Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes' (Band 1)

Kapitelinhalt 60. Kapitel: Henochs gerechte Verschwiegenheit.

   01] Und siehe, nachdem Seth solches geredet hatte, erhob sich Adam und sprach: »Das Wort des Henoch war ein hartes Wort, und das Wort Seths aber war ein weiches Wort!
   02] Ist es aber, daß ihr beide gerecht gesprochen habt, nur der eine hoch, hart und unverständlich, der andere aber sanft und wohlverständlich, so ist von mir aus keiner beschuldigt; aber das ist es: Man gebe den Kindern keine Kost, wofür ihnen die Zähne noch nicht gewachsen sind! Und so ist, Henoch, für diesmal deine Kost zu hart; daher wird es wohl an dir sein, die gereichte Kost so zu erweichen, daß wir sie mit Nutzen werden verzehren können! Amen.«
   03] Nach dem aber erhob sich abermals der Henoch und fing an, folgende sehr denkwürdige Rede an alle zu richten, sagend nämlich:
   04] »O liebe, wohlachtbare Väter! Was der Vater Seth so wohlmeinend unter mein Angesicht sittlich und voll Würde gesprochen hat, ist ja wahr, gerecht und billig und zeigt klar und deutlich, das des Menschen ist wieder zum Menschen; denn es ist also auch der Wille von oben, und es hat demnach jeder das Recht der Liebe, dem andern in menschlichen Dingen beizuspringen, und das um so mehr zur Zeit der Not und des Verlangens, und da wäre der kaum wert, ein Mensch zu sein, den nur irgendein eitler Grund davon abhielte, zu tun und zu reden, was der Pflicht und Liebe Rechtens ist.
   05] Jedoch, o liebe und wohlachtbare Väter, saget oder fraget euch selbst, was in dem Falle zu tun sein dürfte, so mir der Erzvater Adam gegen irgendeine Anfrage der Kinder, um nicht selbst reden zu müssen, eine kurze, harte und tiefbestimmte Antwort an selbe gegeben hätte, die Kinder aber hätten die Antwort nicht verstanden und ich als der Überbringer auch nicht von mir aus bis auf den Grund, sondern nur so viel, als es der Erzvater mir erläutert hätte, unter der Bedingung des Verbotes zwar, einstweilen von der Erläuterung nichts zu melden, damit die Herzen der Kinder in der Sphäre ihres Denkens nicht allzu träge, sondern geweckter und geweckter werden möchten. So dann aber die Kinder ob der etwas dunklen Antwort über mich herfielen und mich nötigten, verständlicher und klarer zu reden, - o Väter, urteilet selbst: Wessen Verlangen steht hier höher, das des Erzvaters - oder das der unzeitig wißbegierigen Kinder?
   06] O Väter, ihr könnt nicht umhin, mir hierin vollends beizustimmen, so ich durch meine gerechte Verschwiegenheit das Gebot des Erzvaters wohl verwahren würde bis zur Zeit seines Wohlgefallens, desgleichen ich heute vor dem Aufgange meinem Leibesvater Jared getan habe, da das Wort des Erzvaters höher steht denn all das lüsternste Verlangen aller seiner Kinder! Und so ich verschwiegen war, tat ich nicht der hohen Pflicht, was ihres Rechtes war?!
   07] Wie ist's denn aber, da ihr wohl wisset, daß, so ich rede, ich nicht aus mir, sondern aus dem Herrn rede, daß ihr mir dann Vorwürfe machet, als hätte ich geredet aus mir, da ihr doch noch von gestern her den sprechendsten Beweis haben möchtet, wie sichtbar nahe der Herr meine schwache Zunge begleitet hat?!
   08] Da ihr aber nun nicht mich, sondern den Herrn durch mich gefragt habt und euch somit nicht an meiner, sondern an des Herrn Stimme gelegen war, so fraget euch selbst, wem der Vorwurf zukommt!
   09] Kann ich denn mehr tun, als es des Herrn Wille ist, oder kann ich mehr geben denn so viel nur, als ich selbst empfangen habe?!
   10] Und hätte ich es auch empfangen in der Fülle, des Herrn Wille aber hätte mir bestimmte Grenzen angewiesen, euch vorderhand nur so viel zu sagen, als ich eben auch pünktlich getan habe, da eben der Herr solches weise absichtlich von mir verlangt hatte, und so ich dem Herrn gehorche in aller Furcht und Liebe, o liebe Väter, saget und urteilet selbst, ob ich nicht recht handle, so ich den Willen des Herrn höher halte denn alles nutzlose Verlangen der Menschen, die zusammen gegen Ihn nichts sind und ohne Ihn auch gar nichts vermögen, mit Ihm aber alles!
   11] O Väter, sehet, für mich ist der Vorwurf überflüssig wie gegen einen Baum, der keine anderen Früchte bringen kann als die, welche der Herr in ihn gelegt hat - mögen sie nun süß oder bitter schmecken -; was aber den Herrn betrifft, saget, wo ist das Wesen, das da nicht ewig gutheißen möchte jegliches Seiner Worte, an deren Verständnisse wohl Ewigkeiten werden vollauf zu nagen haben!
   12] So ihr mich aber aus dem Herrn fraget, da glaubet es auch, daß ich aus dem Herrn rede; zweifelt aber jemand in seinem Herzen, da ist ja ohnehin Frage und Antwort unnütz, da er keinen Glauben hat und seinem eigenen Herzen mißtraut.
   13] Wie kann aber jemand liebefest werden durch seinen Bruder, wenn sein Herz in dem Herrn wankt?! Daher vertrauet dem Worte des Herrn, auf daß ihr liebefest werden möget!
   14] Es ist zwar der Sohn nicht über den Vater; wenn aber der Herr mit dem Sohne redet, dann ist der Sohn des Herrn, und es sollte der Vater sich nicht grämen der Stimme des Herrn im Sohne.
   15] Ich, Asmahael und Ahbel (Abel) haben euch ja ohnehin kundgetan des Herrn Willen, was da ist ein Wunder für uns alle; wozu da noch eine Frage?! Sondern zu handeln in der Liebe und im Glauben an den Herrn ist hier des Rechtens; und was darüber, sei ewig des Herrn! Amen.«


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