Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 3, Kapitel 39

Suetals Rede über den Tempel und den Heiland von Nazareth.

01] Diese sehr triftige Gegenbeleuchtung des Julius machte die Verhörten stutzen, und Suetal wußte nun nicht, was er als etwas so recht Schlagendes darauf erwidern sollte. Nach einer Weile aber sagte er dennoch ganz ernstlich: »Du hast vollkommen recht, aber wir sind darum nicht minder in unserem vollsten Rechte! Siehe, wenn du einem Kinde schon von der Wiege an stets vorsagen wirst, daß zwei und abermals zwei Nüsse zusammen fünf Nüsse sind, so wird dir dies das Kind glauben und es dir nachsagen, und es wird am Ende schwer werden, den schon reif gewordenen Jüngling von solchem Wahne frei zu machen. Wer hatte uns bis zur Stunde das Gesetz Mosis also erklärt wie du nun? Was blieb demnach übrig, als das Gesetz also zu nehmen, wie es uns von der Wiege an erklärt worden ist?! Unsere Alten verstanden es selbst nie besser, und der ganze Tempel versteht es wahrscheinlich entweder auch nicht, oder er will es nicht verstehen. Woher hätten dann wir ein so richtiges Verständnis nehmen sollen? Zudem haben wir als angehende Templer den ganzen Moses auch nie zu Gesicht bekommen, weil solches nur den Ältesten und den Schriftgelehrten gestattet ist! Und nun sage du uns, von wo wir des Gesetzes richtige Erkenntnis hätten hernehmen sollen! Wer hätte es uns, dir gleich, richtig erklären sollen?«
02] Sagt darauf Julius: »Man sollte es aber mit allem Fug und Recht annehmen können, daß Menschen, die einmal Diener des Tempels im Priesterkleide sind, ihre Gotteslehre doch wenigstens so gut verstehen sollten wie ein Heide (Altgläubiger)! Mir ist jedes Volkes Gotteslehre stets von größter Wichtigkeit gewesen, weil man durch sie ein Volk in all seinem Tun und Lassen am ehesten vom Grunde aus kennenlernt; und so glaube ich denn mit einigem Rechte, daß jedem einzelnen Menschen eines Volkes vor allem daran gelegen sein müßte, die Gotteslehre seiner Väter so genau als nur immer möglich kennenzulernen, weil eben solch eine Gotteslehre denn doch einzig und allein die Richtschnur des gesellschaftlichen Untereinanderlebens sein kann! Zudem seid ihr keine Jünglinge mehr, sondern Männer, von denen es wohl zu erwarten wäre, daß sie - sage als Priester auch noch - ihre Gotteslehre wenigstens so gut wie ich, der ich ein Fremder bin, verstehen sollten! Was wird denn hernach in euren Schulen gelehrt?«
03] Sagt Suetal: »Man lernt darin lesen, schreiben und rechnen, endlich lernt man auch allerlei fremde Zungen und nun (dann) einen gewissen Auszug aus der großen Schrift, in dem vor allem stets auf das dringendste verlangt wird, alles das für vollkommen (als) von Gott kommend wahr anzunehmen, was der Tempel will und lehrt. Wenn aber also, so fragt es sich daneben sehr, woher wir dann eine tiefere Erkenntnis in unserer Gotteslehre nehmen sollten! Du hast es leicht; denn du bist ein Herr voll Macht und Gewalt von allen Seiten. Du kannst in eine Hauptsynagoge treten und nur begehren; jeder Oberste derselben wird dir in alles die vollste Einsicht zu nehmen ganz sicher gestatten, - und wehe ihm, so er dir etwas vorenthalten möchte! Er weiß es schon, daß du darauf alles werdest durchsuchen lassen, und wenn sich da etwas Verheimlichtes vorfände, was er darauf zu gewärtigen hätte! O sieh, das weiß so ein Synagogenoberster recht gut und wird dir deshalb alles zeigen und enthüllen, gleichwie sogar der Hohepriester zu Jerusalem das sogenannte Allerheiligste, in das er im Angesichte und nach dem Glauben des Volkes selbst nur zweimal treten darf, jeden Tag den hohen und mächtigen Fremden zeigen muß und sogar ums Geld auch anderen Fremden zeigt; es soll aber unsereins versuchen ein solches Begehren zu stellen, und das Teufelswasser ist darauf sicher bei der Hand!
04] Manche Tempeldiener, die sogenannten Geheimsten, wissen freilich darum, wie es im Allerheiligsten aussieht; aber sie sind erstens sehr gut bedienstet und zweitens für den geringsten Verrat mit hundert Todesstrafen bedroht, daher sie denn auch den Mund zu halten verstehen. Jetzt fragt es sich aber noch intensiver, von woher wir dann das wahre Licht in unserer höchst mystischen Gotteslehre nehmen sollten!
05] Wenn sich nur alles sicher also verhält, wie wir es dir nun zu unserer nötigen Entschuldigung kundgetan haben, so wirst du als Richter und Mensch über uns doch hoffentlich kein anderes als nur ein vollkommen gerechtes Urteil fällen können!
06] Worin unsere Gebrechen bestehen, weißt du sicher schon lange; welche Schuld wir aber daran tragen, kannst du aus dem wohl hoffentlich ganz klar entnehmen, was wir dir über uns ohne Furcht und Vorenthalt kundgetan haben! Ist dir aber etwas Weiteres und anderes über uns bekannt, so beschuldige uns, und wir werden dir ganz ohne alle Furcht Rede stehen; denn wer mutig zu sterben versteht, der versteht auch mutig zu reden!«
07] Sagt Julius gelassen: »Ich bin weit entfernt, in eure Rede irgendein noch weitergehendes Mißtrauen zu setzen, da ich wohl nur zu sehr überzeugt bin, daß es also zugeht im Tempel, wie ihr es nun ausgesagt habt, und spreche euch darum von jeder weiteren Schuld los; denn der da vom Dache fällt und durch seinen Fall ein unter dem Dache spielendes Kind schwer verletzt, kann nicht die entfernteste Schuld daran tragen, und ist in dieser Hinsicht unser Verhör zu Ende, und ihr seid in dieser Beziehung als ganz schuld- und straflos erklärt.
08] Aber es hat nun noch einen andern Haken! Darüber werde ich euch noch eine Frage stellen; von der Beantwortung dieser Frage wird es sehr abhängen, ob ich euch Freund oder Feind sein werde, - und so gebet denn acht!
09] Ihr werdet in dieser Zeit sicher irgend vernommen haben, daß sich bei Nazareth ein gewisser Jesus, eines dortigen Zimmermanns Sohn, als Heiland herumtreiben soll, und soll große, unerhörte Dinge als Taten vor jedermanns Augen vollführen und eine neue Gotteslehre unter das Volk ausstreuen! Habt ihr davon irgendeine Wissenschaft, so gebet sie mir offen kund, denn mir muß es sehr daran gelegen sein!«
10] Sagt Suetal: »Wir haben davon wohl auch so von weitem her etwas wispern hören, werden aber kaum den hundertsten Teil von dem wissen, was du allenfalls schon lange wissen dürftest. Fürs erste waren wir stets mehr in den Mittagsgegenden zur Erfüllung unseres schönen Auftrags beschäftigt und sind erst vor wenigen Tagen in diese galiläischen Gefilde gekommen und allda aber auch bald aufgegriffen worden, und können darum von deinem gewissen Heilande ganz entsetzlich wenig wissen. Aber daß sein Ruf sich sogar bis gen Damaskus und Babylon schon ausgebreitet hat, das ist ganz gewiß; was er aber sonst für ein Mensch ist, was er tut und wie er die Kranken heilt, von dem wissen wir noch keine Silbe und wären darum selbst im höchsten Grade begierig, davon etwas Näheres zu vernehmen! Ja, wenn es noch einen Gott irgendwo gibt, so kann er dem argen Treiben des Tempels ja doch länger nicht mehr zusehen und muß dem Volke einen Erlöser senden!
11] Wir sagen es dir, was der Mensch in seiner größten Verworfenheit, in seiner übersatanischen Phantasie sich nur immer ausdenken kann, das wird innerhalb der weiten Mauern des Tempels alles in tatsächliche Erfüllung gesetzt. Laster ohne Maß und Zahl werden da an der Menschheit begangen und das mit einer so gleichgültigen Frechheit, daß du dir davon gar keinen Begriff machen kannst! Die hohen Tempelherren scheinen die Menschen so hoch zu schätzen, wie man sonst einen müßigen Sperling schätzt. Ich will kein Wort sprechen von der allerleichtfertigsten Übertretung aller Gebote Gottes; aber es werden da neue Greuel erfunden und begangen, von denen einem guten Moses offenbar nie etwas träumen konnte, denn sonst hätte er auf derartige Greuel sicher einen hundertfachen Tod und eine zehnfache Hölle als Strafe gesetzt! Es ist aber des Heiles der Menschen wegen besser, daß wir davon kein Wort mehr verlieren!
12] Man würde der Menschheit sicher einen großen Dienst erweisen, so einmal in der Nacht der Tempel samt seinen Einwohnern auf einen Hieb könnte zerstört werden. Es ist der Menschheit darum ein Erlöser schon lange vonnöten; aber dieser solle die Menschheit, nicht etwa uns Juden von euch Römern - denn ihr gehöret ja auch zu unsern Erlösern -, sondern von der rein höllischen Drakoarchie (Drachenherrschaft) des Tempels befreien! Dann, Herr, wird die arme Menschheit hell aufjauchzen vor Freude, daß sie von ihrem ärgsten Feinde erlöst worden ist!
13] Freund, kann es wohl noch einen frecheren Gedanken geben als den, daß Gott der Allmächtige einem bösesten Wurme des Staubes alle Seine Macht über alle Menschen und über alle sonstige Kreatur also gegeben hätte, daß nun dieser Wurm nach seiner allerbösesten Willkür mit Gott Selbst, und mit allen Menschen und mit aller Kreatur seinen übersatanischen Mutwillen ungestraft treiben kann?! Nein, nein, Herr! Da gibt es entweder keinen Gott, oder Gott läßt solchen Teufeln wieder wie zu den Zeiten Noahs und Lots ihr Höllenmaß voll machen! O großer, heiliger Gott, wo bist Du, wo säumest Du? Wahrlich, was der Tempel nun treibt, das übersteigt alle menschlichen Begriffe! Äußerlich zeigt er freilich wohl noch dasselbe trost- und hilfehauchende Gesicht wie allenfalls zu Salomos Zeiten; aber inwendig ist er eine Hölle der Höllen geworden! Aber es ist besser, davon keine Silbe mehr weiter zu reden, und wir wollen darum schweigen und erwarten, von dir Näheres über den Heiland aus Nazareth zu vernehmen!«


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