Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes' (Band 1)

Kapitelinhalt 68. Kapitel: Adams Rede an die Seinen und an die Kinder des Mittags.

   01] Als aber der Adam solches vernommen hatte, ward er über die Maßen froh und sprach: »O Kinder! Freuet euch alle mit mir; denn ich habe wahrlich das Wahrhafte des Paradieses gefunden! Neunhundert Jahre sind bereits verflossen in meiner Stummheit, in der ich nicht mehr verstanden habe das Geschlecht der Tiere; allein jetzt habe ich wohltuend wieder verstanden den scharfen Sinn des Tieres, und des freue ich mich über die Maßen!
   02] O Henoch, du Glücklicher, du Unsterblicher! Groß ist dein Licht und groß die Liebe in dir! Dem Herrn sei ewig Lob, Dank, Preis und Ruhm dafür, daß Er uns durch dich eine so große Barmherzigkeit erwiesen hat!
   03] Was wären wir alle ohne sie? Nichts als halbverständig bewegliche Maschinen, die am Ende ihr eigener Wahn verzehrt hätte, und der Herr der Natur wäre ein armseliger Mückensklave geworden, der beim Anblicke eines Laubfrosches, von großer Furcht getrieben, geflohen wäre wie ein Lamm beim Anblick eines reißenden Wolfes, da er nicht wüßte, was diesem oder jenem innewohnt, und am allerwenigsten, daß seine eigene Seele eine letzte und voll gebildete, unsterbliche Seele ist, ja eine Seele, in der alle Seelen der Kreaturen vereinigt sind! Und da er das unmöglich erfahren könnte als Dreivierteltoter aus sich, wie hätte er dann erst begriffen sein inneres Leben, seine Liebe, seinen Geist und die rein göttliche Abkunft desselben?!
   04] O Henoch, o Kinder! Des Tigers wundersam vernehmlich starkes Wort wird euch voll erschüttert haben und noch mehr die beschuldeten Kinder dieser Mittagsgegend; allein mich hat es erfreut. Denn einst stand ich nicht nur diesem Geschlechte vor, sondern aller Kreatur vom Größten bis zum Kleinsten wie vom Stärksten bis zum Schwächsten; ja, es standen alle Elemente unter meinem Worte, und Sonne, Mond und Sterne waren nicht stumm für mein Wort und Begehren!
   05] Doch es liegt wenig daran, daß ich solches nicht mehr vermag, und ich möchte auch nie mehr darüber trauern oder den Herrn bitten darum, daß Er mir solches alles wieder geben möchte; aber es liegt alles daran, daß wir recht verstehen möchten, den Herrn über alles zu lieben. Denn darinnen ist alles Leben verborgen, - wie in der früheren Macht und Wunderfähigkeit alle Versuchung und mit ihr der Fall.
   06] Ein Herr sein, heißt groß, weise und mächtig sein; wenn es aber dem demütig sein sollenden Menschen zuteil wird, ein Herr zu sein, wahrlich, dem wird die Demut sauer zu stehen kommen! Hat aber der Mensch seine Herrschaft vor dem Herrn niedergelegt und hat dafür die Liebe erwählt und sich dadurch kleinst gemacht vor dem Herrn, hört, da wird dem Kleinen die Demut leicht werden!
   07] Oder was soll der noch geben dem Herrn, der durch seine Demut und Liebe sich zum Eigentume des Herrn gemacht hat?! Sind wir aber nur einmal dem Herrn in der Liebe zu eigen geworden, was bedarf es da noch mehr einer Herrschaft?!
   08] Gehet denn nicht ohnehin die Stärke des Herrn über alles?! Sind wir aber der Liebe des Herrn, so werden wir wohl auch der Macht und Stärke des Herrn sein! Und so wird der Schwächste im Herrn stärker sein in allem denn der Stärkste aus sich, und würden ihm auch alle Elemente untertan sein!
   09] Was half mir solche Macht von Gott dereinst? Ahbels (Abels) Schwäche im Herrn hat alle meine Macht aufgewogen! O Herr! Siehe, nun bitte ich Dich nicht mehr um Macht und Stärke, sondern um Schwäche bitte ich Dich, auf daß ich Dich in der demütigsten Vernichtung meines Selbst über alles zu lieben vermöchte; denn habe ich nur Dich erfaßt im Herzen, o Herr, dann ist mir die ganze Welt und alle ihre Macht und Stärke gleich einem verdunsteten Tautropfen, der war und nun nicht mehr ist.
   10] O Kinder Sehet, das ist es, darum mich heiter gemacht hat das Wort des Tieres; nicht darum, als daß ich dächte, der Herr hätte mir meine frühere Macht und Weltherrlichkeit wieder verliehen, o nein, sondern, daß ich in meiner demütigen Schwäche ein neues Eigentum der Liebe des Herrn geworden bin! Denn meine Schwäche zagte, zu berühren die Zunge des Tieres; aber das mächtige Wort des Herrn stärkte meines Fingers Spitze, und dieser löste dem Tiere die Zunge, zu sprechen Worte der Weisheit. O Kinder, das ist unendlichmal mehr, als zu verstehen die Natur aller Schöpfung; menschlich nur ist das erste, aber rein göttlich das zweite, und es ist nichts damit zu vergleichen!
   11] Und nun hört, Kinder! Zum Schlusse sei noch ein Wort an euch gerichtet. Damit der weisen Mahnung des Tieres Genüge werde, so lasset all die Kinder uns nähertreten und zuerst vernehmen ein Wort von mir, dann eines von Seth und endlich eines von Henoch; dann aber sollen Enos und Kenan ihnen den morgigen Tag verkünden, und sobald heute die Sonne sich gen Abend neigen wird, sollen sie von aller Arbeit ruhen.
   12] Bevor wir aber diese Gegend verlassen werden, soll auch Asmahael über diese Gegend von seinem Träger herab einiges sagen im Vergleiche zur Tiefe, damit den Kindern ein lebendiges Zeugnis ihrer Torheit gegeben wird; dann eine kleine Stärkung, darauf Segen und Abgang! Amen.«
   13] Und alsobald nahte sich Henoch der Schar, ermutigte sie, und sie, die Kinder des Mittags, traten hinzu und erwarteten unter großer Furcht und großem Zittern, was da über sie kommen möchte.
   14] Als nun allesamt eine ordentliche, altersrangmäßige Stellung eingenommen hatten, da erhob sich Adam vor ihrem Angesichte und begann folgende denkwürdige Rede an sie zu richten, sagend nämlich:
   15] »Kinder, die ihr bewohnet die Gegend, darüber, von meiner Wohnung besehen, die Sonne über die Mitte des Tages steht, saget oder bezeuget es mir, dem Stammvater der Stammväter, ob ihr wohl verstanden habt das Wort, das da war ein ungeheucheltes Wort aus dem Munde der unverdorbenen Natur der sonst sprachlosen Tiere!«
   16] Und die Kinder bejahten es und bekannten ihre Schuld unter gewaltigen Tränen der Reue. Und Adam fuhr fort zu reden, sagend:
   17] »Wohl euch, daß ihr bereuet euren Frevel; denn der Herr nimmt es ernst mit Seinem Volke! Und ihr möchtet füglich gerichtet worden sein, und eure Schultern wären mit Unheil belastet worden, so euch das nicht gereut hätte, wovon euch eben dieses Tier abgehalten hat.
   18] Meinet ihr, euer Ungehorsam hat darob aufgehört, ein Ungehorsam zu sein und eure Sünde eine Sünde, dieweil ihr zurückgekehrt seid? Mitnichten, sage ich; denn nicht Furcht vor dem Herrn, noch weniger die Liebe zu Ihm hielt euch ab, zu vollziehen euer frevelhaftes Vorhaben, - nein, sondern die Furcht vor der Stärke dieses wider euch zeugenden Tieres!
   19] Und so wurdet ihr gerichtet vom Herrn durch dieses Tier zu eurer großen Schande; denn der Herr hat euch eure Herrlichkeit genommen und erfüllte dafür euer Herz mit großer Angst und Furcht vor dem, das euch fliehen sollte, des Herren ihr sein solltet!
   20] O sehet, zu welchen Sklaven euch euer Ungehorsam gemacht hat!
   21] Wahrlich, hättet ihr eure Freveltat nicht wohl bereut, dieses Tier wäre euch ein grausamer Richter geworden!
   22] Aber es ist nicht hinreichend, daß ihr eure Tat bereuet ob der großen Schande, mit welcher euch der Herr geschlagen hat, oder daß ihr eure Tat bereuet, weil euch der Herr entzogen hat einen großen Teil Seiner Gnade und euch gestellt hat an die Grenzmark Seiner Erbarmung, oder weil der Herr dieses Tier, euren Richter, euch gestellt hat zu einem Zeugen und es nun vollends wunderbar erweckt hat zu einem Redner wider euch, sondern: So ihr eure Tat oder euer Vorhaben wahrhaft bereuen wollt, so danket mit freudigem Herzen dem Herrn, daß Er euch noch behalten hat im Gerichte, und weinet darüber, daß ihr nur einen Augenblick Seiner so unendlichen, überheiligen Vaterliebe habt vergessen können, da euch doch täglich die Sonne vom hohen Himmel laut zuruft: ,Kinder, euer guter, heiliger Vater hat mich für euch geschaffen; erkennt Seine große Liebe!' - und der Mond euch zuruft: ,Kinder, hört, euretwegen schuf mich euer liebevollster, guter, heiliger Vater zum treuen Wächter und steten Begleiter der Erde, auf daß ich beständig euch ein Zeuge sei Seiner unendlichen Liebe!' Und all die Sterne rufen euch zu: O Kinder, unsere Zahl ist groß und hat kein Ende; wir sind zumeist Sonnen ferner Welten, die da alle entsprechen eurem Wesen teilweise, für jedes Atom einzeln, wie in der Vervielfältigung derselben bis ins Unendliche! Sehet für euch sind wir gemacht, für euch die ganze Unendlichkeit! O sehet und erkennet, wie mächtig, groß, liebevoll, gut und heilig euer Vater ist!'
   23] Und die ganze Erde ruft euch zu: ,O Kinder, höret, ich und alles, was ich trage, ist für euch! Wie eine zärtliche Mutter muß ich euch tragen durch endlose Räume, euch täglich an meinen stets offenen Brüsten saugen lassen muß mich wenden und drehen, auf daß euch Tag und Nacht werde, damit ihr, wie Kinder spielend, nach eurer Beschäftigung eine Ruhe habt! O Kinder wer vermöchte sie zu zählen, die zahllosen Arbeiten, die ich in und außer mir euretwegen verrichten muß! Sehet, alles dieses hat euer guter, heiliger Vater aus übergroßer Liebe zu euch also angeordnet!
   24] O Kinder, fraget das Wasser, es wird euch dasselbe sagen; fraget die Täler, die Berge, - sie werden euch dasselbe sagen; fraget all das Gras, die Pflanzen, die Gesträuche, die Bäume, fraget die Tiere alle, - ihr werdet von überall ein und dieselbe Rede vernehmen; ja, jeder Tautropfen wird es euch laut verkünden und jedes Sonnenstäubchen zulispeln, daß Gott Jehova und Herr unser aller guter, liebevollster, heiliger Vater ist und uns gesetzt hat zur völligen Ausbildung unter lauter liebevolle, wohltuende Wunder Seines Vaterherzens, damit wir uns in der Liebe zu Ihm so befähigen sollen, stets größere und größere Wohltaten und Seligkeiten zu empfangen und endlich die unaussprechlichste selbst: das ewige Leben in Seinem Schoße!
   25] O Kinder, sehet, sehet, wie unser heiliger Vater ist; und wie konntet ihr auch nur einen Augenblick Seiner vergessen, und das noch dazu einer so nichtigen Sache halber!
   26] Und nun, so ihr euern Ungehorsam wahrhaft bereuen wollt, da ist es, darin suchet und erkennet den wahren Grund eurer Reue; denn alles andere ist eitel und unnütz!
   27] Wir alle sind der ewigen Liebe entsprossen und sind darob Kinder ein und desselben heiligen Vaters, der da wohnt in Seiner ewigen Glorie und Heiligkeit unendlich und in Seiner Liebe bei uns und wir bei ihm. Daher muß uns auch alles an Seiner Liebe gelegen sein. Denn nur in und durch die Liebe sind wir Seine Kinder; nur durch die Liebe können wir Ihn als Gott und Herrn würdig preisen; durch die Liebe können wir Ihn erkennen; in der Liebe können wir uns Ihm nähern und so nur, durch und in der Liebe, leben und das ewige Leben finden und erhalten.
   28] Gott in Seiner Heiligkeit ist unzugänglich, in Seiner Weisheit unerforschlich, in Seiner Gnade unermeßlich, in Seiner Macht über alles fürchterlich, in Seiner Stärke ewig unüberwindlich. Sein Licht ist ein Licht alles Lichtes und Sein Feuer ein Feuer alles Feuers. Und so ist Er in allem diesem ein unantastbarer, uns auch ganz fremder Gott, der uns nicht will und uns ewigdar von Sich stößt; aber eben dieser Gott ist auch die aller höchste Liebe Selbst. Diese Liebe sänftet Sein Göttliches so sehr, daß Er uns will; und so wir Ihn lieben, so ergießt Er Sich dann aus allem Seinem Göttlichen durch die Liebe zu uns, macht uns zu Kindern und gibt Sich uns dann als der beste, allerliebevollste, heilige Vater in allem, was wir nur ansehen mögen, zu erkennen, mehr und mehr zu lieben, zu genießen und endlich im freien, ewigen Leben selbst als solcher vollends zu erschauen.
   29] Daher bedenket wohl, Kinder, wer und was Gott ist, - und wer und was unser heiligster Vater ist, und handelt danach getreu! Amen.«


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