Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 11. Kapitel: Das Wesen der wahren Demut.

   01] Der Kisehel aber, als er solche Erhöhung vom Abedam vernommen hatte, sah den Abedam wehmütig an und wollte zu reden anfangen; allein der Abedam kam ihm zuvor und sagte zu ihm:
   02] »Kisehel, Ich habe es schon in deinem Herzen gelesen, was du Mir sagen und um was du Mich bitten möchtest!
   03] Du möchtest gerne der Geringste verbleiben; du möchtest nicht ein Führer der andern sein, sondern möchtest dich lieber von den andern führen lassen.
   04] Solches ist das Bestreben in dir, daß du lieber möchtest von den andern bestimmt werden, als daß du die andern bestimmen sollest; du möchtest viel lieber gehorchen, als den andern Verhaltungsregeln vorschreiben.
   05] Du möchtest lieber der Letzte als der Erste Meiner Knechte sein und möchtest gerne der Stärkste sein, um allen zu dienen, und möchtest aber doch auch wieder der Schwächste sein, um vor niemandem etwas voraus zu haben!
   06] Siehe, also erst lobe Ich dich ganz vollkommen; du bist Mir ein überwerter Mann geworden. - Das ist das Größte: Wer wahrhaft sein will der Letzte und der Geringste, der ist bei Mir der Größte; denn nichts als die wahre Demut macht euch wahrhaft groß vor Mir!
   07] Weil du aber also wahrhaft vom Grunde aus demütig bist, darum - weil du in allem vor deinen Brüdern und Kindern sogar möchtest aus großer Liebe zu Mir sein der Allergeringste und hast dadurch das herrliche Wort Sethlahems nicht verschmäht in deinem Herzen und hast es lebendig gemacht in dir durch die Tat vor Mir in deiner Liebe zu Mir, - siehe, darum auch bist du wahrhaft der Erste aus allen den Erwählten!
   08] Denn sie brauchen keinen Führer in der Weisheit, da sie damit alle hinreichend ausgestattet sind; sie brauchen keinen Führer in der Liebe, - denn sie alle kennen Mich und haben Herz genug, um Mich über alles zu lieben; sie brauchen keinen Führer in der Kraft, denn solche haben sie empfangen dir gleich; sie brauchen keinen Führer in der Macht, - denn Ich habe keinem einen geringeren Teil gegeben.
   09] Auch brauchen sie keinen Führer in der Gewalt, - denn jeder von euch hat den gerechten Anteil von Mir erhalten; und sie brauchen keinen Führer in Meiner Gnade, - denn ihr seid alle von Mir ja für einen und denselben Zweck erwählt worden.
   10] Aber sie brauchen einen Führer in der beständigen Demut! Denn alles kann jeder von Mir empfangen und kann sich nehmen aus Meinem unendlichen Vorrate, soviel er nur immer will: er kann lieben, soviel er mag und will; er kann sich nach seinem Wunsche also stärken durch den Glauben, daß es ihm ein leichtes wird, mit seinem Willen Berge zu versetzen; er kann seinen Willen selbst also mächtig machen, daß seinem Worte Tausende und abermals Tausende werden folgen müssen; er kann sich in der Bestimmtheit seiner Rede eine solche Gewalt zu eigen machen, daß ihm alles wird blindlings gehorchen müssen! Allein nicht also auch verhält es sich mit der Demut; diese ist jedes Menschen Eigentum.
   11] Diese kann und darf Ich niemandem geben, sondern - wie du es jetzt soeben von Mir Selbst erfährst nur lehren und begehren. Das ist der Acker, da Ich ernten will, da ich nicht säe und den eigentlichen Samen streue in das Erdreich - und doch ernten will!
   12] Die Demut ist das einzige, das ihr Mir geben könnet, ohne es eigentlich vorher von Mir empfangen zu haben.
   13] In der wahren Demut besteht die eigentliche, allerhöchste Freiheit des Lebens, daher auch die größte Vollkommenheit desselben. Durch die Demut könnet ihr sogar euch in Mir der unantastbaren Heiligkeit Meiner Gottheit nahen, - ja die wahre Demut ist des Menschen höchste Weisheit, die höchste Liebe, die höchste Kraft alles Lebens, die Macht und die höchste Gewalt, vor der die ganze Unendlichkeit ehrfurchtsvoll erbebt!
   14] Die Demut ist die innerste, allerhöchste Kraft, Macht und Gewalt in Mir Selbst. Alles, was da füllt die ganze Unendlichkeit, ist durch die Demut entstanden und ist aus ihr hervorgegangen.
   15] Begreifst du nun, Mein geliebter Kisehel, warum Ich dich zum Führer der übrigen berufen habe?
   16] Siehe, dieweil du wahrhaft von ganzem Herzen aus vollkommen demütig bist!
   17] Dieses aber ist auch dasjenige was allen deinen Miterwählten mehr oder weniger mangelt.
   18] Es kann aber alles heilige, von Mir Selbst euch Gegebene bei Ermangelung der gerechten Demut in Verderbliches statt Segnendes verkehrt werden, so diese höchste Kraft in euch nicht bei weitem vorherrschend ist vor allem andern.
   19] Bei dir aber ist sie der bedeutendst vorherrschende Zug nun deines Lebens; darum auch sollst du - und bei dieser Gelegenheit sage Ich dir sogar mußt du ihnen allen ein leitendes Vorbild sein und eine lebendige Regel, nach welcher sie sich zu richten haben, wollen sie Segen bringen der Erde alldort, da so übermächtig sie drückt der alte Fluch der hochmütigen und lügenhaften Schlange.
   20] Euch allen aber rate Ich, ja unverzüglich in die Fußstapfen des Kisehel zu treten, sonst möchtet ihr wohl statt des Segens, dahin ihr berufen seid, nur noch größeres Verderben bringen!
   21] Bedenket wohl diese Meine Worte, und tuet darnach, sonst werdet ihr fallen und das von euch gesegnet werden Sollende mit euch!
   22] Höret, und versteht es wohl! Amen.«


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