Gottfried Mayerhofer [11.01.1871]

Wort an einen Kranken, der seine Krankheit selbst verschuldete, und ein Gebet.

aus 'Heil-, Diät- und Lebenslehr-Winke', Sammlung neu-theosophischer Schriften, Nr. 48, S.050-052, 1895, Neu-Theosophischer Verlag (J. Busch Nachf.), Bietigheim



    GM.NT48.050,01] Nachdem du (der Schreiber des Herrn) Mich anflehst um ein Mittel, diesem Bruder eine Erleichterung in seinem Leiden zu bringen, so schreibe nun und sage ihm:
    GM.NT48.050,02] Ich weiß wohl, wo es ihm fehlt, und er weiß, warum es ihm fehlt, und so haben wir zwei uns keine Generalbeichte abzulegen. Da er aber schon seit längerer Zeit - mürbe gemacht durch seinen hilflosen Zustand - Mich um Hilfe bittet, so will Ich denn Gnade für Recht ergehen lassen, und ihm den Weg zeigen, wie er dieselbe von Mir erlagen kann, und was er für sich selbst vorerst tun soll, auf daß Mein Segen fruchten soll. So höre:
    GM.NT48.050,03] Bei seinem Übel ist die Tatlosigkeit der Bewegungsnerven das Haupthindernis. Um nun dieses zu beseitigen, so müssen die Nerven durch besseres Blut ernährt werden, und dazu gehört eine für ihn vielleicht starke, aber notwendige Verleugnung seiner Hauptgewohnheiten; denn Ich kann sein Blut nicht verbessern, wenn er jeden Augenblick zu dessen Vergiftung besonders durch Tabak und Kaffee beiträgt.
    GM.NT48.050,04] Als das Erste ist das Sprichwort: Hilf dir selbst und dann werde auch Ich dir helfen. Es müssen also obengenannte Gegenstände nebst allem Sauren, Gesalzenen und halbverwesten Speisen, wie Käse, Heringe, Schinken etc. vermieden werden. Sodann wirst du, unterstützt von Meinem Segen, ihm ein leinenes Tuch magnetisieren, welches in Form eines Kreuzes ihm auf den Rücken gebunden werden solle, und zwar so, daß genau nach dem Laufe des Rückenmarks der längere Teil sich ausdehnt und oben um den Hals gebunden, der querlaufende Teil um die Hüften am bloßen Leibe befestigt wird.
    GM.NT48.050,05] Durch dieses magnetische Band in Form eines Kreuzes werden die untätigen Nerven zu neuer Tätigkeit belebt, und mit strenger Einhaltung der vorgeschriebenen Lebensweise wird er sodann in kurzer Zeit eine kleine Erleichterung fühlen, d.h. er wird teilweise ein oder das andere Glied bewegen können. (Arme, Hände, Beine, Füße gelähmt infolge einer verschwenderischen und ausschweifenden Lebensart 'alla triestina', also seit Monaten gelähmt, heute nach wenigen Tagen konnte er sich schon ganz bewegen. d.H.)
    GM.NT48.050,06] Nachdem aber auch bei euren menschlichen Heilmitteln und Ärzten das Vertrauen der wichtigste Hebel zur Wirkung der gegebenen Arznei ist, so muß auch er in Mich, als ersten Arzt der Welt, sein ganzes Vertrauen setzen. Mit inbrünstigem Gebete muß er sein ganzes Schicksal in Meine Hände legen, und dann geduldig abwarten, was und wann Ich die gehoffte Linderung eintreten lassen werde.
    GM.NT48.050,07] Auch jetzt betet er, es ist aber nicht das rechte Gebet, wie Ich es will und es Mir angenehm ist. Es muß nicht mechanisch sein, es muß Mir als Geist entsprechend ein geistiges Gebet sein; nur dann dringt es bis zu Mir, es muß mit dem Herzen und nicht mit den Lippen vollführt werden. -
    GM.NT48.051,01] Um zu diesem Gebete aber den Weg zu finden, so soll er zuvor über sein ganzes Leben etwas nachdenken, soll da in der Vergangenheit sein eigenes Leben betrachten, wie er sich gegen Mich verhalten, wie er Meine Gnade geachtet oder mißachtet hat; wie er endlich nach so vielen Fehlern gegen Mich, gegen seine Seele, und endlich auch gegen seinen Körper, bis dorthin gekommen ist, wo er sich jetzt befindet.
    GM.NT48.051,02] Wenn ihn dann so eine recht herzliche Reue überkommt, wenn er klar einsieht, wie sehr und wie oft er gegen Mich gefehlt, wenn er dann klar begreifen wird, daß es noch hätte schlechter kommen können als Strafe für seine Fehler; dann flehe er zu Mir, bekenne vor Mir offen seine Schuld, bekenne wie wenig er diese Langmut seines Vaters verdient hat, Der ihm jetzt noch im vorgerückten Alter wieder die Hand bietet, um den längst verlorenen Sohn zu retten.
    GM.NT48.051,03] Wenn er so zerknirscht vor Mir dasteht, Meiner Gnade und Meiner Huld alles überlassend, dann werde Ich neues Leben erst in seine Seele, und durch diese in seinen Körper einfließen lassen; und mit seinem heiligen Versprechen, jetzt alle weltlichen Ideen fahren zu lassen, und nur sein geistiges Heil suchende, wird er dann bald fühlen, was es heißt, auf seinen himmlischen Vater vertrauen, Der ebenso, wie ein Vater auf eurer Erde, ein flehend Kind nie zurückweisen wird.
    GM.NT48.051,04] Hier liegt der Weg offen erklärt vor ihm; will er ihn wandeln, wird er die guten Folgen davon bald ersehen, ist seine Eigen- und Weltliebe stärker, so wird er in letzterem Falle sich selbst zuzuschreiben haben die Folgen, die daraus erwachsen werden.
    GM.NT48.051,05] Frei habe Ich den Menschen erschaffen und frei muß Ich ihn lassen. Er ist Herr seines Schicksals und kann wählen entweder den Weg nach oben oder den unten. Amen. -
    GM.NT48.051,06] Hier will ich ihm noch ein Gebet an Mich geben, wie er Mich anflehen soll, und nicht in geistlosen, angelernten und abgedroschenen, nichtsagengen Gebetsformeln. So schreibe also:
    GM.NT48.051,07] "Liebevollster Vater! Hier liege Ich schon jahrelang unbeweglich, mir und den Meinen zur Last; ein lebendiger Vorwurf meines eigenen, vergangenen Lebens. O Du allerliebster, gnädigster und huldvollster Vater und Herr, der Du mir so lange geduldig zugeschaut hast, wie ich leichtsinnig ohne Vorbedacht meine weltliche Existenz und meinen Körper so nach und nach ruinierte. Mit welchem Gewissen soll ich vor Dich hintreten, wenn ich bedenke, daß ich nicht nur allein mich, sondern auch meine Lebensgefährtin und die Kinder, dich ich in eitler Lust gezeugt, nun mit unglücklich gemacht und dem weltlichen Elend preisgegeben habe.
    GM.NT48.051,08] Du, o Vater, hast aber trotz allen diesen Fehlern mich doch nicht vergessen; und jetzt, wo ich keine Rettung mehr hoffte, jetzt sendest Du mir Hilfe, mir Unwürdigem! - Was vermag ich Dir denn dafür zu bieten? Ein mit Vorwürfen zerrissenes Herz, und ein mit Sünden beladenes Gewissen, das sind die Gaben, die ich vor Deinem Throne hinlegen kann; und doch nach solchen Opfern würdigest Du mich, mir Deine hilfreiche Hand zu reichen.
    GM.NT48.051,09] Ja, lasse sie mich fassen, diese so oft mir nahe gewesene und stets von mir verschähte Hand; lasse sie mich fassen und festhalten, auf daß sie mich herausziehe aus diesem Elende, in welches mich meine eigene Schuld warf.
    GM.NT48.052,01] Vater, als verlassenes, aber reuiges Kind rufe ich zu Dir, hilf und verzeihe mir! Mehr kann ich nicht erflehen; denn auch dieses verdiene ich nicht, aber Deine unbegrenzte Liebe und Gnade, die auch den Wurm im Staube nicht vergißt, erfüllt mich mit der heißen Hoffnung, daß Du auch mich, den verlorenen Sohn, in Deine Arme aufnehmen und meine bis jetzt ausgestandenen Leiden als eine kleine Abschlagssumme meiner Fehler ansehen wirst.
    GM.NT48.052,02] Du wollest mich Blinden führen und aus all meinen Fehlern und Verirrungen erst eigentlich die beste Stufenleiter zu Deinem Herzen erbauen. Wer kann solche Huld und solche Liebe würdigen? Ein Sterblicher nicht, sondern nur stille weinend kann sein eigenes verirrtes Ich Deinem väterlichen Rufe folgen! Amen."


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