Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes' (Band 1)

Kapitelinhalt 86. Kapitel: Gedanken der Patriarchen über Asmahaels Rede.

   01] Nach der Vollendung der Rede Asmahaels trat eine ziemlich lange stillschweigende Pause unter die Väter; selbst Henoch hatte sich in eine lange Rechnung der Liebe verloren und dachte bei sich nach, ob es denn noch irgend möglich sein könnte, sich in der Liebe zu irren.
   02] »Denn, sagte er bei sich selbst »Asmahael hat nur zu sehr recht in allem, was er ausgesprochen! Doch die ergreifende Liebe, die mächtige Liebe, die das Herz mit süßer, unüberwindbarer Gewalt nach aufwärts zum ewigen, heiligen Vater zieht, so daß da kein Vollergriffener mehr umhin kann und mag, von ihr los zu werden, - sollte nein, nein, mir ist's nicht möglich, es zu fühlen und zu denken! -, sollte diese allmächtige Liebe nicht etwa ein ewiges Gesetz im Herrn Selbst sein, aus welchem, nach welchem und durch welches Er alles erschafft, ordnet und fortwährend erhält?!
   03] Und doch sagte gar so einleuchtend Asmahael, daß eben die Liebe die höchste Freiheit ist, wie in Gott, also auch in allen Seinen Kindern!
   04] Wahr und gewiß ist es übrigens auf jeden Fall, daß jedes Leben durch einen entsprechenden Grad der Freiheit bedingt ist, und daß diese Freiheit mit der Liebe stets gleichen Schritt hält; wo also die höchste Liebe waltet, ist auch das höchste Leben und somit auch die höchste Freiheit!
   05] Aber wie ist es hernach mit der Festsetzung der Ordnung, vermöge welcher jedes Wesen seine ihm gegebene Form beibehalten muß und sie nicht ändern kann nach freier Willkür? Der Schöpfer, unser heiliger Gott und Vater, hat es also eingerichtet - das ist und wird sein ewig wahr! -; aber sollte das, was bei den Wesen und Kindern die unabänderliche Form bedingt, bei dem Herrn nicht ein aus Sich Selbst gestelltes Gesetz sein, welches Er so lange bis auf den unendlich kleinsten Punkt beachten muß, als Seiner unendlichen Liebe die Wesen das bleiben sollen, als was Er sie aus Seiner ewigen Ordnung gestellt hat?
   06] Hier ist Gesetz! Wer kann es nun wieder leugnen und dagegen behaupten, als wäre es kein Gesetz, sondern die entbundenste, loseste Freiheit?!
   07] O Asmahael, Asmahael! Wer kann deine Rede fassen und leben?!
   08] O Väter, arme Väter, ihr habt mich zum Lehrer erwählt! Solange ich lieben konnte, konnte ich reden durch die unbegreifliche Gnade des Herrn; allein die Rede Asmahaels zeigte mir nun nur zu deutlich, daß ich meine Worte, die mir die ewige Liebe für mich und für die Väter einhauchte, noch nie auch nur im geringsten verstanden habe. Die freie, süße Liebe ist nun ein Doppelding geworden; sie ist die höchste Freiheit und zugleich aber auch das unabänderlichste, festeste Gesetz aller Gesetze, durch welches allem das Leben bedingt ist. In der Freiheit kann ich lieben und leben, - im Gesetz muß ich lieben oder sterben des ewigen Todes! Wie aber ist Freiheit, die vollste, loseste Freiheit, und anderseits das unabänderlichste Gesetz unter ein Dach zu bringen?!
   09] Wer kann mir nun überzeugend sagen, ob meine Liebe Freiheit oder Gesetz ist? Da ich liebe und lebe, ist sie Freiheit; da mich aber die Liebe zieht und mir unaussprechlich behagt, ist sie ein ewig richtendes Gesetz, durch welches ich, der lieben muß durch den unwiderstehlichen Reiz im Herzen zu Gott, tot, ja ewig tot bin und notwendig sein muß!
   10] O heiliger Vater, siehe, ich liege zugrunde gerichtet durch die Rede Asmahaels und kann mir nimmer helfen; so Du mir und den Vätern nicht hilfst und uns wieder aufrichtest, sind wir alle für ewig verloren!
   11] Nun sehe ich es erst ein, wie gar nichts der Mensch aus sich vermag; so Du, o heiliger Vater, ihn nicht beständig leitest, da hört er auf zu sein und ist, als wenn er nie gewesen wäre, voll ewiger Vernichtung! O Vater, lieber, heiliger Vater, errette uns von diesem Verderben, in welches uns alle die unmöglich zu fassende Rede Asmahaels gestürzt hat! Amen.«
   12] Seth aber, als sich sein größtes Erstaunen gelegt hatte über die Rede Asmahaels, erhob sich und fragte den Vater Adam, sagend: »Höre, geliebter Vater, Henochs Vorrede hat mir helle geleuchtet auf dem Wege so manchen Irrtums! Auf dem Wege schlief ich ein im Geiste. Du wecktest mich aus einem unnatürlichen Traume, und gar wohl bekam es mir, da du mich segnetest; aber was kann, was soll aus uns werden?
   13] Asmahael hat Worte ausgesprochen, deren Sinn ein natürlicher Mensch unmöglich je erfassen wird! Hat er ihn aber nicht völlig erfaßt, so ist er gleich einem Steine, der in sich voll Tod und Finsternis ist.
   14] Henoch getraue ich mich kaum zu fragen! Wenn es dir nicht geht wie mir und du Licht hast in dieser Rede, so teile es mir treulich mit, auf daß nicht Himmel und Erde ob meines großen Unverstandes zugrunde gehen, ehe wir noch unsere Heimat werden betreten haben! Amen.«
   15] Adam aber blickte den Seth ganz verdutzt an und wußte nicht, was er als Vater, seine Ehre rettend, dem Sohne hätte darüber sagen sollen. Nach einigem Sinnen erst brachte er es dahin, daß er ihm bedeutete, zu harren bis zu einer schicklicheren Zeit; denn für jetzt hätte er an anderes zu denken.
   16] Enos aber zupfte den Jared und sagte ihm ins Ohr, ohne daß sich darob beide erhoben hätten: »Höre, Jared, du bist ein weiser Lehrer deines Sohnes und hast ihm wohl gezeigt, Gott zu lieben im Herzen, daß die Liebe zu Gott gleichkommt der Liebe eines Menschen zu einem Menschen und heftiger sei denn des Mannes Liebe zu seinem Weibe und zu seinen Kindern. Siehe, er sieht nun unser aller große Verlegenheit; warum läßt er uns denn nun stecken?
   17] Mir kommt es geradeso vor, als wenn ihm der Asmahael vollends den Mut benommen hätte! Gehe hin zu ihm, und sage ihm, daß er uns jetzt nicht möge stecken lassen; denn nun ist es ja hauptsächlich nötig, uns, seine Väter, aus der größten aller Verlegenheiten zu heben durch seinen gesegneten Mund. Gehe, und bedeute ihm das, so du willst! Amen.«
   18] Jared aber kratzte sich hinter dem Ohre und bemerkte endlich: »Siehe, Vater Enos, wenn mich ein Strahl der Sonne sticht, da verlasse ich die Stelle und fliehe unter einen kühlenden Schatten! Mag nun der heftige Strahl ein Loch in die Erde brennen, wahrlich, es kümmert mich wenig; denn ich habe ja einen guten Schatten gefunden! Ich müßte aber von allen Sinnen sein, so ich meinen Schatten eher verlassen sollte, bevor die Sonne untergegangen ist!
   19] Daher lassen wir auch das die ausmachen und lassen sie über das ganze Firmament ein Zelt spannen, wenn sie die Sonne zu heiß dünkt; wird doch der Lehrer mit seinem Schüler zurechtkommen, so er ein rechter Lehrer ist. Und wird der Lehrling sein über seinen Meister?
   20] Wenn aber der Schüler Dinge spricht, welche das Herz des Lehrers nicht faßt, so ist es ja ungeschickt, daß man den zum Schüler macht, der den Meister und alle Väter an der inneren Weisheit so sehr übertrifft, daß diese darauf nicht einmal ein Wörtchen zu entgegnen wissen! Daher bleibe ich getrost unter meinem Schatten und begnüge mich mit den Lichtspritzern, welche durch die raschelnden Blätter blitzen, und lasse den der Sonne ins Angesicht starren, der eine ganz besondere Lust hat, vollends blind zu werden!
   21] Siehe, Vater Enos, daher will ich nicht, was du willst; denn meine Augen sind mir lieber als alles Verständnis in Dingen, die man eigentlich doch nie ganz verstehen kann, und ich sage daher unverrichteterdinge in aller Namen Amen.«
   22] Auch zwischen Kenan und Mahalaleel entspann sich ein leises Gespräch folgenden Inhalts:
   23] Mahalaleel: »Was meinst du, Kenan, werden wir heute wohl noch nach Hause kommen? Die Kinder des Abends liegen alle stumm wie die Steine auf der lieben Erde, und uns geht es nach der wirklich außerordentlichen Rede Asmahaels um kein Haar besser; selbst der liebe, gute Henoch kommt wenigstens mir vor, als wenn er sich in einer eben nicht gar zu geringen Verlegenheit befinden möchte!«
   24] Kenan: »Weißt du etwas, so rede; und weißt du nichts, so tue wie ich, der ich auch nichts weiß! So viel ist gewiß, daß der Asmahael mehr weiß als ich und du! Was nützt es aber auch den Tauben zu predigen und den Blinden zu zeigen?! Du kennst ja meinen Traum; der war gewiß wie nicht leichtlich einer! Ich habe ihn erzählt so gewissenhaft getreu, wie ich ihn geträumt habe. Seth und alle andern wußten mir am Ende geradesoviel zu sagen wie ich mir selbst, nämlich nichts! Da dachte ich dann: Vorher wußte ich nichts jetzt weiß ich auch nichts und werde auch fortan nichts wissen. Und siehe ich bin damit zufrieden!«
   25] Mahalaleel: »Wenn du als feiner Redner das von dir sagst, da doch deine Sprache ganz der des Asmahael gleicht, was soll hernach erst ich sagen der ich, wie du es am besten weißt, eine harte Zunge habe?! Aber meine Gleichgültigkeit fängt mich nun bei dieser allgemeinen Stummheit ein wenig zu verlassen an; denn wenn da nicht bald eine Lösung von oben kommt, Vater, ich sage dir, so werden wir hier im Abende sicher den Abend erleben und wahrscheinlich auch die Mitternacht, welche uns wenigstens geistig nicht gar zu ferne zu sein scheint!«
   26] Kenan: »Lassen wir die Sache gut sein! Sollte es hier wirklich zum Übernachten kommen, so wird deswegen die Erde nicht wurmstichig werden und der feste Boden nicht zu Wasser. Der Herr weiß es am besten, warum Er unseren geschäftigen Zungen einen kleinen Rasttag bereitet hat! Ich sage aber allzeit: Es ist besser handeln, als immer reden und lehren. Ich höre zwar sehr gerne schöne Reden und Lehren aber wahrhaftig wahr: auf dieser Reise geschieht des Guten zuviel; man kann's nicht mehr verdauen, und die Rede Asmahaels ist gar ein Stein, höre, der möchte noch einige Ruhe nötig haben bis zur Verdauung! Daher lassen wir es nur gut sein und schweigen! Amen.«


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