Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 67. Kapitel: Purhals Vision.

   01] Und sogleich nach diesen Worten berief der Abedam den Purhal zu Sich und fragte ihn den früheren gleich, sagend nämlich:
   02] »Purhal, siehe, nun ist die Reihe der großen Ordnung an dich gekommen! So gib denn auch du uns kund, was du in dir gesehen, empfunden und vernommen hast, - aber ohne Furcht und Scheu; denn wir sind ja nicht da versammelt, daß wir uns gegenseitig voreinander fürchten sollen, sondern allein nur lieben!
   03] Darum also sei ohne Furcht, und erzähle munter darauf los, was dir alles widerfahren ist in dieser kurzen Zeit deines Inneseins! Amen.«
   04] Also aber wurde der sonst etwas furchtsame Purhal ermutigt, daß ihn darob alsbald alle Furcht verließ und er in seinem Innern sich einer Kraft bewußt wurde, mittels welcher er mit allen Löwen, Tigern und Hyänen und Leviathanen es aufgenommen hätte, so - man ihn dazu beheißen hätte.
   05] Allein er wußte gar wohl, was er mit dieser neuen Kraft zu tun hatte, und so fing er denn auch alsbald an, alles getreu von sich zu geben, was er in sich gefunden, gesehen, empfunden und gar wohl vernommen hatte. - Also aber lauteten seine Worte:
   06] »O Du mein über alles, alles erhaben heiliger und der allerhöchst unendlichen Liebe vollster Vater! Du allmächtiger, ewiger, großer Gott; Du allgewaltigster Herr und allerweisester Meister in allen Dingen der großen Unendlichkeit!
   07] Siehe, bis her auf mich hat fast noch ein jeder meiner Vorgänger irgendeine demütige Entschuldigung hervorgebracht, der zufolge er sich nicht mochte zu reden getrauen von dem, was er in sich gesehen hatte, darum (weil) er wohl wußte - so gut wie ich und sicher jeder von uns -, daß vor Dir auch unsere geheimsten Gedanken also offenbar sind wie vor mir am hellsten Tage nicht einmal die Sonne selbst!
   08] Siehe sonach, Du heiligster, liebevollster Vater, ich will in dieser Hinsicht eine Ausnahme machen, will mir kein Blatt vor dem Munde halten und also reden, wie Du mir die Zunge hast wachsen lassen!
   09] Denn ich weiß es ja auch wie alle anderen, daß alles, was ich gesehen und gehört habe, lediglich nur ursächlich von Dir herrührt, und weiß es darum ja auch, daß Du ganz sicher Dein Werk durch und durch kennen wirst.
   10] Sollte aber darum ein Apfelbaum keine Früchte bringen, da Du ganz sicher, aber auch schon ich es bestimmt weiß, wie da seine Früchte aussehen werden?
   11] Ich denke, solches wäre doch eine Torheit zu verlangen oder gar zu glauben!
   12] Darum also will ich auch ohne Scheu und Furcht sogleich die Früchte von mir geben, welche Du, o heiligster, allerliebevollster Vater, so lebendig in mein sonst überarmseligstes Herz gelegt hast!
   13] Solches aber habe ich demnach gesehen, empfunden und gar wohl vernommen:
   14] Anfangs kletterte ich von einem Gedanken hin zum andern und dachte also hin und her und auf und ab: ,In dein Herz also sollst du schauen und wohl beachten, was alles sich darinnen vorfinden und zeigen wird?
   15] Gut wäre es, wenn es möglich wäre; aber wie, - das ist nun eine ganz andere Frage!'
   16] Doch dachte ich mir wieder: Geduld, nur Geduld; denn Der solches von dir verlangt, wird dir ja wohl auch den Weg entweder offenbar oder heimlich im Geiste zeigen, wenn es Sein heiliger Wille ist!
   17] Ist es aber Sein Wille nicht, so wird es aber doch sicher Sein Wille sein, daß du bleibest, wie du bist und schon von jeher warst: ein armer, blinder Tropf!'
   18] Aber mitten unter diesen meinen wenigsagenden Gedanken geschah auf einmal ein unaussprechlich starker Knall; und alsbald verging die Erde unter meinen Füßen, und ich schwebte im Zentrum einer ewigen Nacht, und sah nichts, auch nicht einmal den allerleisesten Gedanken von mir selbst, und hatte kaum so viel Fähigkeit, mir selbst zu sagen: ,Also sieht es sonach in meinem Herzen aus?
   19] O Du heiliger Vater, siehe barmherzig auf mich herab, und rufe mich wieder zurück; denn in dieser Nacht muß ich des Todes werden!'
   20] Aber ich hatte noch kaum diesen Gedanken beendet, da geschah ein zweiter mächtiger Knall, - und im Augenblicke sah ich nach allen Seiten hin aus allen unendlichen Tiefen große Flammen emporschlagen; und im hellen Lichte dieser Flammen gewahrte ich erst, daß diese frühere Nacht eine Nacht meines eigenen Herzens war und daß die auf den zweiten Knall erwachten Flammen nichts als meine eigene, bis dahin fest schlafende Liebe selbst waren.
   21] Aber jetzt knallte es noch einmal - und noch entsetzlicher denn die zwei früheren Male!
   22] Da erloschen die Flammen in ihrem Leuchten alsbald durch den Aufgang einer Sonne, ach einer Sonne, die sicher ewig nimmer ihresgleichen hat in der ganzen Unendlichkeit!
   23] Im Lichte dieser Sonne wurde alles wesenhaft. Die Flammen meiner Liebe wurden Wesen und sahen aus wie ich selbst, und ihrer Zahl schien kein Ende zu sein. Und alle diese Wesen bewegten sich zu mir hin und wurden völlig eins mit mir; in diesem Einen aber empfand ich eine solche Wonnelust, daß ich sie nun mit nichts zu vergleichen imstande wäre.
   24] Aber nicht lange dauerte dies Einen; denn gar bald war von allen den Wesen nur ich allein als ein Mensch da. Aber dafür vernahm ich nun viele Stimmen wie in mir, und diese Stimmen klangen so herrlich wie Morgengesänge froher Hirten; und diese Stimmen klangen auch wie ein Wort, das aber also lautete:
   25] ,Siehe, Ich bin alles in allem, und alles ist in Mir und alles aus Mir! Du aber bist Mein Ebenmaß; daher erkenne dich, wer du bist, und wer dein Vater, Gott und Schöpfer ist!'
   26] Nacht ward nach diesen Worten wieder in mir, und aus dieser Nacht kam ich bald wieder zur Erde hierher herauf oder herab.
   27] Das ist alles, was ich gesehen, empfunden und vernommen habe. Heiliger Vater, hier bringe ich es Dir zum Opfer dar; nimm es gnädigst auf, - Dein heiliger Wille! Amen.«


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