem Manne irgend schon alles in Erfahrung gebracht hätten. Wir sagten so viel, als uns bekannt war vom Hörensagen.
12] Wir fragten darauf um Näheres über solch einen seltensten Menschen, aber es kam uns keine Antwort entgegen, wie wir sie gewünscht hätten; du selbst führst uns nun auf die Spur! Daß du samt deinen Gefährten geheilt worden bist, das unterliegt keinem Zweifel mehr; aber auch ebenso scheint es keinem Zweifel mehr zu unterliegen, daß eben der vom hohen Römerherrn so zufällig erwähnte Heiland aus Nazareth hier ist! Er muß hier sein; denn euch hätte sonst kein sterblicher Mensch auf dieser Erde geheilt! Sage es uns, ob unsere Frage einen Grund hat; dann erst wollen wir deinen Rat in bezug auf unser künftiges Sein vernehmen!«


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