Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 35. Kapitel: Horeds stille Einkehr und Selbstbetrachung in der Grotte Adams.

   01] Nach dieser Rede Abedams aber fiel der Hored alsbald nieder auf sein Angesicht und bat inbrünstigst den Abedam, daß Er ihm sein Herz umgestalten möchte, da er sich nun zu ohnmächtig fühle und wohl einsehe, daß er aus sich gar nichts vermöge; daher möchte ihm der Abedam gnädig und barmherzig sein!
   02] Und der Abedam aber sagte zu ihm: »Tue, was Ich dir geboten habe, so wird dir geholfen; denn an der bezeichneten Stelle habe Ich für dich ein Heilmittel bereitet! Und also gehe und ergreife es behende, so dir da am Leben etwas gelegen ist und an Meiner Gnade, Liebe und Erbarmung! Amen.«
   03] Und alsbald erhob sich der Hored, dankte bebenden Herzens und begab sich darauf sogleich hin zu der von hier bei zweitausend gute Schritte abstehenden Grotte.
   04] Als er nun dort angekommen war, da betrachtete er eine Zeitlang die große Farbenpracht des Gesteins und fing an, darüber bei sich nachzudenken über die Ursache solcher Herrlichkeit; aber es wollte ihm nichts Befriedigendes einfallen.
   05] Endlich aber kam er doch auf einen guten Gedanken und sagte demzufolge bei sich selbst: »Wenn der Sonne starker Strahl sich bricht in dieses edlen Gesteins wohlgeformten, glatten und allenthalben endlos verschiedenfarbig durchsichtigen Flächen, so erbrennen freilich diese Farben wie lebendig in unaussprechlicher Pracht und Majestät aus ihm.
   06] Aber sind sie darum sein Eigentum? - O nimmer, nimmer! Wenn die Sonne sich senkt hinter das Gebirge, dann auch sinkt all deine große Pracht hinab in die tiefe Nacht!
   07] Welch ein Unterschied ist dann zwischen dir und dem allergemeinsten Sandsteine, über welchen sogar die Ameise hurtig hinwegtrippelt, um nicht von seiner großen Unfruchtbarkeit ausgesogen und endlich gar tot gemacht zu werden?!
   08] Wird sonach nicht alles nur durch das Licht verherrlicht? - Ja, ja, durch das Licht; aber, was ist dessenungeachtet die Pracht aller Dinge im Lichte? Eine Lüge, eine allerbarste Lüge!
   09] Abedam, wie er genannt wird von den Vätern, sagte mir zuvor ja etwas von einer halben Wahrheit; - - siehe, siehe, - mir fängt an, nun daraus ein sonderbares Licht aufzugehen! Ja, ja, es kann fürwahr im Ernste gar wohl eine halbe Wahrheit geben!
   10] Wer kann die Formenherrlichkeit der Dinge, wie zum Beispiel der Blumen, der edlen Steine, der Früchte, der Tiere und so auch der Menschen und des noch zahllos anderen, hinwegstreiten? Aber ihre Herrlichkeit ist nur eine halbe Herrlichkeit ohne das Licht!
   11] Was aber ist das herrliche Licht für sich, wenn seine Strahlen in die leere Unendlichkeit sich hinaus zerstreuen sollten, ohne irgend zu treffen eine Form und zu verherrlichen dieselbe?
   12] Oder ist die sichtbare Form des Lichtes an oder für sich etwas wahrhaft charakteristisch Schönes?
   13] Wer könnte die Sonne, den Mond, oder all die Sterne, oder ein Fackellicht für sich förmlich schön nennen? Das sind sie wahrlich nicht und es hat schon ein einfachstes Blümchen mehr für sich denn die ganze höchst einförmig runde scheinbare Scheibe der Sonne, des Mondes und die gar wenig sagenden Punkte der Sterne!
   14] Ja, ja, also überall nur eine halbe Wahrheit; die Form hat nur den halben Wert ohne Licht und das Licht den halben ohne Form!
   15] Also, also verhielte es sich dem nach auch mit dem Menschen, so sein Herz liebe- oder formleer dahin und daher sich wendet und wendet.
   16] Der Verstand läßt zwar gleich der Sonne seine Strahlen auslaufen; aber was nützt es der Leerheit? Da nichts ist, welche Wirkung des Strahls, wenn er auffällt auf die schale Fläche des Nichts?!
   17] Ja wahrlich, in meinem Herzen ist nichts; gar nichts ist darinnen, keine Liebe, keine Reue, keine Trauer, keine Freude, keine Lust, - auch sogar keine Begierde regt sich mehr in ihm.
   18] Habe ich etwa eine Lust zum Leben? O nein, mir ist das Leben wie dem Steine sein buntes Strahlen! - Habe ich etwa einen Hunger oder einen Durst? Auch da fühle ich keines von beiden!
   19] Ich soll meine Torheit bereuen; ja, welche denn? Darum (daß) mein Herz leer ist und das Licht des Verstandes kein nütze ist, da es von keiner Form aufgenommen wird in mir?
   20] Die Reue ist ja eine kümmerliche Tochter der Liebe; so aber die Mutter irgendwo noch im weiten Felde ist, woher soll ich die Tochter nehmen?
   21] Ich bin ein Tor, - so sagte zu mir der Abedam Jehova. Ich glaube es auch fest, daß ich einer bin; denn Er, die ewige Wahrheit, hat mir solches bezeugt, - also muß ich ja ein Tor sein!
   22] Aber warum bin ich denn ein Tor? Weil mein Herz form- oder liebeleer ist! Wenn es aber leer ist, woher soll es gefüllt werden?
   23] Vom Lichte sicher nicht; denn wo der Strahl nichts findet, da läuft er die Unendlichkeit durch und kehrt ewig nimmer zurück!
   24] Also, woher nehmen und sättigen das Nichts? - Doch - stille, stille! Was ist das? Was tönt da so übermächtig herrlich? O Gott, - Du großer, heiliger Jehova, jetzt lasse mich vergehen! Nein, nein; jetzt erst lasse mich leben!
   25] Ich vernehme Töne, Töne, ach heilige Töne! Sie sind keine Worte ich verstehe sie nicht; aber sie sind ohne Verstand herrlicher, ja unendlichmal herrlicher denn ein allverständlichstes Wort!
   26] O Gott, nun wird schon etwas klar! Nämlich, - daß ich ein großer Tor bin!
   27] Ist das Wort nicht des Schalles Form? Und doch ist hier der Schall allein herrlicher denn seine Form!
   28] Meine Weisheit ist nun zu Ende; diese Erscheinung hat alle meine Grundsätze zunichte gemacht.
   29] Herr, hier liegt der Sünder blank vor Dir im Staube und hat nichts mehr zu sagen als: O lieber Vater, sei auch mir armem Sünder gnädig und barmherzig! Dein heiliger Wille! Amen.«


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