Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 81. Kapitel: Die Berufung Horedons zur Kundgabe seiner Vision.

   01] Als der Rudomin nun alles dieses vernommen hatte und jedes Wort seinem Herzen tief eingeprägt, da dankte er in vollster Inbrunst seines Herzens dem hohen Abedam, beugte dann seinen großen Leib bis zur Erde und ging darauf nach dem Liebewinke Abedams sogleich an seine vorige Stelle zurück, aber auch nur rücklings, um den heiligen Vater ja nicht aus den Augen zu verlieren; denn es war während seiner Gesichtsdarstellung schon überaus finster geworden fürs erste durch die Späte des Abends und fürs zweite aber noch mehr durch eine plötzliche Umwölkung des Himmels, - was auf solchen Bergen etwas sehr Gewöhnliches war, daher es auch niemand also sehr beachtet hatte.
   02] Denn wenn da ringsum die Berge fleißig Feuer auswarfen, da war schon gar äußerst selten von einer heiteren Nacht die Rede.
   03] Und so war nun kein anderes natürliches Licht mehr vorhanden denn allein der matte Widerschein einiger in starker Ferne brennenden Berge.
   04] Als aber da dessenungeachtet der Abedam den Horedon zu Sich berief, und zwar mit diesen Worten: »Horedon, so deine Augen dir nun nicht viel mehr dienen mögen, so folge allein Meiner Stimme, und enthülle dich uns; denn in der Zukunft wirst du müssen der Stimme allzeit allein folgen, da du Mich noch gar oft in dir hören, aber auf der Erde nimmerdar sehen wirst fürder nach abgelaufener Zeit dieser Meiner jetzigen Gegenwart!", so verließ zwar der Horedon sogleich seinen Platz und begab sich hin zum Abedam, allein da dessen Stimme sich nicht fortwährend hören ließ, so irrte er eine Zeitlang unter den Vätern umher und konnte nicht an die Stelle gelangen, allwo sich der Abedam befand.
   05] Doch gar bald wieder ließ der Abedam, den Horedon rufend, Sich hören, und der eine ganz andere Richtung verfolgende Horedon wandte sich sogleich wieder um und erschrak nicht wenig darüber, daß er den Weg verfehlt hatte.
   06] Er ging nun hurtig darauf los, von wannen her er die Stimme vernommen hatte; allein da er bald hier, bald dort auf jemanden stieß und ihm offenbar ausweichen mußte, um vorwärts zu gelangen, so geschah es denn in solcher stockfinsteren Nacht ja wieder gar leicht, daß er da wieder die gerade Richtung verlor und somit wieder auf einen ganz andern Ort gelangte, als wo der hohe Abedam Sich befand. Und sonach rief ihn bald wieder der Abedam.
   07] Der Horedon aber meldete sich sogleich aus einem ganz entgegengesetzten Punkte und sagte weinend:
   08] »O Du heiliger, lieber Vater! Wenn Du nicht zu mir kommst in solch grober Nacht, da bin ich so gut wie ganz rein verloren; denn ich verliere ja stets die Richtung durch das Ausweichen und kann darum nicht zu Dir gelangen!«
   09] Und wieder rief der Abedam: »Horedon, hierher, hierher, da du doch hinter Mir siehst in jener Ferne dort einen feurigen Berg!«
   10] Und der Herodon ging sogleich wieder der Stimme nach; da er aber wieder nicht geradeaus gehen konnte, sondern wieder auswich bald dieser, bald einer anderen Gruppe, so nützte ihm das Hinschauen nach dem brennenden Berge auch nichts, und er kam somit wieder nicht zum Ziele.
   11] Als Sich aber der Abedam nun wieder meldete, sagend: »Horedon! Wie lange werde Ich noch deiner harren müssen?«, da ward der Horedon traurig und verwünschte die Nacht, sagend:
   12] »Verflucht sei diese Finsternis, darum daß sie mir hinderlich ist auf dem Wege zum heiligen Ziele und mir verhüllt Den, den mein Herz über alles liebend sucht, auf daß ich nur nicht zu Ihm gelangen kann!
   13] O Vater, lasse Licht werden, und lasse gnädigst entweichen diese Nacht, auf daß ich Dich erschaue und dann zu Dir eile, o Du heiliger, lieber Vater!
   14] Oder komme zu mir hierher, wo ich Deiner sehnsuchtsvollst und trauernd ob solcher böser Nacht nun ruhig harre; wie Dein heiliger Wille, also geschehe es auch!«
   15] Der Abedam aber sprach darauf zum Horedon: »Da du Mich schon durchaus nicht finden kannst, so sprich im Herzen in Meinem Namen: ,Du Berg dort an der Grenze, wo des Morgens Kinder wohnen, erbrenne und erleuchte diesen Platz!'
   16] Und so du vertraust und glaubst deinem Worte aus Mir, so wird da auch alsbald geschehen, wie du es wirst laut ausgesprochen haben in Meinem Namen! Amen.«
   17] Hier dankte der Horedon voll Liebefeuer in seinem Herzen dem Abedam und sprach alsbald mit großer Glaubensfestigkeit die vorgesagten Worte aus.
   18] Da erbebte alsbald gewaltigst der Erdboden, und unter einem unerhört allerheftigsten Knalle brachen sogleich die hellsten Flammen aus des Berges hohem Scheitel, und die Gegend weit umher ward mit Tageshelle übergossen.
   19] Der Horedon aber ersah sogleich den Abedam neben sich stehen, dankte Ihm in aller Liebe seines Herzens und sagte dann:
   20] »O Du heiliger, lieber Vater, wie endlos mächtig doch bist Du - und wie gut! Denn jetzt sehe ich es erst ein, daß Du durch dieses mein Umherirren mir die Mühe des Redens hast ersparen wollen!
   21] Denn wie es mir nun ergangen ist von Deinem ersten Rufe an mich bis jetzt, gerade also ging's zuvor ja in mir selbst zu!
   22] Und so ist ja alles auf das herrlichste kundgetan, was ich in mir geschaut, gehört, empfunden und getan habe!
   23] Dir, o heiliger Vater, alles Lob, alle Liebe, allen Dank und Preis dafür ewig! Amen.«


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