Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 13


Szene zwischen Jairus und seinem Weibe nach der Erweckung Sarahs. Sarah wird Jüngerin Jesu.

01] Jairus deckt nun die Gruft zu und verschließt hinter uns wohl die Tür, durch die man zur Gruftkammer und endlich in die Gruft selbst gelangen konnte, und geht dann mit uns. Aber etwa bei siebzig Schritte außerhalb dieses Schul- und Bethauses befindet sich die kleine Wohnung des Aufsehers und Wächters, bei dem Jairus ehedem das Licht geholt hatte.
02] Da der zunehmende Mond den Abend etwas erleuchtete, so bemerkte der Wächter nur zu bald das Töchterchen des Jairus, das im weißen Schleppgewande an Meiner Seite ganz munter einherging. Voll Entsetzen fragte er den Jairus: »Was ist denn das?! Was seh ich?! Ist das nicht Sarah, euer verstorbenes Töchterchen?! - War sie denn auch diesmal scheintot?«
03] Sagt Jairus: »Sei es nun wie es wolle! Du hast hier nicht zu fragen, sondern über alles, was du hier siehst, völlig zu schweigen, ansonst du des Dienstes verlustig würdest! Das aber präge dir tief ein in dein Gemüt und denke, fasse und begreife, daß bei Gott alle Dinge gar leicht möglich sind! Aber es gehört dazu ein voller Glaube und ein lebendiges Vertrauen! - Hast du es verstanden?«
04] Sagt der Wächter: »Ja, höchstwürdiger Herr!«
05] Sagt darauf Jairus: »In Zukunft bleibe mir vor allem mit derlei ehrbezeigenden Ausdrücken vom Halse und rede mit mir wie mit deinem Bruder! Jetzt aber, da du keine Leiche mehr zu bewachen hast, eile nach Kapernaum und erzähle, was du nun gesehen, dort niemandem, auch meinem Weibe nicht! Sage aber, daß sie sich mit dir, so es möglich ist, alsogleich nach Nazareth und daselbst ins Haus Josephs begeben möchte; denn ich hätte gar wichtige Dinge mit ihr zu besprechen! Nehmet ein paar gute Maultiere, auf daß ihr schneller nach Nazareth ins Haus des Zimmermanns kommet!«
06] Der Wächter, der selbst im Besitze eines schnelltrabenden Esels ist, zäumt und sattelt eiligst das Tier, eilt damit nach Kapernaum und entrichtet dort dem Weibe des Jairus die aufgegebene Botschaft. Das traurige Weib erhebt sich schnell und folgt dem Boten. Die Esel laufen gut, und in knapp einer Stunde sind beide in Nazareth im Hause Meiner Leibesmutter Maria, die nun wieder ganz heiter ist, daß sie das alte Häuschen Josephs ihr eigen nennen darf. Als des Jairus Weib ins Zimmer tritt, in dem wir uns soeben bei einem recht guten Abendmahle befinden, das diesmal der Freund Borus bestellt hatte, ersieht sie alsbald ihre Sarah, die gar fröhlich und munter und dabei besten Aussehens an Meiner Seite einen guten, grätenlosen Fisch mit Salz, Öl und etwas Weinessig mit größtem Appetit verzehrt.
07] Das Weib traut seinen Augen kaum und sagt nach einer Weile, dem Jairus auf die Achsel klopfend: »Jairus, mein Gemahl, hier steht dein trauriges Weib, um das du gesandt hast deinen Boten mit dem Auftrage, als hättest du wichtige Dinge mit mir zu besprechen! Aber ich erschaue bereits die Wichtigkeit aller Wichtigkeiten! Sage mir, Mann! Träume ich nun, oder ist es Wirklichkeit? Ist das Mädchen, das bei Jesus sitzt und gar so gut aussieht, nicht das lebendigste Ebenbild unserer verstorbenen, allerliebsten Sarah? - O Jehova, warum denn hast du mir die Sarah genommen!?«
08] Sagt Jairus, selbst ganz ergriffen, zu seinem Weibe: »Sei getrost, du mein stets gleich geliebtes Weib! Dies Mädchen sieht nicht nur unserer allerliebsten Sarah auf ein Haar gleich, sondern sie ist es vollernstlich selbst! Der göttlichen Geistes vollste Herr Jesus hat sie nun zum zweiten Male erweckt, wie Er sie erst vor wenigen Wochen vom Tode erwecket hatte. Daß sie nun gar so gut aussieht, das macht Seine unbegreifliche, offenbarste Gotteskraft. Störe sie aber nun in ihrer Eßlust nicht; denn sie hat nun wohl schon lange gefastet!«
09] Sagt das Weib, sich vor Verwunderung und Freude kaum fassen könnend: »Sage mir nun, du weiser Meister in Israel, was du nun von diesem Jesus hältst! Mir kommt es immer mehr und mehr vor, daß Er denn doch, trotz Seiner niederen Geburt, dennoch der verheißene Messias ist!? Denn solche Taten hat noch nie irgendein Prophet, geschweige irgendein anderer Mensch, verrichtet!«
10] Sagt Jairus: »Ja, ja, es ist also! Aber es heißt die tiefste Verschwiegenheit beachten, indem Er es Selbst also haben will; denn wenn das zu sehr ruchbar würde, hätten wir alsbald ganz Jerusalem und Rom am Halse, und so Er nicht mit Seiner göttlichen Macht sich entgegensetzte, so sähe es für uns alle übel aus! Darum, Weib, sei verschwiegen wie eine Festungsmauer! Sarah wird aus dem Grunde, um den göttlichen Meister mit ihrer Erscheinung nicht zu verraten und in ihrer Gesundheit für bleibend fest zu werden, wenigstens ein volles Jahr unter der Aufsicht und Leitung entweder Seiner Selbst oder zum wenigsten Seiner lieben, überaus weisen Mutter Maria verbleiben, und wir werden sie nur abwechselnd von Zeit zu Zeit besuchen. Im Grunde des Grundes haben wir beide auch eben kein zu besonderes Recht mehr auf sie; denn nur ein miserables, krankheitsvolles Leben haben wir ihr durch unsere stumme Lust gegeben und wußten, als wir uns beschliefen, nicht, was aus unserem Akte wird. Es ward uns diese himmlische Sarah gegeben, die von Gott aus wohl mit der gesundesten Seele begabt ward, von uns aus aber mit einem schwachen, kranken Leibe! Zwei Male ist sie uns gestorben und wäre für uns auf dieser Erde für ewig verloren gewesen! Er aber gab ihr beide Male ein neues, gesundes Leben! - Es fragt sich hernach, wer nun mehr ihr Vater und ihre Mutter ist, - Er, oder wir beiden armen Sünder!«
11] Sagt Sarahs Mutter: »Ja, du bist weise, kennst das Gesetz und alle die Propheten; daher hast du in allen Dingen allzeit recht, mir aber ist es schon eine überhimmlische Seligkeit, daß sie wieder lebt und wir das Glück haben, sie nur dann und wann zu sehen und zu sprechen.«
12] Sagt Jairus: »Nun seien wir ruhig; denn das Mahl ist zu Ende, und vielleicht wird Er etwas sprechen!«
13] Ich aber berufe den Faustus und sage zu ihm: »Freund und Bruder, sehr leid ist es Mir, daß du heute nicht bei Mir übernachten kannst; aber dich erwarten große Geschäfte zu Hause, und so muß Ich dich für ein paar Tage entlassen. Aber nach ein paar Tagen komme wieder hierher! Sollte von Mir irgend die Rede sein, da weißt du, was du zu reden haben wirst!«
14] Sagt Faustus: »Herr, Du kennst mich besser denn ich mich selbst! Darum magst Du Dich wohl auf mich verlassen; denn ein schwaches Rohr ist ein geborener Römer nicht, daß die Winde mit ihm ihr loses Spiel trieben! Wenn ich ja sage, da bringt auch der Tod kein Nein aus mir heraus! Nun aber gehe ich; mein Maultier ist noch gesattelt und gezäumt, und in einer kleinen Stunde bin ich schon an Ort und Stelle. In Deinem Namen, o mein größter Freund Jesus, wird mein mich erwartendes Geschäft wohl sein gutes Ende finden. Deiner alleinigen Liebe, Weisheit und göttlichen Macht empfehle ich mich ganz!« Mit diesen Worten empfiehlt sich Faustus, schnell zur Türe hinausstürzend.
15] Darauf tritt Sarahs Mutter zu Mir und dankt Mir, mit tief zerknirschtem Herzen bekennend, wie sehr sie solch einer unerhörten Gnade unwürdig sei.
16] Ich aber vertröste sie und sage zur Sarah: Mein Töchterchen, siehe hier deine Mutter!«
17] Hier erst erhebt sich Sarah behende und begrüßt die Mutter überaus freundlich, bemerkt aber sogleich hinzu, daß sie nun bei Mir bleiben werde; denn sie liebe Mich zu sehr, um sich von Mir trennen zu können! Die Mutter wie auch der Oberste Jairus beloben darum das liebe Töchterchen sehr und ersuchen es aber doch auch zugleich, daß es ihrer nicht ganz und gar vergessen möchte! Und Sarah gibt beiden die treuherzigste Versicherung, daß sie sie nun mehr liebe als je früher. Damit waren denn auch beide über die Maßen zufrieden, wurden ruhig und liebkosten ihre Tochter.


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