Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 2, Kapitel 12


Grund des falschen Verhaltens von Jairus und des Todes von Sarah. Ihre zweite Erweckung durch Jesus vom Tode.

01] Darauf getraute sich keiner mehr zu fragen und zu bitten, und wir gingen zur Gruft hin, und Ich besah die schon sehr stark stinkende Leiche und fragte den Jairus, ob er nun wohl meine oder gar glaube, daß seine Tochter scheintot sei?
02] Sagt Jairus: »Herr, ich habe auch in meinem Herzen so etwas das erste Mal nicht geglaubt und wußte nur zu bestimmt, daß meine liebste Tochter Sarah vollkommen tot war. Ich war zu dem falschen Zeugnisse wider Dich bei den Haaren gezogen worden, und hätte ich nicht das arge Zeugnis unterzeichnet, so wärest Du noch um vieles ärger verfolgt worden, was ich im vollsten Ernste nie wollte! Da ich aber das falsche Zeugnis unterzeichnet hatte, so sah man in Dir nur mehr einen arbeitsscheuen Landstreicher, der hie und da wohl Leute gesund mache und sich einen Namen in Israel machen wolle als irgendein von Gott erweckter Prophet - oder gar den verheißenen Messias Selbst, den alle nunmalige, über alle Maßen gut und reich stehende Priesterschaft am meisten fürchtet, weil es geschrieben steht, daß, wenn der Hohepriester in der Ordnung Melchisedeks von Ewigkeit auf die Erde kommen werde, es dann mit allen andern Priestern ein volles Ende nehmen werde und der neue dann herrschen wird mit seinen Engeln über alle Geschlechter der Erde in Ewigkeit.
03] Ich sage es Dir: Die sämtlichen Oberpriester und alle Unterpriester fürchten weder das Feuer noch den großen Sturm, der vor der Höhle, darin der große Prophet Elias verborgen war, vorüberzog; aber das sanfte Wehen über der Höhle des großen Propheten fürchten sie, weil sie stets sagen, der Messias in der Ordnung Melchisedeks werde ganz stille kommen in der Nacht wie ein Dieb und werde ihnen nehmen alles, was sie sich bis jetzt erworben haben! - Darum will kein Priester die Ankunft des Gesalbten Gottes von Ewigkeit erleben, sondern so weit als möglich in die fernste Zukunft verschoben haben.
04] Weil aber die sämtliche, besonders alte Priesterschaft an Dir wegen Deiner außerordentlichen Taten und Lehren ungezweifelt so etwas erschaut, so bietet sie auch alles auf, Dich - so möglich - zu verderben! Sollte es nicht möglich sein, so Du vollwahr das wärest, für was sie Dich hält, so wird sie denn hernach für ihre böse Mühe in Sack und Asche Buße tun und mit großem Beben den allmächtigen Schlag erwarten, durch den sie von jeher alles zu verlieren fürchtet und allzeit gefürchtet hat, ansonst sie nicht beinahe alle Propheten gesteinigt hätte. Siehe, das ist der Grund, aus dem ich Dich lieber für einen Landstreicher erklärte als für Den, der Du sicher bist! Denn Menschen können ihre Toten nimmer ins Leben rufen; solches vermag nur der Geist Gottes, der nach meiner Ansicht in aller Fülle leibhaftig in Dir wohnet und wirket.«
05] Sage Ich: »Weil Ich geheim von dir das wohl wußte, aus welchem Grunde du so ganz eigentlich Mich verleugnet hast, so kam Ich denn auch in deiner großen Not wieder zu dir, um dir für eine lange Dauer zu helfen. Das ist aber auch der eigentliche Grund, warum Ich außer euch beiden niemand sonst mitnahm. Wenn es aber an der Zeit sein wird, dann auch sollen sie den Grund erfahren. - Nun aber sollst du Gottes Macht und Herrlichkeit sehen!«
06] Hier neigte Ich Mich in die Gruft, in der die junge Sarah in Leinen gewickelt lag, und sprach zu Jairus: »Siehe, es ist Nacht geworden, und das Lämpchen in der Gruft gibt einen höchst matten Schein! Gehe zum Wächter dieses Schul- und Bethauses und laß dir ein stärkeres Licht geben; denn wenn ihr das Leben wiedergegeben wird, muß sie natürlich sehen, um der Gruft zu entsteigen.«
07] Sagt Jairus: »O Herr, sollte das wohl möglich sein? Die Verwesung ist bei ihr schon stark eingetreten! Aber ich glaube, daß bei Gott alles möglich ist, und so werde ich sogleich mit einem stärkeren Lichte da sein!«
08] Jairus eilt nun um ein stärkeres Licht, das er aber nicht so bald bekommen kann, da dem Hauswächter das Feuer ausgegangen ist und er durch das starke Reiben der zum Feuermachen geeigneten zwei Hölzer eine geraume Zeit zu tun hatte, bis solche zu brennen begannen.
09] Ich aber erwecke sogleich, als Jairus zur Tür hinaus war, die Sarah und hebe sie aus der Gruft.
10] Die Erweckte fragt Mich, noch wie ein wenig schlaftrunken: »Um Jehovas willen! Wo bin ich denn nun? Was geschah mit mir? Ich befand mich erst in einem schönen Garten mit vielen Gespielinnen, und nun bin ich plötzlich in dieser finstern Kammer engen Raum versetzt worden!«
11] Sage Ich: »Sei heiter und ruhig, Sarah! Denn siehe, Ich, dein Jesus, der Ich dich noch vor etlichen Wochen kaum das erste Mal vom Tode zum Leben erweckte, habe dich nun auch wieder vom Tode erweckt und gab dir nun ein festes Leben! Es soll dich von nun an keine Krankheit mehr plagen, und wenn nach vielen Jahren deine Zeit kommen wird, werde Ich Selbst dich, aus den Himmeln kommend, abholen und Selbst dich führen in Mein Reich, das ewig kein Ende nehmen wird.«
12] Als Sarah Meine Stimme vernimmt, da erst lebt sie vollends auf und sagt mit der liebevollst freundlichsten Stimme von der Welt: O Du einziger Geliebter meines jungen Lebens und Herzens! Ich wußte es ja, daß der den Tod nicht zu fürchten hat, der Dich allein über alles liebt! Aus übermächtiger Liebe zu Dir, meinem ersten Lebensbringer, ward ich krank, weil ich von Dir nichts mehr erfahren konnte, wohin Du gekommen seiest; und so ich fragte mit dem heißest liebenden Herzen, wo Du seiest, da sagte man mir, um mich zu beruhigen durch die offenbarste Tötung meines Gemütes, Du seiest gefangengenommen und als ein Staatsverbrecher den scharfen Gerichten überantwortet worden! Das machte mein Herz in meiner Brust brechen; ich ward bald sehr krank und starb zum zweiten Male! - O wie endlos glücklich aber bin ich nun wieder, daß ich Dich, Du meine einzige und höchste Liebe, wieder habe!
13] Ich sagte ja auf dem Sterbebette: 'So mein einziger Jesus noch lebt, so wird Er mich nicht verwesen lassen in der kalten Gruft!' - Und siehe da, es ist geschehen, was mein Herz mir gesagt hat. Ich lebe vollauf wieder, und das in den Armen meines geliebtesten Jesus! Aber von nun an soll auch nichts mehr mich von Deiner göttlichen Seite zu trennen imstande sein! Als die geringste Deiner Mägde will ich Dir folgen, wohin Du ziehen magst.«
14] Während die Sarah noch also Mir ihr Herz entdecket, nähert sich endlich Jairus mit einem Harzlichte der Gruftkammer. Ich aber sage zu ihr: »Siehe, dein Vater Jairus kommt! Verbirg dich daher hinter dem Rücken des Faustus, damit er deiner nicht sogleich ansichtig wird, was seiner Gesundheit schaden würde! Wenn Ich dich aber rufen werde, dann tritt schnell hervor mit heiterem und fröhlichem Antlitze, und es wird ihm dann solcher Anblick nicht schaden!« - Sarah befolgt solchen Rat sogleich, und Jairus tritt im Momente in die Kammer, als Sarah sich hinter dem Rücken des Faustus recht wohl versteckt hatte.
15] Jairus entschuldigte sich, mit dem verlangten Lichte so lange ausgeblieben zu sein.
16] Ich aber sage: »Hat nichts zur Sache! Denn übers Mögliche hinaus kann niemand sündigen, und wer einmal tot ist, wird in einer schwachen Viertelstunde nicht toter, sondern eher lebendiger, wenn die Bedingungen zum Leben noch irgend vorhanden sind!«
17] Sagt Jairus: »Nun, Herr, wenn ein armer Sünder es auch wagen darf, Dich zu bitten, so wolle nun Deine Gnade nicht mir Unwürdigem, sondern der Dich sicher über alles liebenden Sarah erweisen!«
18] Sage Ich: »Aber eine Bedingung und einen Grund sage Ich dir darin, daß Ich sie nimmer erweckte für dich, sondern rein nur für Mich! Sie wird von nun an Mir - und nicht dir folgen; willst aber auch du Mir folgen von Zeit zu Zeit, da sollst du in der Nähe deiner Tochter sein!«
19] Sagt Jairus: »Es geschehe alles, was Du willst, wenn mein einziges Kind nur wieder ins Leben zurückgerufen werden könnte!«
20] Sage Ich: »Nun denn, so leuchte hinein in die offene Gruft!«
21] Jairus tritt seufzend hin zum Rande der Gruft und schauet und schauet - und sieht sonst nichts als die Leinen und die Kopftücher und Bindebänder auf einen Haufen zusammengedrückt. Als er die tote Tochter nimmer erschaut, wird er traurig und fragt Mich, sagend: »Herr, was ist denn da vor sich gegangen? Der Geruch ist wohl noch da, aber sonst nichts! Hat denn jemand die Leiche gestohlen? Warum nahm er denn nicht auch die Tücher und Bänder?«
22] Sage Ich: »Weil die nunmehr Lebendige dergleichen nicht mehr bedarf!«
23] Jairus schreit vor Entzückung, die plötzlich seinen Schmerz besiegt hatte: »Wie?! - Was?! - Wo ist denn die wieder lebende Sarah?«
24] Rufe Ich: »Sarah! - Tritt hervor!«
25] Plötzlich trat nun die wunderschöne Sarah hinter dem Rücken des Faustus hervor und sagte mit ganz gesunder und lauter Stimme: »Hier bin ich, vollauf lebendig und gesund! Aber nun nicht mehr dir, sondern allein Jesus, dem Herrn, angehörend! Denn die Liebe meines Herzens zu Jesu, dem Herrn über Leben und Tod, die man mir zur gröbsten Sünde zu machen sich alle Mühe gab, hat meinen schwachen Leib zum zweiten Male getötet! Aber eben diese mächtige Liebe hat ihm nun wieder das Leben gegeben! Und siehe, Vater Jairus, du heißest mich deine Tochter, da du mir doch nur einmal das Leben gegeben hast! Was ist nun Der zu mir, und ich zu Ihm, der mir volle zwei Male das Leben gegeben hat? Wir von euch beiden ist nun mehr mein rechter Vater?«
26] Sagt Jairus: »Du hast recht! Offenbar Der, der dir zwei Male das volle Leben wiedergegeben hat, und ich kann da nimmer deiner Liebe entgegentreten! Folge du von nun an vollkommen deinem Herzen, und ich werde dir samt deiner Liebe auch folgen von Zeit zu Zeit! Bist du damit zufrieden, die du mir alles warst auf dieser Erde und nun wieder nächst Jesu, dem Herrn, alles bist?«
27] Sagt Sarah: »Ja, Vater Jairus, damit hin ich vollauf zufrieden!«
28] Sage Ich: »Und Ich auch! Aber nun begeben wir uns in Mein Haus! Allda wartet ein gutes Abendmahl unser, und Meine Tochter Sarah muß nun vor allem eine gute Stärkung zu sich nehmen; denn ihr neubelebter Leib braucht nun recht wohl eine recht gute Nahrung. Daher gehen wir nun behende von hier!«


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