Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 40


Bedingungen, um von Jesus voll geliebt und Gott gleich zu werden. Wie Brautschaft mit Jesus möglich ist. Bedeutung der Selbsterkenntnis.

01] Fragen Petrus und Nathanael: »Aber Herr, wir haben kein Fischzeug bei uns; wie wird das gehen? Sollen wir etwa vorauseilen und bei den Fischern am Meere ein Fischerzeug ausborgen?«
02] Sage Ich: »Daran hat es keine Not; aber eine andere Not hat es, und das ist euer Gedächtnis, das alle Augenblicke zu vergessen scheint, daß Ich der Herr bin, dem kein Ding unmöglich ist! Bleibet daher in der Gesellschaft, und erkläret beim Fischen dem alten Josa und dessen Familie die Kraft und Macht Gottes auch im Menschen!« - Auf diese Meine Worte ziehen sich beide zurück und denken darüber nach, wie sie so blind sein mochten, Mir mit solch einer höchst weltlichen Frage zu kommen. Selbst Josa bemerkt ihnen, daß er kaum begreife, wie sie Mich darum haben fragen können!
03] Sagt Nathanael: »Freund, wir beide sind gleich dir noch Menschen und als solche zu sehr an die weltlichen Verhältnisse gewöhnt, als daß aus uns nicht noch dann und wann etwas so recht Dummes zum Vorschein käme; aber für die Zukunft werden wir uns schon ganz besonders zusammennehmen! Wir waren ja von unserer Jugend auf Fischer, und so wir vom Fischen etwas vernehmen, so fallen wir leicht wieder ein wenig, des Geistigen vergessend, in unsere alten Besorgnisse zurück. Aber jetzt ist es schon wieder gut.«
04] Es kommt aber auch die Sarah zu Mir und bittet Mich, ob sie mitgehen dürfe.
05] Sage Ich: »Ganz natürlich; dir zuliebe veranstalte Ich ja diese Arbeit! Du bist ja gleichfort Meine Geliebte! Warum setztest du dich denn heute beim Morgenmahle nicht an Meine Seite?«
06] Sagt Sarah, vor Liebe ordentlich zitternd: »Herr, ich habe mich ja nicht getraut; denke, - die drei höchsten Gebieter Roms an Deiner Seite, und ich eine arme Magd! Wo hätte ich den Mut hernehmen sollen?«
07] Sage Ich: »Nun, nun, Mein Liebchen, Ich habe es dir nur zu gut angemerkt, daß du viel lieber bei Mir als überall anders gewesen wärest! Oh, Mir entgeht nichts, was da vorgehet in jemandes Herzen, und Ich habe dich darum aber auch gar so überaus lieb!
08] Aber sage Mir nun, du Meine allerliebste Sarah, wie dir die beiden Jünglinge gefallen? Möchtest du etwa den einen oder den andern nicht lieber haben denn Mich? Denn sieh, Ich bin denn der Gestalt nach doch nicht so schön wie die beiden!«
09] Sagt die Sarah: »Aber Herr, Du meine ewig alleinige Liebe, wie kannst denn Du mir so etwas ansinnen? Einen ganzen Himmel voll noch tausendmal schönerer Engel nähme ich nicht um ein Haar Deines Hauptes, geschweige einen der beiden für Dich als Ganzen, voll Liebe in meinem Herzen. Wenn sie auch schön sind, so frage ich: Wer gab ihnen denn solch ihre Schönheit? Das warst ja Du! Wie aber hättest Du ihnen solch eine Schönheit geben können, wenn sie zuvor nicht in Dir gewesen wäre!?
10] Ich sage es Dir: Du bist für mich alles in allem, und ich lasse nimmer von Dir, und wenn Du mir darum auch alle Himmel voll der herrlichsten Engel gäbest!«
11] Sage Ich: »So ist es recht, so habe Ich es am liebsten! Wer Mich liebt, der muß Mich ganz und über alles lieben, so er von Mir auch über alles geliebt werden will. Siehe, die beiden Engel sind sicher überaus schön; aber du bist Mir nun auch lieber als zahllose Scharen der reinsten Engel, und darum bleibe nun nur fest bei Mir! Ich sage es dir: Du bist aus vielen eine rechte Braut von Mir! - Verstehst du das?«
12] Sagt die Sarah: »Herr, das verstehe ich wohl nicht! Wie sollte ich Deine Braut sein? Kann ich Dir denn das werden, was meine Mutter meinem Vater ist? Du bist der Herr Himmels und der Erde, und ich bin nur ein Geschöpf von Dir; wie sollte das zugehen, daß das Niederste sich mit dem Allerhöchsten verbinden könnte?«
13] Sage Ich: »Siehe, das geht ganz leicht, und zwar aus dem ganz einfachen Grunde, weil das von dir vermeinte Niederste auch aus dem Allerhöchsten hervorgegangen ist - und sonach mit Allerhöchstes ist.
14] Ich bin ein Baum des Lebens, und du bist seine Frucht. Die Frucht ist dem Anscheine nach freilich kleiner und unbeständiger als der Baum; aber in ihrer Mitte ruht ein aus der Frucht genährter und gereifter Same, in dem Samen aber liegen wieder Bäume derselben Art, fähig, selbst dieselben Früchte zu tragen mit wieder lebendigem Samen, aus welch einem einzelnen sie hervorgegangen sind.
15] Aus dem aber kannst du denn auch ganz leicht entnehmen, daß der Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf in einer gewissen Hinsicht kein gar so großer ist, als du es dir vorstellst; denn das Geschöpf selbst ist in und für sich der Wille des Schöpfers, der sicher durchaus gut und würdevoll ist. Erkennt dieser vom Schöpfer ausgegangene und unter der Form des Schöpfers Selbst frei gestellte Wille sich in seinem frei gestellten Alleinsein als das, was er im Grunde des Grundes ist, und handelt danach, so ist er seinem Schöpfer gleich und ist in seinem kleinen Maße vollkommen das, was der Schöpfer in Seinem unendlichen Maße ist; erkennt aber der vom Schöpfer frei gestellte Teilwille sich nicht als das, was er ist, so hört er darum zwar dennoch nicht auf, das zu sein, was er ist, aber er kann so lange die höchste Bestimmung nicht erreichen, bis er sich nicht als das erkannt hat, was er im Grunde des Grundes ist.
16] Um aber solchen frei gestellten Willensteilen, die da »Menschen« heißen, die Mühe der Sichselbsterkennung leichter zu machen, hat der Schöpfer zu allen Zeiten Offenbarungen, Gesetze und Lehren aus den Himmeln herab den Menschen gegeben und ist nun sogar im Fleische Selbst zur Erde gekommen, um den Menschen bei der Arbeit der Sichselbsterkennung zu helfen und ihnen für die Folge mehr Licht zu geben, auf daß ihre Mühe eine leichtere würde, als sie bis jetzt war.
17] Nun wirst du wohl verstehen, wie sich Schöpfer und Geschöpf zueinander verhalten, und somit auch leicht einsehen, wie du, als Mir völlig ebenbürtig, gar leicht Meine Braut und Mein Weib sein kannst, für ewig gebunden durch deine große Liebe zu Mir! - Verstehst du nun das, was Ich dir nun enthüllt habe?«


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