Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 59. Kapitel: Vision des furchtsamen Sehels und seine Entsprechung hinsichtlich Noah und die Sündflut.

   01] Und nachdem somit der Vratah den Willen des Abedam erfüllt hatte, und der Abedam ihm darüber die höchst tröstende Erhellung des inneren Schaubildes gab und der Vratah dem Abedam aus dem allertiefsten Grunde seines Herzens darob gedankt hatte, da rief der Abedam sobald einen andern aus den zwölfen, der da Sehel hieß, beim Namen und fragte ihn mit abermals gleichlautenden Worten, sagend nämlich:
   02] »Sehel, sage auch du Mir, was du geschaut und vernommen hast in deinem Herzen!«
   03] Der Sehel aber ward wie vom Blitze getroffen, da er vernommen hatte, daß die Frage ihm zur Beantwortung gegeben ward, und konnte aus dem Grunde kein Wort über seine Lippen bringen, und das um so mehr, da er von Natur aus schon eine etwas hart beugsame Zunge hatte, - aber nicht etwa zufällig, wie es jetzt der Zeit gesagt und geglaubt wird auf eine allerüberblindeste, törichte Weise, sondern darum, damit durch seine harte Zunge Meinem Namen eine große Verherrlichung geschehen sollte.
   04] Da somit der arme Sehel trotz alles Wollens und trotz aller Anstrengung nichts von sich zu bringen vermochte und darum in ein gewaltiges Furcht- und Angstfieber fiel, da trat der Abedam hin zu ihm und sagte, ihn gleichsam fragend:
   05] »Sehel, wie kommt es denn, daß du doch mit deinen Brüdern ohne Furcht und solche Angst zu reden vermagst, die dich doch im Vergleiche mit Mir gar nicht lieben?
   06] Siehe, Meine Liebe zu dir und euch allen ist so groß, daß aus ihrem Feuer die endlosen Schöpfungsräume, erfüllt mit zahllosesten Sonnen- und Sonnengebieten, erbrennen; und doch sind alle diese Sonnen nur die aller kleinsten Fünkchen Meiner Liebe zu euch, und du getrauest dich aus lauter Furcht und übergroßer Angst Mir nicht die verlangte Antwort zu geben! Wie kommt denn das?
   07] Sage Mir im Herzen, ob dich schon je ein Bruder auf den Mund geschlagen hat, so du ihm auf eine Frage eine Antwort gabst!
   08] Siehe, du verneinst Mir solches in deinem Herzen!
   09] Da dich aber schon dein Bruder niemals schlug, der doch dir gleich ein schwacher Mensch ist, um wieviel weniger werde erst Ich dich schlagen, der Ich der allmächtige ewige Gott und dein wahrer, heiliger, liebevollster Vater Selbst bin!
   10] Daher bezähme deine eitel törichte Furcht und gänzlich leere Angst, und rede offenen Herzens vor Mir und all den Vätern!
   11] Aber sinne nicht zu lange nach den schicklichsten Worten, mit welchen du Mich anreden möchtest - denn daran habe Ich durchaus kein Wohlgefallen -, sondern wie es dir das Herz geben wird, also auch gib du es Mir wieder, und Ich werde ein rechtes Wohlgefallen haben an der reinen, wahren Rede deines Herzens! Amen.«
   12] Diese Worte aus dem allerheiligsten Munde Abedams ermutigten unseren Sehel so sehr, daß ihn nicht nur alsbald alle Angst und Furcht gänzlich verließ, sondern auch die sonstige beständige Schwere seiner Zunge; und also begann er von sich zu geben, was alles Wunderbares er in dieser bestimmten Zeit in sich erschaut hatte.
   13] Solches aber hat er geschaut in seinem Herzen, und also gab er es von sich, sagend nämlich: »O Du ewiger, lieber, heiliger Vater! Ja wahrhaft, wahrhaft, ich war ein übergroßer Tor; so klar und helle ist es noch vor meinen Augen und vor allen meinen Sinnen!
   14] O Vater, Deine unendliche Liebe, Güte, Erbarmung und Gnade - und meine übertörichte Furcht und Angst vor Dir! O vergib mir, Du lieber, heiliger Vater!
   15] Siehe, es war bei mir nicht nur Deine heilige, sichtbare Gegenwart, darum ich nicht zu reden vermochte, sondern auch das außerordentlich Wunderbare, das ich in mir geschaut habe, eine stark wirkende Ursache auf meine ohnehin schwere Zunge.
   16] Allein jetzt hat Dein allmächtiges Wort mich also völlig gestärkt, daß ich nun ganz ohne alle Furcht bin, darum ich nun zum ersten Male aus dem allertiefsten Grunde, wie nur ganz allein Du unser aller heiliger Vater bist, erfahren habe; und so will ich denn nun übergerne erzählen, was noch so wunderbar herrlich und fürchterlich vor meinen Sinnen schwebt und tönt! Also ist es aber:
   17] Anfangs gleich fing zu glühen an mein Herz so rot wie eine schöne Frühlingsrose, wenn des Morgenrots erste Strahlen sie begrüßen; aber dabei blieb es nicht, sondern die Röte wurde stärker und stärker, gerade also wie an einem schönsten Frühlingsmorgen gegen den vollen Aufgang der herrlichen Sonne.
   18] Und wie ich es unmöglich mir je hätte denken können, ging auch alsbald eine allerherrlichste Sonne in meinem eigenen Herzen auf und leuchtete über alle Maßen stark.
   19] Mein Herz selbst aber wurde so groß, daß ich im selben einen wie ganz neuen Himmel, geschmückt mit zahllosen neuen Sternen, die in den allerherrlichsten Gruppen am Tage leuchteten, erschaute, und dann, wie da eine neue herrliche Erde auftauchte, wie aus großen Wasserfluten herauf, und brachte ein friedliches Geschlecht in einem langen Hause, das da auf den Wogen stand, mit sich.
   20] Ja, solches alles sah ich in meinem eigenen Herzen, und sah noch mehr, wie da folgt.
   21] Und dieses friedliche Geschlecht stieg aus dem langen Hause und brachte Dir alsbald ein wohlduftend Opfer dar; der Rauch aber, der dem Opfer entstieg, sammelte sich in der Höhe und bildete bald einen überherrlichen großen Bogen über die weite, herrlich nun schimmernde Erde.
   22] Und vom Bogen her kam eine Stimme, völlig gleich der Deinigen; und die Stimme war gerichtet an den Vater dieses Geschlechtes und verhieß ihm den Frieden und zeigte ihm an, daß der Bogen besage als sichtbares' Zeichen, daß da die Erde nimmer solle von einer solchen Flut heimgesucht werden.
   23] Und die Stimme sprach noch manches mit dem Vater dieses Geschlechtes; allein mir waren die ferneren Worte ganz unverständlich.
   24] Auf dem Hause aber waren zu sehen seltene Zeichen, und der alte Mann ging hinzu und machte diese Zeichen nach auf eine rote steinerne Tafel; als er damit aber zu Ende war, da trat er zu seinen Kindern hin, zeigte ihnen die Tafel und sagte dann zu ihnen:
   25] ,Kinder, hier steht gezeichnet, wie es Gott gezeichnet hat auf dies schützende Haus: Sofort (hinfort) will Ich mit dem Menschen nicht mehr Krieg führen; dies war der letzte.
   26] Wer aber von euch Mir untreu wird, über den will Ich ein Gericht ergehen lassen bis zur großen Zeit aller Zeiten; darum sei Friede der Erde und ihren Bewohnern, die da sind und sein werden eines guten Herzens und im selben voll Treue zu Mir! Amen.'
   27] Siehe, solches habe ich gesehen und wohl vernommen; und weiter habe ich nichts gesehen und vernommen.
   28] O heiliger Vater, nimm es gnädig auf; Dein heiliger Wille! Amen.«
   29] Und der Abedam sagte darauf: »Sehel, du hast redlich gegeben, was du gefunden; jedoch die nähere Bedeutung dieses deines Gesichtes soll erst die Zeit, die arge, enthüllen!
   30] Ich möchte aber, daß dieser Krieg unterbliebe; aber nicht, wie Ich es möchte, sondern wie die Menschen es werden wollen, also auch wird es geschehen!
   31] Die Zeichen aber sollst auch du bald näher kennenlernen! Amen.«


Home  |    Inhaltsverzeichnis  |   Werke Lorbers