Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 64. Kapitel: Die Vision des Horidael. Die innere, belehrende Stimme im Menschen.

   01] Und alsbald nach dem Rufe Abedams trat der Horidael hervor und fing wie ein mutiger Löwe an zu reden; aber sein Mut war keineswegs etwa irgendeine Anmaßung, sondern allein die Liebe zu Mir gab ihm diesen Mut, also wie die Liebe einer Mutter ihre Brust also mit Mut erfüllt, daß sie ins Feuer ginge, so daselbst ihrem Kinde eine Lebensgefahr bevorstünde oder beinahe unvermeidlich wäre, - nur mit dem Unterschiede, daß solcher Mut der Mutter ein Trauer-, Wehe-, Angst- und Schreckmut ist, was da beim Horidael nicht der Fall war, da sein Mut nur von seiner innersten Freude herrührte, nahezu also, wie der Mut beschaffen ist eines vor lauter Siegesfreude taumelnden Feldherrn.
   02] Also von solchem Liebfreudemute belebt, fing der Horidael an zu reden, wie da nun folgt:
   03] »O Du heiliger, liebevollster Vater! Du hast auch mich armen Sünder gnädigst gerufen, darum ich hier kund geben soll, was ich gesehen habe und was vernommen.
   04] Ich weiß es aber gar wohl, daß da alles, was ich gesehen und vernommen habe, nur einzig und allein von Dir herrührt; sollte ich es Dir erzählen, Dir das kund geben, was Dir schon vor zahllosen Ewigkeiten unbegreiflich heller war denn die Sonne in der Mitte des reinsten Tages?
   05] Nein, nein, das hieße mit anderen Worten ja doch nichts anderes, als entweder einen Tropfen Wasser ins Meer tragen, um dasselbe zu vergrößern, oder am hellsten Tage eine Pech- und Wachsfackel anzünden, um der Sonne Licht zu unterstützen!
   06] Also Deinetwegen allein mein Gesicht zu erzählen, wäre - wenigstens, insoweit ich es erschaue - der größte Unsinn, den je ein Mensch begehen könnte, so er vor Dir sein Herz ausschütten möchte, als wüßtest Du kaum, was im selben verborgen ist.
   07] Denn da ist nur eins nötig im Geiste und aller Wahrheit, so man vor Dir steht, wie ich jetzt, und dieses eine ist, daß man sich auf die Brust schlage und sage:
   08] O Du mein großer Gott, Du mein heiliger, liebevollster Vater, sei mir armem Sünder gnädig und barmherzig!
   09] Denn alle Sünde, alle Flecken und Makel meines Herzens sind vor Dir wie der hellste Tag offenbar, und meine Gedanken kennest Du wohl, und alle meine Begierden hast Du gezählt vor Dir!
   10] Aber neben dem weiß ich auch, daß Du es willst, daß vor Dir jeder also wortleitig werden soll, als wüßtest Du im Ernste nichts von allem dem, was in jemandes Herzen entweder vorgeht oder vorgegangen ist, und soll überhaupt reden vor Dir als ein wahres Kind vor dem allein wahren, heiligen, liebevollsten Vater.
   11] So will denn auch ich in aller Liebfreude meines Herzens das ahnungsvolle und sicher nicht wenig wunderbare Gesicht losgeben, wie auch, was ich inmitten des Gesichtes vernommen habe; und also bitte ich denn allseitig um ein geneigtes Ohr!
   12] Ich vernahm anfangs wie harte Schläge an meine Brust; und so ich mich nicht irre, da dürften derselben wohl bei sieben gewesen sein. Diese Schläge taten mir zwar kein Wehe, aber dennoch wurde ich durch jeden bis in den innersten Grund meines Lebens erschüttert und war darum ängstlich gar sehr; denn ich wußte nicht, was da aus solchen Schlägen werden solle.
   13] Aber als mich beim letzten Schlage die Angst übermannte und mir darob für die Außenwelt alle meine Sinne den sonst gewöhnlichen Dienst versagten, da fing es an, lebendiger und lebendiger zu werden in meinem Herzen.
   14] Es kam mir anfangs vor, als hätten da angefangen zahllos viele Sterne gleich donnerstummen Blitzen plötzlich durcheinanderzuzucken, und das stets heftiger und vervielfältigter, so zwar, daß am Ende mein ganzes Herz in die blitzleuchtende Materie überging und dann also leuchtete in mir, als wenn man einen Blitz nötigen könnte, daß er bleibe und nicht wieder erlösche so schnell, als da ein Augenblick dauert.
   15] Dieses Licht fing danach aber an, mein Herz also gewaltigst auseinander zu treiben, daß es beinahe über alle sichtbaren Himmel hinaus seine Grenzen zu treiben anfing.
   16] Da es aber seine Grenzen also stets mehr und mehr unaufhaltsam fort und fort erweiterte, da fing nach und nach dieser nun unermeßliche Sternenblitzlichtknaul sich allmählich in einzelne Blitze und endlich in einzeln ruhig stehende Sterne aufzulösen, von denen jeder bei weitem heller leuchtete denn der Morgenstern, wenn er ist im schönsten Lichte an einem heitersten Frühjahrsmorgen.
   17] Da nun alles ruhig wurde und ich nicht mehr zu gewahren imstande war, ob sich mein Herz noch mehr erweitere, stille stehe oder sich wieder beenge, - da fand ich mich endlich selbst; und als ich mich aber fand, da fand ich mich als einen vollkommenen Menschen und dachte bei mir, mich selbst fragend: Wo bin ich denn jetzt?
   18] Und siehe, da zuckten alsbald drei der schönsten Sterne herab vom hohen Himmel meines Herzens, das sich ehedem also erweitert hatte, und diese drei Sterne waren drei vollkommen runde Kugeln und hatten gleich der Sonne ein überstarkes Licht!
   19] Da fragte ich mich wieder: Was soll denn das? Wo bin ich, - und was bin ich?
   20] Als ich aber solches noch kaum ausgedacht hatte, da erweiterte sich gleich jede dieser drei Kugeln so sehr und trat zurück in eine unermeßliche Tiefe, daß ich am Ende nichts sah denn diese drei endlos großen Kugeln vor mir.
   21] Die mittlere aber öffnete sich, nahm die zwei äußeren in sich auf und kam mir dann näher; in ihrer Nähe aber vernahm ich einen starken Donner, und dieser klang wie verständliche Worte, welche also lauteten:
   22] ,Du bist jetzt in dir geistig; was du siehst, ist alles in dir, und es ist nichts da, das sich da befände außer dir.
   23] Solches aber besagt das, daß du fürder die Zeichen des inneren Menschen sollst erforschen und dich nicht kümmern des äußeren Unrates der Dinge der Welt.
   24] Denn was in der Außenwelt tot ist gestaltet, das alles hast du zahllosfach lebendig in dir; daher strebe nach dem inneren Leben, da wirst du alles enthüllt finden, was je äußerlich dich berührte oder zuallermeist auch nicht berührte!
   25] Siehe, das ist die innere Welt Gottes, des ewigen, heiligen Vaters; in dieser kannst, sollst und wirst du ewig leben! Amen.'
   26] Nach diesen Worten wurde die nun so große Leuchtkugel wieder möglichst klein und verschwand bald mit all dem andern, und ich fand mich allhier auf der Erde wieder; und von all dem Geschauten blieb mir nichts denn allein eine lebendige Erinnerung zurück.
   27] O lieber, heiliger Vater, nimm diese sicher überaus unvollkommene Erzählung gnädigst auf, und wie ich es schon anfangs bemerkt habe, sei mir armem Sünder barmherzig; denn ich bin sicher kein reiner Sehel, sondern ein unreinster Horidael!
   28] O Vater, Dein heiliger Wille geschehe! Amen.«


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