Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes' (Band 1)

Kapitelinhalt 47. Kapitel: Über die Größe und Tiefe des Wortes Gottes.

   01] Als sie nun völlig zu sich gekommen waren, siehe, da erhob sich Adam und sprach zu der kleinen Versammlung: »Nun, Kinder, habt ihr es mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren vernommen? Ja, ihr habt gesehen den Herrn der Ewigkeit, den Gott der Unendlichkeit, ja unsern liebevollsten, heiligen Vater habt ihr gesehen und gehört Seine unaussprechlich süße Stimme! Ja, Er ist, wie Er war, da ich Ihn sah, ehe Er noch gesehen wurde von einem sterblichen Auge, das da nun umhüllt ist mit des Todes dreifacher Nacht, und Seine Stimme ist dieselbe unveränderte Stimme voll Macht und Kraft, deren unendlich süßem Klange gehorchend Sonnen und Welten ihr Nichts verließen und in unbegrenzter Ehrfurcht da und das wurden, wo und was sie sind, ja durch deren Klang sogar der mächtigste und größte Geist das wurde, was er jetzt ist: ein ohnmächtiger Wurm im Staube der Erde hier vor euren Augen; denn ich selbst bin an seine Stelle gesetzt worden als eine elende, schlechte, undankbare Kreatur voll Ungehorsams von und aus mir selbst!
   02] O Kinder, sehet, wie überaus gut doch unser Gott, ja unser liebevollster, heiligster Vater ist! Sehet, dieser große Geist, dessen Stelle nun ich armer und überaus schwacher Staubmensch einnehme, war berufen, zu sein ein Bruder der ewigen Liebe der Heiligkeit des Vaters; allein der eigenliebige Ungehorsam trieb diesen großen, mächtigen Geist hierher in diese namenlose Niedrigkeit. Da es nun nicht mehr möglich ist, daß wir in unserer sämtlichen Nichtigkeit je vermöchten, der Gottheit würdig näher nur um ein Sonnenstäubchen zu kommen, so will Er, wie ihr nun alle wohl vernommen habt, um uns näher an Sich zu ziehen, Sich Selbst in unsere Nichtigkeit begeben, um dadurch dieser unserer Nichtigkeit mehr zu geben, als die größte Geistesgröße je zu fassen vermöchte, das heißt - wenn ich es richtig erfaßt habe -: Er will uns Würmern des Staubes nicht nur ein Gott, ein heiliger Vater sein, was Er von Ewigkeit war, sondern Er will uns sogar ein starker Bruder werden, um uns Wertlose dadurch mit Sich zum ewigen Leben vereinen!
   03] O Kinder, wer vermag solch unendliche Liebe zu fassen?! Wo ist das Herz, das in seiner höchsten Entzündung nur den unendlich kleinsten Teil solcher Liebe ertrüge, die da vermag den großen Gott, den heiligsten Vater zu uns herabzuziehen, Sich unserer Nichtigkeit zu erbarmen und endlich aus solcher Liebe selbst Sich mit unserer Nichtigkeit zu bekleiden, um uns alles, alles, alles werden zu können!
   04] O Kinder, mein Gefühl erlähmt mir die Zunge; daher rede du, Henoch, weiter, du gesegneter Redner Gottes, und laß uns vernehmen die Wunderkraft deiner Zunge! Aber höre: wo ich aufgehört habe zu reden, da beginne du zu reden von der großen Liebe des heiligsten Vaters! Amen.«
   05] Und als Henoch solchen Wunsch vernommen hatte, siehe, da gemahnte er sich, erhob sich vom Boden, dankte Mir in aller demütigen Vernichtung seines reinen Herzens, verneigte sich endlich gegen alle und ging zu Adam und verneigte sich vor ihm und sprach:
   06] »O Vater meiner Väter! Siehe, es sind hier meine Väter und deine Kinder; wie sollte ich bei solch unerhörter Erscheinung es nur wagen, meine Zunge vor denen zu rühren anzufangen, die Gott vor mir werden hieß aus dir und durch die Natur mir gesetzt hat zu Vätern?! Daher möchten sie doch auch es mir liebeduldig zuerst gestatten, daß ich dann in vollster Ruhe meiner Eingeweide wohl könnte das Wort der großen Gnade Gottes aussprechen im Angesichte aller Väter und der hohen Mutter Eva.«
   07] Als aber die Väter solch demütige Bescheidenheit vernommen hatten, da standen sie auf, verneigten sich vor Adam und priesen Mich mit lauter Stimme und dankten Mir, daß Ich dem Henoch gegeben habe ein gar so bescheiden demütiges Herz. Und aus dem Angesichte aller strömte hohe Freude über den herrlichen Henoch. Und Adam selbst lobte überaus seine Einsicht und Demut und bat ihn nun mit der fröhlichsten Beistimmung aller, ganz wohlgemut zu beginnen zu reden von der großen Liebe Gottes, des ewigen, heiligen Vaters.
   08] Und als nun Henoch solches vernommen hatte, siehe, da erst begann er nach einer inneren, stillen Anrufung Meiner Gnade und Erbarmung folgendes zu reden und sprach, wie da folgt:
   09] »O geliebteste Väter! Was soll, was kann die matte Zunge des schwachen, begrenzten, kleinen Menschen an der so hoch geheiligten Stelle hervorbringen und zitternd stammeln, wo kurz vorher die ewige Liebe und Weisheit des heiligsten Vaters so ewigen Inhalts schwere Worte wesenhaft zu unseren Herzen geredet hat!
   10] O Väter, was ist unser größtes Wort gegen Sein kleinstes, das da der ewigen Macht solcher heiligen Liebe aus Sich genügte, hervorzubringen eine Unzahl großer und kleiner Dinge, um damit auszufüllen den unendlichen, ewigen Raum Seines Willens, während unsere größten Reden nicht einmal ein kleinstes Sonnenstäubchen aus seiner ihm bestimmten Ordnung zu verwehen vermögen!
   11] O Väter, sehet, so wir das so recht bedenken, muß uns da nicht zumute werden, als stünden wir auf glühenden Kohlen und ich, der Sprecher, auf den brennenden Strahlen der hohen Mittagssonne, da ihre Strahlen über unserem Haupte fließen machen das harte Erz?!
   12] Denket, Gott war es, der da stand als ein mächtiger, ewiger Geist und redete große Worte aus Sich zu uns, und wir verstehen sie nicht und werden sie ewig nicht völlig verstehen; denn wie sollte oder könnte das, so nichts ist aus sich, erfassen die ewige, unendliche Selbstheit Gottes und begreifen den ewigen Geist eines Wortes aus dem Munde Gottes, da wir alle ja ganz wohl wissen, wie viele Worte die ewige Liebe und Weisheit benötigte, um uns und das ganze, unendliche All für uns so vollkommen, als es unbegreiflich ist, hervorzurufen!
   13] O Väter, sehet, wenn man das bedenkt und möchte reden von dem unendlich großen Ruhme Gottes, wo sollte man da anfangen und wo enden?!
   14] Sollten wir uns zum Sonnenstäubchen wenden, das, gar so unbedeutend unter den Strahlen der Sonne glitzernd, in der Luft unserer kleinen Hütte schwimmt, ohne zu wissen, welches das erste ist, daß wir bei demselben anfangen möchten?! Oder wem wohl ist bekannt das letzte, damit er wohlgemessen möchte anstimmen ein billiges Lob dem Herrn, dem heiligsten Vater, dem unendlichen, ewigen Gott?!
   15] O Väter, da wir aber schon in unserer Hütte die Unmöglichkeit einsehen, zu begrüßen das erste Sonnenstäubchen zierlich und wohlgefällig für Gott und zu danken Ihm für die Erkenntnis des letzten, - wo aber werden wir anfangen, so wir aus unserer Hütte treten möchten und schauen da über die weite Erde die endlose Vielheit des Staubes?!
   16] Und doch müssen wir gestehen, daß alles dieses uns unendlich Scheinende vor Gott soviel wie nichts ausmacht, obschon uns die volle Enthüllung auch nur eines solchen Stäubchens eine Ewigkeit beschäftigen würde, so wir es erkennen sollten in der unendlichen Vollkommenheit Gottes.
   17] O Väter, sehet also, ein solch winziges Stäubchen, wie wir es nun erkennen, ist für uns schon so groß; wie groß muß die unendliche Vielheit in ihrer Ordnung vom Ersten bis zum Letzten sein! - Wo ist außer Gott ein Wesen, das da möchte begreifen die ewige Weisheit des heiligsten Vaters darinnen?!
   18] Und da es so ist, was sagen wir zur Erde selbst und zu all den zahllosen Sternen und allem dem, was auf der Erde ist, und was alles sich erst in den großen Sternen vorfindet?! Und was möchten wir sagen über uns, jetzt und urwesentlich?! Und doch ist dieses alles nur ein einfaches Wort aus dem Munde Gottes!
   19] O Väter, jetzt erst bedenket recht: Wie viele Worte hat vor unser aller Augen, Ohren und Herzen derselbe ewige, unendliche, heiligste Vater, durch dessen allmächtiges ,Werde!' die Unendlichkeit erfüllt wurde mit Unendlichkeiten, nun gesprochen!
   20] O höret, die Ewigkeit wird es ewig nicht erfassen, und die Unendlichkeit ist zu klein, daß sie das aufzunehmen vermöchte, was wir aus dem allerheiligsten Munde soeben wonnemüde vernommen haben! Uns Menschen ist das unmöglich zu denken; aber wenn alles dieses wird nach solchem allerheiligsten, allerhöchsten Beschlusse in Erfüllung gehen, dann werden Himmel und Erde müssen selbst endlos werden. Der Staub wird zur Erde und die Unendlichkeit selbst wird müssen endlos erweitert werden, bevor wir nur ein Sonnenstäubchen von dem begreifen werden, was unser aller heiligster Vater im Sinne hat, um uns ein heiliger Bruder zu werden!
   21] O Väter, sehet, welch eine Größe und Tiefe da ist in Gott, - und ich armes Würmchen im Staube sollte es wagen, nach einer solchen Rede sie deutend aufzutreten vor euch, da doch solches für einen neuen Himmel gesagt wurde zu unserem großen Troste - und nicht für diese beschränkte Erde?! Wir können nichts als nur lieben Ihn, der da allzeit heilig, heilig, heilig ist und sein wird ewig. Alles, was wir erkennen mögen, bestehe darin, daß wir Ihn, unsern heiligsten Vater, stets mehr und mehr zu lieben vermöchten, und unsere größte Weisheit bestehe darin, daß wir Den über alles zu lieben vermöchten, der die ewige Liebe Selbst ist durch und durch - und wir und alles durch Ihn ewig! Amen, amen, amen.«


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