Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 24. Kapitel: Henochs aus falscher Demut geborene Redefurcht. Gott ist nur als Mensch liebbar.

   01] Nachdem somit die etwas zuviel Neugierigen zufriedengestellt wurden und auch Ghemela sich wieder befand an der Seite Lamechs, wie die Purista in der Mitte ihrer vor großer Freude zitternden Alten, da berief der hohe Abedam alsbald den Henoch zu Sich und sagte zu ihm:
   02] »Höre, du, Mein geliebter, frömmster Henoch! Ich sehe eine Furcht in deinem Herzen, und ein dich ängstigender Schatten steigt schon längere Zeit um dein ewig unsterbliches Herz herum, gleichwie da bekriecht eine lose, brutzeitige Fliege einen gesunden, frischen Apfel am Baume und untersucht mit ihrem Stechrüssel, wo es ihr gelingen dürfte, die Schale der gesunden Frucht zu durchbohren, um einen argen Abkömmling ihres losen Geschlechtes in das Fleisch der Frucht zu schieben, damit er da zernage und möglichst zerstöre das Leben der Frucht.
   03] Siehe, zu was nütze sonach eine solche Frucht? Zu welchem Ende dem freien Herzen eine Angst?
   04] Du sollst von Mir eine Rede halten dem Volke als ein wahrer Hoherpriester Meiner Liebe, Erbarmung und Gnade.
   05] Siehe, solches war ja schon lange eher der fromme Wunsch Adams, ehe Ich Selbst wesentlich noch zu euch kam!
   06] Ich habe dich nun, wie vorher, lebendig bestätigt und habe dir gestern und heute davon gesagt, darum du ja keine Sorge tragen sollst, was du reden sollest, was du reden möchtest; denn Ich werde es dir im Augenblicke des Bedarfes treu geben, was du reden sollest, von Wort zu Wort. Und siehe, dessen ungeachtet fürchtest du dich!
   07] Siehst du aber nicht ein, wie läppisch eine solche Furcht ist?! Mich kannst du ja doch unmöglich mehr fürchten; denn du weißt es ja und hast es vorher aus Mir allzeit gewußt, daß Ich die allerhöchste Liebe Selbst bin.
   08] Nun weißt du aber auch, daß Ich vom Grunde des Herzens aus demütig, überaus sanftmütig, milde, langmütig und überaus geduldig bin!
   09] Was fürchtest du dann? Etwa deine Väter, deine Brüder oder deine Kinder? Siehe, das ist eitel von dir! Du lässest dich heimlich bedünken und sprichst bei dir: ,Wie werde ich bestehen, so ich etwa doch noch werde müssen die bedungene Volkssabbatsrede halten, und höre, das noch dazu in der allerknappesten Gegenwart des Herrn der Ewigkeit und allmächtigsten Schöpfers der Unendlichkeit, - in der allerleuchtendsten Gegenwart der allerhöchsten Weisheit des heiligsten, liebe-, gnade- und erbarmungsvollsten Vaters?!
   10] Wie wird sich mein armseliges Wort nun ausnehmen nach den heiligsten, allerwesenhaftesten, lebendigsten Worten, welche alle nun schon aus dem allerheiligsten Munde gleich einem endlosen Lichtstrome zu uns armseligsten Würmchen im Staube des Staubes geflossen sind?!'
   11] Siehe, sind nicht das deine eigenen Träumereien?! - Wozu aber taugen sie? Etwa zum Leben? - Siehe und verstehe: Um das Leben hast du dich doch sicher nicht mehr zu kümmern! Glaubst du etwa, solches sei Mir angenehm, so du schweigst und Ich rede an deiner Statt?
   12] Ich sage dir aber: Solche Demut behagt Mir nicht, so du vor Mir mutlos wirst und fürchtest dich vor Meinen Ohren und hast Angst vor Meinen Augen.
   13] Wohl aber habe Ich das größte Wohlgefallen an einem solchen Benehmen, das völlig gleicht der Verhaltungsweise der kleinen Kindlein, die da keine Angst und Furcht vor ihren Eltern haben, sondern sind allzeit voll guten Mutes und reden und schreien vor ihren Eltern darauf los, als wären sie die Herren im Hause; wenn es sie aber hungert und dürstet, da laufen sie doch in aller kindlichen Liebe und Ergebung zu den Eltern und bitten sie um Brot, und so sie das Brot empfangen aus den Händen der Eltern, danken sie den Eltern mehr durch den frohen, heiteren Genuß desselben als durch eine zu übertriebene Ehrfurcht und Angst vor ihnen und daneben mit einem viele Arme langen, wenigsagenden Wortdanke!
   14] Oder ist es nicht jedem Vater lieber und jeder Mutter ums unaussprechliche angenehmer, so die Kinderchen vor ihnen fröhlichen und heiteren Mutes genießen die dargereichte Gabe und sehen dabei gesund aus und frisch wie die Blümchen nach einem erquickenden Regen, als so die armen Kinderchen vor lauter Furcht, Angst und unermeßlicher Hochachtung zittern vor dem Angesichte ihrer Alten und, so ihnen diese noch liebevollst das Brot reichen, sie sich aber dennoch nicht getrauen, das Brot zu nehmen und noch weniger zu genießen aus lauter übertriebener Ehrfurcht vor den Eltern, und sehen dabei aus wie ein verwelktes Gras, das mit schwachen Wurzeln aus einer mageren Steinspalte hervorwuchs?!
   15] Siehe, ist solches nicht eine Torheit! - Darin aber besteht die Regel der Liebe und aller Weisheit aus ihr: Für den Begrenzten muß alles in den gerechten Schranken gehalten werden; denn das Unbegrenzte ist für den Begrenzten der Tod.
   16] Du kannst Mich nicht lieben als Gott, sondern nur als Mensch; denn welche endliche Brust möchte wohl ertragen den unendlichen Gott, welche das endlose Feuer der göttlichen Liebe, welcher endlich geschaffene Geist die endlose Fülle der göttlichen Weisheit?!
   17] Welches Kindlein kann wohl seine Mutter, wie es die Mutter liebt wieder lieben? Und könnte es das mit seiner geringen Kraft, was würde aber da wohl gar bald aus dem Kindlein werden?
   18] Und doch hätte da nur eine Beschränktheit mit der anderen zu tun; was soll aber erst dann daraus werden, wenn die Beschränktheit das Unendliche in jeder Hinsicht in sich aufnehmen möchte!
   19] Siehe, Henoch, darum ist eitel deine Furcht, und leer deine Angst! Wer Mich aus allen seinen ihm verliehenen Kräften liebt, der tut genug, denn er hat erfüllt das ihm zugeteilte Maß; dazu aber bedarf es weder der Furcht, noch der Angst.
   20] Ein Baum ist ein guter Baum, so er jährlich seine Äste füllt mit süßem Obste; welche Torheit aber wäre es, von diesem Baume zu verlangen, er solle die ganze Erde reichlichst mit seinen Früchten versehen!
   21] Daher sei du nur heiteren Mutes, und erfülle Meinen Willen, so werde Ich ganz vollkommen mit dir zufrieden sein!
   22] Trachte nicht, Mich endlos zufriedenstellen zu wollen - was selbst dem höchsten geschaffenen Geiste unmöglich ist -, sondern nach deinen Kräften endlich nur, damit das dir verliehene Maß voll werde; für das Unendliche aber lasse nur Mich, deinen guten Vater, sorgen!
   23] Die bedungene Rede aber gehört mit in dein Maß; daher richte dich nur mutig auf, und öffne vor all den Anwesenden deinen Mund in Meinem Namen. Amen.«


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