Jakob Lorber: 'Schrifttexterklärungen'


32. Kapitel: »Jesus nun, der Seine Mutter sah und den Jünger dastehen, den Er lieb hatte, spricht zu Seiner Mutter: "Weib, siehe, dein Sohn!" Danach spricht Er zu dem Jünger: "Siehe, deine Mutter!" Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.« (Johannes.19,26-27)

   01] »Jesus nun, der Seine Mutter sah und den Jünger dastehen, den Er lieb hatte, spricht zu Seiner Mutter: »Weib, siehe, dein Sohn!« Danach spricht Er zu dem Jünger: »Siehe, deine Mutter!« Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.«
   02] Es ist bei euch auf der Welt ja auch üblich, so jemand seines Leibes Tod vor Augen sieht, daß er mit seinem Nachlasse irgendeine letzte Willensanordnung trifft, die bei euch unter dem Namen ,Testament' vorkommt. Also war es ja auch bei Mir notwendig der Fall, daß Ich mit Meinem Nachlasse eine letzte Willensanordnung treffen mußte. Maria, Meines Leibes Gebärerin, war ein solcher Nachlaß, und sie mußte doch für ihre noch übrigen Lebenstage auf der Erde eine nötigste Versorgung haben.
   03] Es dürfte freilich hier und da jemand fragen: »Hatte denn der Joseph gar nichts hinterlassen? Er selbst hatte ja Kinder, eigene und auch fremde, die er auferzogen hatte; konnten diese denn nicht auch sorgen für die Maria?«
   04] Darauf kann erwidert werden: Joseph hatte fürs erste nie ein völliges Eigentum besessen und konnte somit auch keines hinterlassen. Seine Kinder, sowohl die eigenen, als auch die aufgenommenen, befanden sich fürs zweite selbst in der größten Armut und sind Mir zumeist nachgefolgt: und darunter war eben auch Johannes selbst, der sich viel im Hause des Joseph aufhielt und gleichsam ebenfalls ein Züchtling (Zögling) dieses Hauses war. Denn sein Vater war noch dürftiger als Joseph selbst und gab daher seinen Sohn dahin, daß er erlernen möchte die Kunst Josephs. Er erlernte sie auch und war ein recht geschickter Zimmermann und Schreiner zugleich und wußte auch mit dem Drechseln umzugehen. Zudem hatte er die Maria, sowie Mich und das ganze Haus Josephs ungemein lieb, und Maria konnte keinen besseren und getreueren Händen anvertraut werden als eben diesem Sohne des Zebedäus.
   05] Sehet, das ist nun das ganz natürliche Testament, und das ist demnach auch der ganz naturgerechte Buchstabensinn dieser Meiner Worte vom Kreuze.
   06] Da aber diese Worte nicht nur allein der Mensch Jesus, sondern der Sohn Gottes oder die ewige Weisheit des Vaters geredet hat, so liegt hinter ihnen freilich noch ein ganz tiefer und allerhöchst göttlich geistig himmlischer Sinn, den ihr aber freilich je ebensowenig in seiner Volltiefe werdet zu erfassen imstande sein als so manchen andern Tatengrund des Gottmenschen!
   07] Ich kann euch daher nur Andeutungen aus dem Gebiete der Weisheit darüber geben. Forschet aber dann nicht zu viel darinnen; denn ihr wisset, daß sich Dinge der Weisheit nie so begreifen lassen wie Dinge, die aus der reinen Liebe hervorgehen, wie euch solches schon die Natur zeigt.
   08] Ihr könnet allda wohl die leuchtenden Dinge wie die glänzenden erfassen, sie hin und her legen und betrachten von allen Seiten; könnet ihr aber wohl auch solches tun mit den freien Lichtstrahlen, die den leuchtenden Körpern entströmen?
   09] Diese Strahlen führen die Abbilder von zahllosen Dingen unverfälscht mit sich, wovon euch die neuentdeckten Lichtbilder einen hinreichenden Beweis geben. Fraget euch aber selbst, ob ihr trotz alles Mühens mit euren Sinnen in den freien Strahlen solche Bilder entdecken möget! Sicher werdet ihr diese Frage verneinend beantworten müssen!
   10] Daher gilt auch der frühere Wink, daß ihr über gegebene Dinge aus der Weisheit nicht zu viele Spekulationen machen sollet; denn ihr werdet da noch weniger ausrichten als bei der allfälligen Beschauung der Gebilde in den freien Lichtstrahlen.
   11] Ihr könnet zwar optische Vorrichtungen machen, durch die der freie Strahl genötigt wird, sein getragenes Bild eurer Beschauung auszuliefeen; habt ihr aber auch eine optische Vorrichtung, durch welche die Bilder der Strahlen aus dem Urlichte in ihrer Tiefe abgeprägt werden können?
   12] Ja, ihr habt wohl eine solche geistig optische Vorrichtung in euch, - aber diese fängt erst dann an wirksam zu werden, wenn ihr des Weltlichtes völlig ledig werdet. Die Welt muß eher in die volle Finsternis übergeben, bevor das Licht des Geistes seine getragenen Bilder in euerm Geiste wohlbeschaulich abgibt. Eure eigenen Träume geben euch davon einen gültigen Beweis, und die Gesichte der Verzückten oder nach euerm Ausdrucke der Somnambulen liefern einen noch haltbareren und klareren Beweis.
   13] Diese Vorerinnerung war notwendig, und so können wir zu den betreffenden Andeutungen über diese Worte am Kreuze übergeben!
   14] »Weib, siehe deinen Sohn!« und: »Sohn, siehe deine Mutter!« heißt tiefer soviel als: »Du, Welt, siehe des Menschen Sohn, und du, Menschsohn, siehe an die Welt, und richte sie nicht, sondern erweise ihr Liebe!«
   15] Tiefer gesprochen: »Du, göttliche Weisheit! Neige dich hin zu deinem ewigen Urgrunde, und du, ewiger Urgrund, siehe an und nimm auf zur Einswerdung deinen ausstrahlenden Sohn!«
   16] Weiter: »Du Eine, die du einst das Allerheiligste trugst, siehe an den Tod deines Werkes, und Du Getöteter, so Du auferstehen wirst, gedenke der, die einst das Allerheiligste, das Licht der ewigen Liebe nämlich, trug!«
   17] Sehet, in diesen kurzen Andeutungen liegt die unendliche Tiefe, die kein geschaffenes Wesen je völlig erfassen wird, weil der Inhalt dieser Tiefe an und für sich schon unendlich ist und sich dazu noch in einem jeden Augenblicke verunendlichfältigt!
   18] So viel aber sagte Ich euch darüber darum, auf daß ihr daraus ersehen sollet, daß Derienige, der solches vom Kreuze herab geredet hatte, mehr war als nach der Meinung vieler ein bloß einfacher israelitischer Delinquent unter dem Scharfgerichte Roms, weil Er als ein Volksaufwiegler und Rebell gegen Rom angeklagt ward.
   19] Das ist demnach der tiefere geistige Sinn. Ihr aber bleibet für euch bei dem natürlichen Testamente! Denn auch ihr seid Meine Jünger, und die Armen der Welt sind Meine Mutter. Und so sage Ich auch zu dieser Mutter: »Siehe, deine Söhne!« Und zu euch sage Ich: »Sehet, eure Mutter!«
   20] Wahrlich, wenn ihr da tun werdet gleich dem Johannes, so sollet ihr auch seinen Lohn haben ewig! Amen.


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